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Popmusik „Nothing Remains“: David Bowie knüpft an große Zeiten an

12.06.2002 ·  Musikhistorie revisited: David Bowies neues Album „Heathen“ überrascht mit einer glanzvollen Rückbesinnung auf alte Stärken.

Von Michael Schuh
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Der Anfang gerät pathetisch. Betont ruhige Keyboardflächen wabern und David Bowie singt dazu: „Nothing remains“. Und später: „Everything has changed“. Auf den ersten Höreindruck hat sich auf Bowies neuem Album „Heathen“ im direkten Vergleich zum Vorgängeralbum „Hours“ von 1999 nicht viel geändert. Getragene Melancholie beherrscht das Klangbild.

Beinahe vier Minuten lang zieht sich das narrative Intro hin, bis der Song mit dem abrupten Einsatz des Schlagzeugs zu seinem Ende findet. Und doch ist vieles anders als noch vor drei Jahren: Fühlte sich der Brite damals noch gezwungen, das Alter Ego eines Mittfünfzigers zu kreieren, um sein Publikum nicht mit der ihm innewohnenden Glückseligkeit zu langweilen, ist David Bowie 2002 bei sich selbst angekommen. Plötzlich funktioniert es ohne Kunstfigur, oder besser: David Bowie spielt David Bowie.

Einfühlsame Rückbesinnung

History repeating. Mit ein Grund, warum „Heathen“ nicht selten Assoziationen an die ganz großen Bowie-Zeiten vor 25 Jahren weckt, ist Tony Visconti. Der Produzent, der unter anderen seine Berlin-Alben „Low“ und „Heroes“ produzierte, scheint in Bowie die Leichtigkeit geweckt zu haben, das Räsonieren über wahre Identitäten einer einfühlsamen Rückbesinnung und Konzentration auf seine Stärken Raum zu geben. Eine bis vor kurzem nicht zu realisierende Aufgabe. Denn es gab eine Zeit, da hatte David Bowie seine Vergangenheit satt.

1990 verkündete er, seine „Sound & Vision“-Welttour sei die letzte Konzertreise, auf der er all seine Klassiker seit „Space Odditiy“ noch einmal spielen würde. Das klang wie eine Drohung. Bowie hielt Wort. Der Legende genüge getan, flüchtete er sich in den 90er Jahren nicht nur in virtuelle Welten, sondern entfernte sich mit den Alben „1. Outside“ und „Earthling“ weiter von seinen Wurzeln, als es seinem Publikum oftmals lieb war.

Tarnungsfreie Selbstreferenz

Heute „Heathen“. Die Zeit der Rastlosigkeit ist vorüber. Innehalten und zurückblicken. Dabei faszinieren den Sänger noch immer die düsteren Seiten der menschlichen Existenz. Es geht ihm um Verlust, Ängste, Liebe und Endlichkeit. Nur steht er heute selbst ungeschützt im Rampenlicht, der Mensch Bowie, der die tarnungsfreie Selbstreferenz zur Kunst erhebt. Musikalisch äußert sich dies in grandiosen Songs, die seine lyrische Intimität in Komposition und Arrangement widerspiegeln.

„Slow Burn“, die in Kooperation mit Who-Gitarrist Pete Townshend entstandene erste Single-Auskopplung, ist einer jener Popsongs mit dem typischen Bowie-Kniff im Songwriting. Im Refrain überschlägt sich Bowies Falsetto schier, während Townshend die „exzentrischste Rockgitarre, die ich je gehört habe“ spielt. Gleich drei Coverversionen finden sich auf „Heathen“, mehr gab es zuletzt nur auf „Pin-Ups“, dem reinen Cover-Album von 1973. Einer der Höhepunkte ist die Pixies-Adaption „Cactus“, die nur darauf gewartet zu haben scheint, von Bowie interpretiert zu werden. Geschickt belässt er dem Song seine polternde Garage-Attitüde, nur den Chor-Einschub „P-I-X-I-E-S“ ändert er zwangsweise um in „D-A-V-I-D“.

Glanzvolle Nostalgie

„I've Been Waiting For You“ ist eine hinreißende Liebeserklärung Bowies an seine Frau, nur stammt der Song ursprünglich aus der Feder Neil Youngs, der ihn 1969 für sein Debutalbum aufnahm. Der mächtig lärmende Rocksong hat Gastgitarrist Dave Grohl (Foo Fighters) sicherlich einiges zu verdanken. Glanzvolle Nostalgie versprühen das melancholische „5.15 The Angels Have Gone“ und das optimistische „Everyone Says 'Hi'“, die ungeniert in Bowies Ahnengalerie der 70er Jahre Platz finden könnten. Mit „Slip Away“ wagt er sich gar in hymnische Sphären vor, die die Qualität von „Life On Mars“ besitzen. Und als hätte es in punkto Selbstreferenz noch eines eindeutigen Statements bedurft, covert Bowie „I Took A Trip On A Gemini Spaceship“ der Legendary Stardust Cowboys, einer Formation, von der sich der alte Ziggy einst seinen Beinamen borgte.

Musikhistorie revisited: „Heathen“ ist eine Reise zu Bowies musikalischen Wurzeln, die durchaus sentimental ausfällt. Das darf sie. Die Frage „Where Have All The Good Times Gone?“ stellt sich glücklicherweise nicht.

„Heathen“ von David Bowie ist auf Columbia erschienen.

Quelle: @msch
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