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Umdeutung politischer Begriffe : Die Wahrheit liegt auf den Plätzen

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„Linke Kampfstrategien“ wie hier der öffentliche Protest im Gezi-Park am Taksim-Platz in Istanbul werden vermehrt von Populisten und Konservativen nachgeahmt. Bild: AFP

Die beliebige Umdeutung politischer Begriffe hat nicht mit Donald Trump begonnen. Die Plätze der jüngsten Revolutionen erzählen ihre Vorgeschichte.

          Kairo, Dienstag, 25. Januar 2011: Schwelender Unmut am „System“ Mubarak verwandelt sich in Protest und Revolte. Tausende Demonstranten verschiedener politischer Richtungen strömen auf dem symbolträchtigen Tahrir-Platz in Kairo zusammen. Das Regime setzt auf Gewalt. Doch angesichts der unerwarteten „Selbstorganisationfähigkeit“ des Platzes wird die gewalttätige Intervention zum Brandbeschleuniger für den Widerstand: Innerhalb weniger Tage steigert sich die Zahl der Protestierenden landesweit auf einige hunderttausend und weitet sich flächenbrandartig aus.

          Kiew, Sonntag, 1. Dezember 2013: Scheinbar von einem Tag auf den anderen stehen Hunderttausende Demonstranten auf dem Majdan Nesaleschnosti, dem „Platz der Unabhängigkeit“ in Kiew, und reiben sich überrascht von sich selbst die Augen. Noch am Vorabend hatte ein Berkut-Kommando eine studentische Protestversammlung routiniert brutal aufgelöst. Wie sehr die Machthaber sich verrechnet haben, zeigt sich an diesem ersten Dezember. Noch am selben Tag wird der Versuch unternommen, den Präsidentenpalast und das Kiewer Rathaus zu stürmen.

          Istanbul, Dienstag, 28. Mai 2013: Die ersten Bulldozer fahren im Gezi-Park am Taksim-Platz vor. Ihr Auftrag: Bäume zu entwurzeln, um Platz für ein Einkaufszentrum zu schaffen. Von den Demonstranten werden diese Bäume mit Spruchbändern und Zeichen geschmückt, auf denen steht: „Töte mich nicht.“ Ein Aktivist aus Ankara twittert ein Zitat aus Orhan Pamuks Roman „Mein Name ist Rot“: „Ich möchte nicht der Baum selbst, sondern seine Bedeutung sein.“

          Der Platz wird neben der politischen Kampfarena zu einem Ort der Magie und Phantasie. Am Folgetag strömen bereits zehntausend, einen Tag später hunderttausend Menschen auf den Taksim-Platz: Sozialisten, Alewiten, Sunniten, Kurden, Atheisten, Rentner, Studenten, Künstler, Fanclubs von Fußballvereinen - ein Querschnitt der Bevölkerung. Es ist, als ob die kollektive Wut auf den Namen Recep Tayyip Erdogan als Symbolfigur eines faulen Modernisierungsprozesses bis auf den Tod miteinander verfeindete Gruppierungen über Wochen und Monate auf dem Platz zusammenschweißt.

          Probebühne für weit gravierendere Prozesse

          Drei Geschehnisse, die nicht nur lokale und nationale Auswirkungen hatten, sondern weltweit für Aufsehen sorgten, und die alle drei noch nicht abgeschlossen sind. Im Gegenteil, es scheint so, als sei das, was auf den Plätzen begann, nur die Probebühne für weit gravierendere Prozesse, die erst jetzt in ihrer vollen Tragweite erkennbar werden. Der Maidan bereitete einen Krieg vor, wärmte ihn an, dessen Kampfzone sich bis heute ausweitet. In Ägypten spielt sich ein gnadenloser Kampf zwischen religiös-diktatorischen und militärisch-diktatorischen Systemen ab - dieser Konflikt schwelt und kocht, köchelt weiter.

          Was mit dem Taksim geschah, übertrifft beide Vergleichsfälle. In nur wenigen Stunden wurde plötzlich alles anders. Noch in der Nacht des Putsches in der Türkei am 15. Juli 2016 rufen Erdogan und sein Ministerpräsident dazu auf, die Straßen und Plätze zu besetzen, um sie gegen den Putsch des Militärs zu verteidigen. Die sonst eher „linke“ Kampfstrategie, sich den öffentlich-urbanen Raum anzueignen, um eine Gemeinschaft über Affekte, zu schaffen und zu aktivieren, wird plötzlich Werkzeug der konservativen AKP. Noch in der Nacht wird die Bosporusbrücke, Schauplatz der Auseinandersetzungen zwischen Militär und Erdogan-Anhängern, umbenannt in die „Brücke der Märtyrer des 15. Juli“, der 15. Juli wird zum „Tag der Freiheit und der Demokratie“ erklärt, und Erdogan und seine Anhänger werden als Retter der Demokratie gefeiert.

          Binnen weniger Stunden wird der Taksim-Platz, bis dahin Schauplatz des großen Aufbegehrens und vehementer Manifestationen der kritischen Opposition, zum Sammelplatz einer kollektiven Unterwerfung. An die Stelle oppositioneller Aktivitäten treten hymnische Solidaritätsbekundungen und patriotische Gesänge. Auch in der Rückschau erscheint die reflexartige Geschlossenheit, mit der sich diese ideologische Umwidmung des Platzes vollzog, als gespenstisch und alles andere als selbstverständlich.

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