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Zum Tod von Nils Koppruch Kopf in den Wolken

Amerikanische Zwischentöne, wirksame Volkstümlichkeit und deutscher Pop: Das passte vielleicht nur bei ihm zusammen. Zum Tod des Sängers und Malers Nils Koppruch.

© Thomas Brill Vergrößern Erneuerer des Folk: Nils Koppruch bei einem Konzert in Köln im Jahr 2007

Zieh Dein Hemd aus, Moses/Mach das Dach fest, heiz das Bad“: Solche urigen Texte hört man heute nicht mehr häufig in der deutschsprachigen Popmusik. Der Hamburger Sänger und Maler Nils Koppruch hat dieser Musik eine Volkstümlichkeit zurückgegeben, die selbst die besten deutschen Folkbarden der sechziger und siebziger Jahre ihr noch nicht geben konnten, und ihr dafür manchmal auch den letzten Rest an Lieblichkeit genommen: „Hol das Kind rein, mach das Holz klein/ Und stampfe, bis es passt.“ Derartige, biblisch inspirierte Heimwerker-Geschichten konnte Koppruch so herrlich hart und schnarrend vortragen, dass man förmlich die Axt in den Stamm fahren spürte.

Der 1965 in der Elbstadt geborene Koppruch machte zunächst eine Ausbildung als Koch, holte später das Abitur nach und wurde nach dem Zivildienst Musiker und Maler in dem ihm ans Herz gewachsenen Heimatkiez St.Pauli. Mit der Band Fink präsentierte er 1997 auf dem Debütalbum „Vogelbeobachtung im Winter“ eine so noch nicht gehörte Variante deutschen Folk-Rocks - deutlich inspiriert vom in dieser Zeit in Amerika aufkommenden alternative country, also rauh, mit unverfälscht aufgenommenen Instrumenten und feinstem Scheunenschlagzeug.

Mit Gitarre, Banjo und Mundharmonika

Das klangtechnische Ideal von Fink war später immer nah bei dem für so viele Musiker dieser Stilrichtung maßgeblichen Album „Mule Variations“ von Tom Waits aus dem Jahr 1999. Koppruch, der sich von Waits offensichtlich eine Scheibe abgeschnitten hatte, spielte in dieser Band auch Gitarre, Banjo und Mundharmonika. Besonders gewinnend wurde deren Gesamteindruck aber erst durch die Lapsteel- und Pedal-Steel-Beiträge des virtuosen Gitarristen Dinesh Ketelsen, der zuvor zu der ihrerseits für die deutsche Popmusik einflussreichen Band Nationalgalerie gehört hatte.

Bei Fink ging es nicht nur musikalisch, sondern auch textlich tief in die Landschaft, bekam der im amerikanischen Idiom als Schwarzbrenner geläufige moonshiner ein deutsches Äquivalent als Mondscheiner, das darüber hinaus aber doch poetischen Mehrwert hatte. Nach dem Ende der Band veröffentlichte Koppruch, der unter dem Künstlernamen „SAM“ ebenso rauhe Werke der art brut hervorgebracht hat, zwei Soloalben. Das zweite, „Caruso“ (2010), vermochte lyrisch nicht ganz zu überzeugen, auch wenn es den Bekanntheitsgrad des Sängers steigerte.

„Und auf einmal war er weg“

Jüngst jedoch war Koppruchs Karriere durch die Zusammenarbeit mit dem Liedermacher Gisbert zu Knyphausen und drei weiteren Musikern als „Kid Kopphausen“ zu neuer Blüte bei vielfach gelobten Konzertauftritten gekommen. Zu den schönsten Zeilen des ersten Albums dieser Kollaboration, auf welches noch weitere hätten folgen sollen, gehört die von Knyphausen gesungene Zeile: „Ich hatte den Kopf in den Wolken/Und auf einmal war er weg.“ Ganz plötzlich ist nun auch Nils Koppruch nicht mehr da: Im Alter von siebenundvierzig Jahren ist er in der Nacht zum Mittwoch unter noch ungeklärten Umständen gestorben.

Quelle: F.A.Z.

 
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