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Zum Tod von Jaki Liebezeit : Er spielte wie ein Uhrwerk

Ein Pionier am Schlagzeug: Jaki Liebezeit (1938 bis 2017) Bild: dpa

Weil er Jazz leid war, revolutionierte er den Rock: Jaki Liebezeit schuf nicht nur mit seiner Band Can Schlagzeug-Grooves, die zuvor für die deutsche Musik unvorstellbar schienen. Jetzt ist er im Alter von 78 Jahren gestorben.

          Die beiden wichtigsten deutschen Beiträge zur internationalen Popmusik sind reichlich gegensätzlich: Kraftwerk hat Pop auf der reinen Oberfläche geschaffen – Maschinenmusik, die unabhängig von ihren Teilnehmern reproduzierbar ist. Deshalb kann Gründer Ralf Hütter auch Jahrzehnte nach den ursprünglichen Aufnahmen die Musik ohne Qualitätsverluste mit drei neuen Mitspielern aufführen. Bei der Band Can dagegen entstand das Ganze aus der Summe der einzelnen Teile und einem Fünkchen Magie, die aus dieser Kombination hervorging. Kein Bandmitglied war ersetzbar, jeder Einzelne trug mit seiner besonderen Handschrift dazu bei, dass eine nie zuvor gehörte Musik entstand.

          Vom Free-Jazz zu neuer Rockmusik

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Jaki Liebezeit war ein etablierter Free-Jazz-Drummer in der Kölner Szene, als er 1968 von Keyboarder Irmin Schmidt gefragt wurde, ob er einen Trommler für seine Idee kenne, eine avantgardistische Rockgruppe zu gründen. Liebezeit hatte Erfahrungen bei Chet Baker und Manfred Schoof gesammelt. Doch er war den verkopften Jazz leid und verspürte die Neugier, etwas ganz Neues im Rock zu erschaffen. So schlug er sich selbst als Idealbesetzung vor. Was sein Beitrag war, ließ sich am besten in langen Stücken wie „You Doo Right“ oder „Halleluwah“ hören: Monotone, einfache, aber schwer zu spielende Rhythmen, die den afrikanischen Wurzeln der Popmusik zu entstammen schienen und groovten, wie es für deutsche Musik fast unvorstellbar schien.

          Liebezeit spielte wie ein Uhrwerk. Die Can-Stücke sind häufig als Collagen aus stundenlangen Aufnahmen entstanden. Auf seine metrische Präzision war so sehr Verlass, dass die Versatzstücke neu zusammengeschnitten werden konnten. „Dabei kam zu Hilfe, dass Jaki, wenn der einmal auf ein Metrum eingerastet ist, auch am nächsten Tag dabei bleiben konnte“, sagte Schmidt einmal im Gespräch. Diese Qualitäten waren auch nach der Trennung der Band Ende der siebziger Jahre gefragt. Liebezeit spielte mit Brian Eno, Michael Rother und Depeche Mode und ist auf Joachim Witts Neue-Deutsche-Welle-Klassiker „Goldener Reiter“ zu hören. Immer wieder half er seinen Bandmitgliedern aus. Seit der Jahrtausendwende schuf er auch eigene sehr hörenswerte Werke – etwa in der Reihe „Secret Rhythms“. Am Sonntag ist der gebürtige Dresdner im Alter von 78 Jahren gestorben.

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