Home
http://www.faz.net/-gqz-3q4m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Popmusik In der Aufmerksamkeitsfalle: Grönemeyers „Mensch“

03.09.2002 ·  Auch das private Schicksal des Sängers macht „Mensch“, das neue Album von Herbert Grönemeyer, zum Erfolg. Zugleich verstellt es den Blick auf die CD.

Von Fridtjof Küchemann
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Es geht natürlich nicht: sich das neue Album von Herbert Grönemeyer anzuhören, ohne es mit dem allgemeinen Klischee von Schicksalsschlägen und ihrer künstlerischen Verarbeitung zu verbinden. Dass vor vier Jahren Bruder und Frau des Sängers kurz nacheinander an Krebs gestorben sind, ist eine schreckliche Tatsache.

Dass die Spuren, die dieser Verlust im Leben des Menschen Grönemeyer hinterlassen hat, auch in der Musik des Künstlers Grönemeyer abzeichnen, muss man auch dann ehrlich und konsequent nennen, wenn sie den heute 46-Jährigen in ein Dilemma führen: Das menschlich kaum Erträgliche steigert nach seiner künstlerischen Verarbeitung den Marktwert des Musikers und seine mediale Attraktivität. So zynisch es ist, den aktuellen Erfolg Grönemeyers auf das öffentlich Bekannte seines Privatlebens zu beziehen, so wenig lässt es sich voneinander trennen.

Unterlaufen

Viel wurde über das Schicksal des Wahl-Londoners gesprochen und geschrieben, auch von ihm selbst gesungen. Als Grönemeyer am Freitag in Berlin sein Album „Mensch“ auf einer Pressekonferenz vorstellte, bildete dieses Thema gerade noch den Hintergrund des journalistischen Interesses. Fragen zur Wahlheimat, zur Gesellschaft und Politik wurden dem Rückkehrwilligen, dem Gesellschaftkritischen und politisch Wachen gestellt.

Dabei können die Ansichten Grönemeyers hierzu kaum überraschen - nicht einmal in der gewohnten Ausdruckskraft des Sprachpathetikers. Er selbst wurde auch nach den großen Interviews im Vorfeld der Alben-Veröffentlichung nicht müde, auf den Unterschied zwischen Kunst und Leben hinzuweisen, auf die Stilisierung von Gefühlen als künstlerischem Verfahren. Aber die Stilisierung von Gefühlen ist zugleich ein mediales Verfahren: Aus dieser Gleichsetzung gibt es kein Entrinnen.

Gegenwärtig

Gegen den Vorwurf der Peinlichkeit, der sich Grönemeyer mit seinen Texten immer wieder auch bewusst aussetzte, ist der Musiker derzeit gefeit: Er darf jetzt, was er immer schon tat. Und er kann es immer noch ganz gut.

Was er auch ganz gut kann, und das eigentlich macht „Mensch“ zu einem hörenswerten Album: seine stilistischen Eigenheiten, den gepressten Gesang, den musikalischen Druck, mit dem derzeit Gängigen kurzzuschließen, ohne Zeitgenossenschaft nur zu behaupten. Das Album ist stilistisch vielfältig, bedient sich bei Breakbeats und elektronischen Verfremdungen ebenso wie bei Rock und avanciertem Songwriting. Es ist aufwändig und ausgeruht produziert. Es ist auch musikalisch reif. Und das wird „Mensch“ auch dann noch Aufmerksamkeit sichern, wenn der persönliche Zusammenhang langsam in Vergessenheit gerät.

„Mensch“ von Herbert Grönemeyer ist auf Grönland / Emi erschienen.

Quelle: @kue
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1972, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr