Gebannt starrten die Zuschauer des Björk Konzertes von ihren Sitzen auf die Bühne. Dort sahen sie einen grönländischer Inuit-Chor, bestehend aus 15, in rote Gewänder gehüllten Sängerinnen im Hegelsaal der Stuttgarter Liederhalle.
Rechts daneben war das amerikanische Elektronik-Duo Matmos postiert; am linken Rand der Bühne die Harfenistin Zeena Parkins. Und mittendrin: Die barfüßige Björk - tanzend, lachend, wild mit den Händen fuchtelnd, aufstampfend, lachend oder elegant das Mikrophon umklammernd. Dabei sang sie so schön und
ergreifend, dass man beim Blick auf das Publikum meinen konnte, Zeuge einer Massenhypnose zu sein. Jedenfalls hatte man selten derart konzentrierte Menschen bei einem Popkonzert gesehen. Knapp zwei Stunden dauerte die Show der isländischen Sängerin. Im Vorprogramm hatten Matmos alleine das Publikum aufgewärmt.
War das noch Pop?
Doch handelte es sich bei diesem aufwendig inszenierten Spektakel überhaupt um ein Pop-Event? Schließlich saß vor der niedrigen Bühne des Saals auch ein 50-köpfiges Orchester aus Streichern und Bläsern. Setting und Stimmung erinnerten dadurch an ein klassisches Konzert. Doch beließ es Björk nicht bei diesem Eindruck: Auf ihre unnachahmliche Art ließ sie die Genregrenzen verschwimmen. Pop, E-Musik und Folklore fanden zusammen. Pop, das war die schillernde Performance von Björk und ihrem Ensemble. Folklore, das waren der Gesang und das rhythmische Klatschen des Inuit-Chors. Und die E-Musik war durch die Streicher und die avantgardistischen Geräuschkaskaden von Matmos vertreten.
Zusammengehalten wurden diese drei widerstrebenden Elemente durch Björks raumgreifende Stimme. Diese schien nicht nur die Seelen der Zuhörer, sondern auch den Körper der Sängerin zu steuern. Stets bewegte er sich auf eine fast pantomimische Art im Takt der Stimme.
Überschattet von den Katastrophen zu hause
In der ersten Konzerthälfte trug Björk ein knappes schwarzes Glitzerkleid und eine gestreifte Strumpfhose. Nach der 20-minütigen Pause stieg sie auf eines ihrer typischen Ballonkleider um. Nicht nur, weil sie keine Schuhe trug, wirkte die 35-jährige Isländerin wie ein störrisches kleines Mädchen, das ganz für sich alleine singt. Eben wegen dieser solipsistischen Verweigerungsgeste hatte das Konzert etwas sehr Intimes und Warmes. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass Björk, anders als noch vor einigen Wochen angekündigt, nun doch mit Mikrophon auftrat. Alle schienen die emotionalen Signale der Sängerin aufzusaugen.
Natürlich wurde der Auftritt von den Terroranschlägen in den Vereinigten Staatenüberschattet. Fans wissen, dass Björk seit einigen Jahren in New York lebt und sich dort neuerdings mit Matmos einen Übungsraum teilt. Mit zitternder Stimme gestand Björk dem Publikum, wie "upset" sie über die Ereignisse auf "einer Insel westlich von uns sei". Dann widmete sie einen Song der amerikanischen Musikerin Meredith Monk den Menschen in Manhattan, eine "kleine Predigt" sollte es sein. Spätestens in diesem magischen Moment hatte wohl jeder der knapp 2000 Zuschauer vergessen, dass er zwischen 100 und 200 Mark Eintritt bezahlt hatte.
Altes und Neues bunt gemischt
Insgesamt überraschend und erfreulich: Björk spielte nicht bloß Songs ihres aktuellen Albums "Vespertine". Bunt wurden alte und neue Songs gemischt - sogar "I've seen it all", ein Stück vom "Dancer in the Dark"-Soundtrack wurde präsentiert.
Im dynamischeren zweiten Teil des Konzertes lockerten vor allem ältere Stücke wie "Isobel" die Stimmung. Außerdem sorgten die fröhlich hin und her wippenden grönländischen Chorsängerinnen für atmosphärischen Aufschwung. Immer lauter wurde das Kreischen des Publikums zwischen den Stücken. In einem Moment ging mit Björk sogar der Punk durch - energisch reckte sie die Faust ins Auditorium. Während sie dann als Zugabe den alten Hit "Human Behaviour" spielte, standen alle auf und tanzten. Sogar der seriöse Orchesterdirigent erschien nun plötzlich wie ein ausgeflippter Clubtänzer.
Diesem Moment haftete - wie überhaupt dem ganzen Konzert - etwas Utopisches an. Denn in Björks Kosmos fand Widersprüchlichstes friedlich Platz: sei es Spaß, sei es Ärger sei es Trauer - sei es Pop, sei es Folklore, sei es Avantgarde. Wie berauscht verließen knapp 2.000 Zuschauer die fabelhafte Welt der Björk.
Draußen wartete das Grauen der Realität.