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Zum Tod von Udo Jürgens : Unser Herr Bockelmann

Udo Jürgens (1934 - 2014) Bild: Claus Eckert

In seinen Liedern war Udo Jürgens eine Projektionsfigur für Millionen. Als Entertainer trat er seinem Publikum stets mit heiligem Ernst gegenüber - zuletzt noch in seinem Tournee-Motto „Mitten im Leben“.

          Vielleicht beginnen mit dieser Szene: Als im Herbst bei der Fernsehgala zu Udo Jürgens’ achtzigstem Geburtstag Otto Waalkes auftrat und statt „Griechischer Wein“ eine musikalische Parodie mit dem Titel „Friesischer Wein“ vortrug, da meinte man Jürgens doch zunächst etwas irritiert zu sehen, als die Kamera auf ihn schwenkte.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Es wirkte für einen Moment lang so, als fände er die Verhohnepiepelung dieses seines vielleicht bekanntesten Liedes unangemessen, nicht kompatibel mit dem heiligen Ernst, mit dem er selbst vor sein Publikum trat, jahrzehntelang. Dann freilich war der Moment vorüber und Jürgens bedankte sich bei Waalkes, doch mit einem Lächeln, und doch wohl auch gerührt.

          Schwarzer Anzug, Rote Rosen und weißer Bademantel: Udo Jürgens auf Konzerttour 1982 Bilderstrecke
          Udo Jürgens wird 80 : Im Bademantel bis zum Schluss

          Mit Udo Jürgens ist ein sehr ernster Sänger und ernsthafter Entertainer gestorben, der mit eben dieser Miene „Merci, Chérie“ oder „Ich weiß, was ich will“ oder auch „Ein Traumtänzer - bin ich“ singen konnte und dafür von einem großen Publikum geliebt, verehrt wurde. Mit 80 ist er tatsächlich noch einmal auf Tournee gegangen, um all jene Schlager und Chansons zu spielen, die, gerade auch in ihrer Breitenwirkung und der Art und Weise ihrer Rezeption, ein Stück bundesrepublikanischer Zeitgeschichte sind: vom „ehrenwerten Haus“ bis eben zu jenem Lied über den Wein, der „wie das Blut der Erde“ ist. Es sollte ein Lied über die Wehmut der Gastarbeiter sein, aber rezipiert wurde es doch eher als Trinklied, was sich sogar noch in den ersten Fernsehnachrufen auf Jürgens bemerkbar machte, die am Sonntagabend gesendet wurden.

          Jürgens hat sich stets dazu bekannt, dass er ein breites Publikum ansprechen wollte, er tat dies nicht nur auf Konzerten, sondern vor allem auch im Fernsehen, dessen Show-Ästhetik mit seiner synonym wurde: immer große Geste, immer Gala. Wer allerdings nur die Jahre des maximalen Publikumserfolgs sieht, übersieht die harte Arbeit, die der Künstler dafür leisten musste: Udo Jürgen Bockelmann, der sich seit 1956 Udo Jürgens nannte, musste viel tingeln und viele Lieder singen, die ihm gar nicht lagen, bis er 1966 den Grand Prix mit dem Merci-Lied gewann und daraufhin zu Weltruhm kam. Ja, er war sogar „Big in Japan“.

          Er war nie der entrückte Star

          Durch die Nähe auch im Privaten, mit der das Fernsehen Jürgens bis zuletzt begleitete, wurde er eine Projektionsfigur für Millionen, die trotz ihres zeitweiligen Rufes als „homme à femmes“ und der im Bademantel gesungenen Zugaben nicht als entrückter Star erschien, sondern als Mensch wie du und ich, mit einem leicht abgewandelten Titel Walter Kempowskis könnte man vielleicht sagen: als „Unser Herr Bockelmann“. Gerade in seinen Liebesliedern fanden sich sehr viele Menschen wieder, aber zum Beispiel auch in der Jetzt-erst-recht-Hymne „Mit 66 Jahren“.

          Über das Motto seiner Tournee, „Mitten im Leben“, war zuletzt zu hören, es sei doch kokett für einen Achtzigjährigen. Wer so redet, übersieht freilich den heiligen Ernst, der auch in diesem Motto steckt: Media vita in morte sumus, das ist die Erkenntnis eines Mönchs aus dem neunten Jahrhundert, Notkers des Stammlers aus St. Gallen. Auf Deutsch kennt man sie aus Martin Luthers Übersetzung des liturgischen Gesangs: „Mitten wir im Leben sind / Mit dem Tod umfangen“. Mitten im Leben, auf einem Spaziergang in der Schweiz, hat nun Udo Jürgens der Tod ereilt. Wenn der Mann, der gut tausend Lieder geschrieben hat, auch aus diesem Ereignis noch einen Song hätte machen können, dann hätte er ihm vielleicht den Memento-mori-Titel eines alten, weisen Grabspruches gegeben: Heute ich, morgen Du.

          Quelle: FAZ.NET

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