29.07.2002 · Vladimir Sorokin hat im Pornografie-Prozess die Aussage verweigert. Der russische Autor will in dem „Theater des Absurden“ nicht mitspielen.
Der wegen angeblicher Pornografie angeklagte russische Schriftsteller Wladimir Sorokin hat am Montag die Aussage vor der Staatsanwaltschaft in Moskau verweigert.
„Ich halte dieses Verfahren für erniedrigend für mich als Schriftsteller und für die russische Literatur insgesamt sowie für unsere famosen Ermittlungsorgane, die sich plötzlich und unerwartet mit der künstlerischen Literatur befassen“, begründete der 46-jährige Autor sein Verhalten. Er habe nicht die Absicht, sich an diesem „Theater des Absurden“ zu beteiligen, berichtete die Agentur Interfax.
Politiker und der PEN-Club protestieren
Der international bekannte und im eigenen Land umstrittene Schriftsteller sollte sich den Fragen der Moskauer Staatsanwaltschaft zum Inhalt seines Romans „Der himmelblaue Speck“ stellen. In dem auch in Deutschland erschienenen Buch lässt sich Sorokin unter anderem über den Intimverkehr geklonter Sowjetführer miteinander aus.
Kritiker werfen dem Autor seit Jahren vor, er ziehe die russische Literatur „in den Schmutz“. Die Anzeige wegen Pornografie wurde von einem Mitglied der Jugendbewegung „Gemeinsamer Weg“ erstattet, die in Russland wegen ihrer Unterstützung des Präsidenten auch als Putin-Jugend bekannt ist.
Vor der Staatsanwaltschaft hatten sich knapp zwei Dutzend Mitglieder der liberalen Jabloko-Partei und des PEN-Clubs versammelt, um für den Schutz der künstlerischen Freiheit zu demonstrieren. Der Duma-Abgeordnete Sergej Mitrochin (Jabloko) bezeichnete das Verfahren gegen Sorokin als „durchdachte Politik von Beamten“, die hinter der Bewegung „Gemeinsamer Weg“ stünden. Kulturminister Michail Schwydkoj hat das Verfahren gegen Sorokin als „gefährlichen Präzedenzfall“ bezeichnet. Im Falle einer Verurteilung drohen dem Autor eine Geldbuße oder sogar eine Gefängnisstrafe von bis zu zwei Jahren.