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Zum Tod von Gil Scott-Heron Der schwarze Bob Dylan

 ·  Schaltet die Glotze ab und geht auf die Straße! Vor der politischen Wut Gil Scott-Herons hatten selbst die Gangsta-Rapper Respekt. Jetzt ist der Soulveteran im Alter von 62 Jahren gestorben.

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Wenn der Blues an den Kreuzungen in den ländlichen Südstaaten seine mythischen Wurzeln hat, dann liegen die Anfänge des Rap an den Straßenecken in New York und Los Angeles. Ende der Sechziger konnte man in den Ghettos der Metropolen an der Ost- und Westküste zornige Männer und Frauen antreffen, die, häufig nur von einer Conga begleitet, umstürzlerische Gedichte vortrugen. Gruppen wie The Watts Prophets, The Last Poets sowie ein junger Schriftsteller namens Gil Scott-Heron griffen in ihren schonungslos sarkastischen Texten den Rassismus des weißen Establishments an, hielten ihren schwarzen Brüdern und Schwestern aber genauso politisches Desinteresse, allzu unreflektiertes Konsumverhalten und modisches Black-Power-Gehabe vor. Gil Scott-Herons Stück „The Revolution Will Not Be Televised“ gilt heute als zentrales Zeugnis afroamerikanischer Poesie aus der Zeit der Nach-Bürgerrechtsbewegung.

Von seinen reimenden Kolleginnen und Kollegen unterschied sich Gil Scott-Heron dabei von Beginn an durch schwarzen Humor und hintersinnige Ironie. Schon „The Revolution Will Not Be Televised“, sein bekanntestes Werk, das längst zum Allgemeinplatz popkulturellen Wissens zählt und in keinem Artikel über Hip-Hop fehlen darf, ist bei allem militanten Furor durchzogen von einem pointierten Sprachwitz. In dem Lied parodiert Scott-Heron bekannte Slogans aus Fernsehsendungen und Werbespots und offenbart so die einlullenden Versprechen einer Scheinwelt, gegen die nur handfestes Aufbegehren nach dem Motto helfe: Glotze abschalten und auf die Straße gehen.

Gegen den Hedonismus des Hip-Hop

Auch vierzig Jahre nach seiner Veröffentlichung hat das Lied nichts an Aktualität eingebüßt. Wie DJ Vadim und Sarah Jones vor einigen Jahren gezeigt haben, lassen sich Scott-Herons Verse problemlos zu einer Kritik am stumpfen Bling-Bling-Materialismus des zeitgenössischen Hip-Hop umwandeln. Zugleich stellt sich heute die Frage, was aus den radikalen Parolen und Symbolen der Rebellion von einst geworden ist, wenn sie sich reibungslos in Marketingkampagnen von Großkonzernen eingliedern lassen. Nur den Medienwechsel des digitalen Zeitalters hat Scott-Heron wohl nicht vorhersehen können: Die letzte Zeile seines Gedichts „The Revolution Will Be Live“ bedeutet in der Internet-Ära, dass über Twitter und Facebook jeder auch von zu Hause aktiv an der Revolte teilhaben kann.

Immer wieder hat Gil Scott-Heron in seinen fünfzehn Studioaufnahmen aktuelle politische Themen aufgegriffen: Das kalte gesellschaftliche Klima der siebziger Jahre drückte er in „Winter in America“ aus, das Apartheidsregime prangerte er in „Johannesburg“ an, die Gefahren der Nukleartechnik besang er in „We Almost Lost Detroit“, Ronald Reagan widmete er 1981 mit „‘B‘ Movie“ seinen bissigsten Text.
Bei allen bitteren Untertönen finden sich jedoch immer wieder Zeichen der Hoffnung wie etwa „Beginnings (First Minute of A New Day)“ oder „Save The Children“. Als tragischer hingegen erweist sich Scott-Herons Beziehung zu Drogen. Mit „Home Is Where The Hatred Is“ und „The Bottle“ beschrieb er eindringlich die Gefahren von Suchtmitteln, denen er selbst erlegen war. Sein Engagement lässt dabei oft vergessen, dass Scott-Heron auch ein ausdrucksstarker Sänger und versierter Entertainer war. Musikalisch ragt vor allem seine Partnerschaft mit Brian Jackson während der Jazz-Funk-Phase zu Beginn der siebziger Jahre heraus. Sein Album „Pieces Of A Man“ ist ein Meilenstein des Soul.

Die Stimme der Schwarzen

Nachdem er 1985 seinen Plattenverlag verloren hatte, war es lange still um Scott-Heron. Als die afrozentristischen Rapper der frühen neunziger Jahre jedoch ein neues schwarzes Selbstbewusstsein proklamierten, beriefen sie sich ausdrücklich auf ihn. Den Aneignungsversuchen stand der zum Säulenheiligen Geadelte allerdings skeptisch gegenüber und mahnte seine sprachgewandten Stiefkinder 1994 auf dem Album „Spirits“ zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Worten an.

Nach Drogenproblemen und Gefängnisaufenthalten gelang Scott-Heron mit „I‘m New Here“ im vergangenen Jahr ein fulminantes Comeback mit einem ungewohnt elektronischen Klang. Auf Konzertreisen zeigte der charismatische Musiker, dass er von seiner Eindringlichkeit nichts verloren hatte. Es schien, als wäre Scott-Heron, der schwarze Bob Dylan, ein für alle Mal zurück.

Umso trauriger stimmt die Nachricht, dass Gil Scott-Heron gestern im Alter von 62 Jahren in einem New Yorker Krankenhaus gestorben ist. In ihm verliert die afroamerikanische Musik nicht nur eine ihrer wichtigsten Figuren, die als unumstößliche Autorität selbst von den sonst so respektlos wirkenden Gangsta-Rappern anerkannt wurde. Es tritt einer der wenigen gesellschaftspolitischen Kommentatoren des schwarzen Amerika ab, deren Erfahrungsschatz bis in die Zeit von Malcolm X und Martin Luther King Jr. zurückreicht.

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28.05.2011, 17:46 Uhr

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