Home
http://www.faz.net/-gqz-nv5i
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Popmusik Die Hosen im Rock

31.08.2003 ·  Sie singt über Sex wie sonst nur Männer, schnallt sich für Fotos schon mal einen Schnurrbart um oder einen Dildo und nennt ihr neues Album „Fatherfucker“: Die Sängerin Peaches ist ein Glücksfall.

Von Johanna Adorján
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Vorab mal dies: Die neue, zweite Platte der Sängerin Peaches klingt fast genauso wie die erste, und das ist bestimmt kein Nachteil. Genauso hingerotzt, genauso dreckig, genauso selbstbewußt, laut und sexy. Wollte man eine Schublade aufmachen, es könnte "Glamouröser Elektro-Punkrock" darauf stehen. Versehen mit dem Zusatz: "Wütende junge Frau". Und: "Musik aus Berlin".

All das ist Peaches, die 36jährige Kanadierin mit Wohnsitz Berlin, Hoffnungsträgerin für so viele Dinge: Daß Frauen im Musikgeschäft nicht nur als powackelnde Bikini-Hasen vorkommen, sondern auch schmutzig und häßlich sein dürfen (wenn sie wollen). Daß Elektropop auch außerhalb der achtziger Jahre noch Sinn und Spaß macht. Daß aus Berlin wirklich mal etwas Aufregendes kommt. Etwas, das international als cool gilt, als neu und als aufregend.

Glück für Berlin

Daß Peaches ihrer Plattenfirma wegen vor drei Jahren nach Berlin gezogen ist, ist ein Glück für diese Stadt. Wo sie ist, ist nicht: Provinz. Mit Peaches kam ein neuer Ton in diese Stadt und von hier aus in die Musikwelt. Peaches, das ist Anarchie, Spaß und die Ahnung davon, daß alles ganz anders sein könnte, als die Popindustrie uns einreden will: vor allem die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern.

Selbstverständlich ist Peaches eine Feministin, welche Frau, die nicht gehirnamputiert ist, wäre das nicht. Aber sie kämpft nicht für gleiche Rechte, sie setzt sie voraus.

Sie singt über Sex, wie sonst nur Männer: eindeutig und aggressiv. Für Fotos schnallt sie sich schon mal einen Schnurrbart um oder einen Dildo. Ihr neues Album hat sie "Fatherfucker" genannt - warum sollen immer nur die Mütter dran glauben müssen. Und als sie vor ein paar Monaten in Los Angeles zufällig in die Künstlergarderobe des erfolgreichen Hip-Hop-Produzentenduos N.E.R.D. kam und darin lauter Fotos halbnackter Mädchen vorfand, nahm sie einen Edding und malte den Mädchen Bärte und Schwänze. Mit unfreundlichen Grüßen.

Männer als Sexobjekte

Man tut Peaches wahrscheinlich keinen Gefallen damit, in ihr die große Feministin zu sehen, die sich aufgemacht hat, den Männern das Fürchten zu lehren. Wo wir nun aber schon mal beim Thema sind: Der Feminismus von Peaches besteht nicht wie üblicherweise darin, das Fehlverhalten von Männern zu kritisieren und zu verurteilen, sondern einfach alles ganz genauso zu machen. Ja, im Hip-Hop werden Frauen diskriminiert. Aber es läßt sich wohl nicht ändern - also, scheint Peaches zu denken, machen wir eben unsererseits Männer zu Sexobjekten. Und sexualisieren uns selbst. Shake your tits and shake your dicks (so der Text eines Peaches-Songs). Und diese Haltung hat bei ihr nichts Trotziges, sondern wirkt bei allem Programmatischen leicht, unbekümmert und frei.

In erster Linie aber macht Peaches Musik. Großartige Musik. Sie selbst beschreibt es als minimalistischen Discopunk, bestehend aus drei Bausteinen: Rock 'n' Roll, Oldschool-Hip-Hop und elektronischer Musik. Zu ihren Fans zählen mittlerweile so ziemlich alle Größen der Popkultur, darunter Iggy Pop, der auf dem neuen Album ein Duett mit ihr singt. In ihrer unerbittlichen Monotonie erinnern alle Peaches-Songs an Sex; daß die Texte von kaum etwas anderem handeln, mindert diesen Eindruck natürlich nicht gerade. Aber es geht um mehr als das, was wir auf deutsch unter Sex verstehen. Es geht um die Unterschiede zwischen Männern und Frauen und darum, diese zu feiern. Wäre ja langweilig, wenn alle gleich wären. Wozu dann die ganze Aufregung.

Peaches: „Fatherfucker“. Erscheint am 15. September bei kitty-yo.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.08.2003, Nr. 35 / Seite 23
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1971, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr