25.01.2012 · An diesem Freitag erscheint Lana Del Reys Popalbum „Born To Die“. Warum klingt es, als hätte gerade das Jahr 1962 begonnen? Ein Wutausbruch anlässlich eigentlich guter Musik.
Von Niklas MaakZu Lana Del Rey gibt es im Wesentlichen zwei Meinungen. Die einen feiern die amerikanische Sängerin als eines der größten Talente nach Amy Winehouse, Duffy und Adele und lieben den Retro-Stil und das Auftoupierte, Bombastische, Verchromte und Geigenumwogte ihrer Musik und ihrer Garderobe - und die anderen finden sie genau deswegen furchtbar. Der Streit beginnt schon mit dem Lied, das Lana Del Rey schlagartig weltbekannt machte, mit „Video Games“. Wenn man freundlich ist, muss man es eine melancholische Ballade nennen. Menschen, die es nicht mögen, finden, das Lied höre sich an wie ein musikgewordener Käsetoast, lauwarm und zäh; aber diese Menschen sind in der Minderheit.
Denn kommerziell gesehen, ist Lana Del Rey einer der spektakulärsten Erfolge der Popsaison. Auf Youtube wurde „Video Games“ innerhalb des ersten Monats mehr als eine Million Mal aufgerufen, schon viele Wochen vor dem Erscheinen ihres Debütalbums an diesem Freitag fand sich das Lied in den Top Ten.
Was bedeutet dieser Erfolg? Die meisten ihrer Lieder klingen wie ein durch die Schleuse von Hiphop gepresster Sound der sechziger Jahre und handeln von Frauen, die ihren Männern bedingungslos ergeben sind (“you fit me better than my favorite sweater“, „You can be the boss“) und von Bad Girls, die mit Jungs um den Block fahren. Anders als die zweite große amerikanische Kunstfigur, Lady Gaga, mit ihren exzessiven Auftritten, bei denen Männer nur als verschreckte Hintergrundornamente und Futter eines neuartigen singenden Mischwesens aus Mensch, fleischfressender Pflanze, Architektur und Wahnsinn vorgesehen sind, bedient Lana Del Rey ein eher nostalgisches Rollenbild: Mann fährt schnelles Auto, Mann bricht in Bank ein; Frau sieht toll aus und schmachtet und schnurrt und wartet.
In ihren Videos, die oft in nostalgischer Super-8-Optik zusammengebastelt sind, sieht Lana Del Rey aus, als wäre sie direkt aus dem Kleiderschrank von Nancy Sinatra in die Gegenwart gefallen. Dabei fühlt sich diese Gegenwart schon seit fast einem Jahrzehnt so an, als wäre sie durch ein Zeitloch in die frühen sechziger Jahre zurückgestürzt, was ebenfalls seit Jahren von einer mauligen Kulturkritik so anhaltend wie erfolglos beanstandet wird.
Lana Del Rey ist das neueste Erfolgsprodukt eines Phänomens, das die Dinge der Gegenwart überformt wie kein anderes: Retro begann vor etwa fünfzehn Jahren als ästhetische Subkultur in Magazinen wie „Wallpaper“, die plötzlich eine atemberaubende Schönheit in den bisher meistens nur als seelenlos bejammerten Betonarchitekturen und Möbeln der sechziger Jahre erkannten, und in der Mode mit einer Rückkehr zu den schmalen Schnitten dieser Zeit. Was man mit Sicherheit sagen kann, ist, dass Retro längst keine campartige, subkulturelle Geschmacksentwicklung mehr ist, sondern das Ergebnis großangelegter Marktanalysen. Auch Lana Del Rey ist als Retro-Kunstfigur ein strategisches Produkt von Produzenten wie Guy Chambers und Eg White, der schon die Sängerinnen Adele und Duffy in die Charts brachte, und zwar immer mit der gleichen, aus dem musikalischen Baukasten der sechziger Jahre zusammengeschraubten Methode, nämlich mit Geigenhall, Steel Guitar, Hammondorgel und den pathetischen, bombastischen Orchesterwogen der Sinatra-Zeit.
Ja: Man muss ausgemacht hartherzig sein, wenn man Lana Del Reys Balladen nichts abgewinnen kann; sie hat eine spannende Art zu phrasieren (was manchmal bei Liveauftritten schiefgeht) und ein tolles hochtouriges Motown-Timbre in der Stimme. Aber ein Youtube-Video von den Premises, wo Lana Del Rey „Blue Jeans“ quasi a cappella zu einer sparsam dosierten E-Gitarre singt, zeigt, dass ihre Songs auch sehr gut ohne die aufgedonnerte Sixties-Deko auskommen.
Warum also der Retrozauber? Die beliebteste und einfachste psychologisierende Erklärung lautet: In ökonomisch und politisch unsicheren Zeiten gibt es eine Sehnsucht nach Beschwörungen eines kraftstrotzenden, zukunftsgläubigen Amerika, das auf dem Weg zum Mond und nicht auf dem zum Bankrott war. Diese Theorie würde die amerikanische Begeisterung für Retro-Musclecars ebenso erklären wie das völlige Fehlen von Retro in China, Indien und anderen aufstrebenden Volkswirtschaften.
Aber was ist dagegen zu sagen, wenn jemand heute die Songs schreibt, die den Komponisten damals nicht eingefallen sind, und die Autos, die damals immer nicht ansprangen, noch einmal mit Airbags und zuverlässigen Motoren baut? Schon in der Vergangenheit brachten Krisenphasen immer auch Retrobewegungen hervor, als etwa nach der Ölkrise 1974 die Verfilmung des „Großen Gatsby“ ein modisches Revival der zwanziger Jahre lostrat. Mode wie Pop sind seit jeher ästhetische Remixmaschinen. Das Problem ist nicht, dass es Retro gibt; das Problem ist, dass es nur noch Retro gibt. Es gibt immer wieder bemerkenswerte Einzelinnovationen, aber keine neuen musikalischen Massenbewegungen mehr, die, wie es zuletzt bei Techno oder Grunge der Fall war, die Lebensgewohnheiten, das Lebensgefühl eines ganzen Milieus, das Betrachten der Dinge und die Erfassung der Welt grundlegend verändern.
Doch auch die Leute, die nicht mit dem Manufactum-Spaten, sondern mit dem Nierentisch auf die Apologeten absoluter Gegenwart losgehen, übersehen, dass mit einer bestimmten Form von Retro nicht nur der Glamour, sondern auch der Muff dieser Zeit mit durch die Tür weht. Die Frau, die aus den meisten Songs von Lana Del Rey spricht, erinnert an die Frauen der Serie „Mad Men“; es ist die Frau, die, adrett bekleidet, auf dem Beifahrersitz oder im Vorortbungalow auf den scharf gescheitelten Traummann wartet. Retro ist aber auch dort, wo es sich nicht auf alte, repressive Sicherheiten, sondern auf utopiefreudige Aufbruchsphantasien bezieht, eine Abwehrreaktion: ein dem aktuellen ökonomischen und ökologischen Vernunftgebot entgegenstehender Romantizismus der Verschwendung, ein Rettungsanker in die Zeit, in der Autos, wenn sie nur schön waren und gut klangen, gern dreißig Liter verbrauchten, und Panton-Stühle, wenn sie nur extraterrestrisch genug glänzten und schwebten, gern aus hochgiftigem Plastik sein durften. Retro ist repressive Entsublimierung, ein Traum von Rausch und Exzess in einer Zeit, die weiß, dass beides ökonomisch wie ökologisch nicht mehr vertretbar ist.
Es gibt zwei Formen von Retro: Die eine sucht in den Formen der Vergangenheit Sicherheit und den Zauber eines längst verblichenen Glanzes, die andere den verschollenen Werkzeugkasten des Aufbruchs. Retro ist meistens melancholisch. In Retro überlebt ästhetisch, was politisch aufgegeben wurde: Die Euphorie eines Aufbruchs, der Glaube an die Möglichkeit eines Wandels, an Zukunft.
Innovationen manifestieren sich heute nicht mehr vorrangig in Objekten; das Internetzeitalter hat nicht viel mehr als das Smartphone und das iPad als mythologische Objekte der Gegenwart hervorgebracht, entsprechend kultisch werden sie verehrt - vielleicht auch, weil bei ihrer Berührung ein Gefühl dafür entsteht, heute und nicht vor zehn Jahren zu leben. Aber warum entsteht dieses Gefühl für heute nur im Umgang mit multimedialen Konsumobjekten, statt auch in neuen Formen, mögliche Gegenwart zu beschreiben und zu denken, zu entwickeln?
Das Deprimierende am Retro in Musik, Design und Architektur ist der matte, verbastelte Hommagencharakter. Das Retro-Ding ist ein verquollener Zombie: Der New Beetle kann nicht so fein aussehen wie der alte Käfer, weil er noch Airbags und Knautschzonen unterbringen muss. Der Glamour eines alten Mustang findet sich im neuen nicht - weil dieser Glamour in der Detailverliebtheit bei der Gestaltung, in der hingebungsvollen Verschwendung von Chrom und Metall liegt. Aus Kostengründen ist das heute nicht mehr möglich, deswegen gibt es nur graues Plastik. Das Retro-Ding ist ein Bluff: Es gaukelt die Wiederkehr eines alten Glamours vor, den es aber nicht bezahlen will oder kann. Es spielt das vor, was es nicht mehr sein kann.
Eigentlich ist es eine gute Zeit für neue Formen: Es gibt, nach einem Jahrzehnt der Selbstmusealisierung, vielleicht auch den Wunsch zu sehen, wie Gegenwart sich jenseits von iPads und Smartphones anhören und anfühlen könnte. Es gibt neue Techniken, neue Materialien, eine neue Art, Dinge zu denken. Wie man daraus ein Objekt destilliert, hat im Kleinen der Designer Konstantin Grcic mit seiner Lampe Mayday und seinem Chair One gezeigt. Es gibt, siehe Lana Del Rey, tolle neue Stimmen. Es wäre bloß schön, wenn man sie nicht immer, immer nur den alten Kram nachsingen ließe.
Retro vs Nostalgie
Bettina Latak (Betti_Latak)
- 27.01.2012, 19:35 Uhr
Unwissenheit schützt vor Strafe nicht
Frank Hausmann (FHausmann)
- 27.01.2012, 13:52 Uhr
Popwunder Lana del Rey
DANY FRANKY (danyandfrank)
- 27.01.2012, 13:34 Uhr
Titel eingeben
Wolfgang Theodor von Rosenberg (WTvR)
- 27.01.2012, 12:15 Uhr