18.12.2010 · Manchen galt er als unhörbar, viele kennen ihn überhaupt nicht. Obwohl er seit dreißig Jahren nichts mehr von sich hat hören lassen, war Captain Beefheart das wohl größte Originalgenie der Rockmusik. Jetzt ist er, wenige Wochen vor seinem siebzigsten Geburtstag, gestorben.
Von Edo ReentsDann stimmten die Gerüchte also doch: Der Captain, hieß es seit langem, ist nicht nur so gut wie taub, sondern auch ernstlich krank, deswegen könne und wolle er keine Musik mehr machen. Nun ist Captain Beefheart gestorben; im Januar wäre er siebzig Jahre alt geworden. Über sein Leben ist wenig bekannt; erst dieses Jahr hat sein ehemaliger, ihm in Hassliebe verbundener Schlagzeuger John „Drumbo“ French mit der peniblen Achthundert-Seiten-Rekonstruktion „Beefheart: Through the Eyes of Magic“ Licht in manches Dunkel gebracht.
Ob es wirklich stimmt, dass den Achtjährigen einst ein portugiesischer Bildhauer entdeckt und ihm so den Weg zur bildenden Kunst gewiesen hat? Verbürgt ist, dass Captain Beefheart eine Zeit lang genötigt war, sich als Staubsauger-Vertreter durchzuschlagen. Seit fast dreißig Jahren hat er nichts mehr von sich hören lassen und sich, so lange sein Zustand es zuließ, ausschließlich der Malerei gewidmet. Seine dezent abstrakten, wie von ferne an Francis Bacon erinnernden Bilder brachten bis zu 25 000 Dollar ein, und dass er mit seiner Musik nicht annähernd so erfolgreich war, gehört ausdrücklich nicht zur Tragik seines Lebens und seiner Karriere.
Futuristisch archaischer Blues
Eine solche Kategorie ist Captain Beefheart fremd; dazu sind sein Werk zu eigensinnig und seine Produktivität zu eruptiv, zu wenig am Markt ausgerichtet. Ihm ging es weniger darum, angenommen zu werden, sondern darum, herauszufinden, wie weit sich Delta-Blues, Rock, Folk, Soul und auch Free Jazz miteinander verschmelzen lassen und wie weit man dabei gehen könnte. Captain Beefheart ging zum Äußersten und stellte dafür 1964 in der kalifornischen Wüste, im Dunstkreis seines Schulfreundes Frank Zappa ein Ensemble zusammen, das er autokratisch „His Magic Band“ nannte (nicht „The“) und nach Art der alten, von ihm so bewunderten Bluesinterpreten wie Howlin‘ Wolf oder Muddy Waters mit Individualnamen versah, die ähnlich phantasievoll klangen wie seine Musik: Zoot Horn Rollo, Rockette Morton, Winged Eel Fingerling und ähnlich.
Er selbst nannte sich nach seinem eigenen, allerdings nie verwirklichten Filmprojekt „Captain Beefheart Meets The Grunt People“ und spielte Saxophon sowie Mundharmonika. Zwar hatte er den Bo-Diddley-Song „Diddy Wah Diddy“ nur mäßig verfremdet, so dass A&M beinahe eine ganze Platte mit ihm gemacht hätte; aber Firmenproduzent Jerry Moss sprang in letzter Minute ab, weil ihm diese Aufnahme dann doch „zu negativ“ klang (auf YouTube kann man das nachhören). So war die Bahn frei für den so futuristischen wie archaischen Blues, der einem Publikum erstmals an einem Abend 1965 irgendwo in Los Angeles zusammenhängend vorgeführt wurde: Das war die aus nur vier Stücken bestehende, sich in Improvisationen gelegentlich verlierende Platte „Mirror Man“, die Buddah Records, ermuntert durch das seriöse Kritikerinteresse, das diese Musik in der Zwischenzeit auf sich gezogen hatte, aber erst 1971 herausbrachte.
Auf Zappas Label
Zu diesem Zeitpunkt hatte der Captain seine entscheidenden Möglichkeiten bereits ausgespielt: 1966 nahmen er und seine Magic Band, ebenfalls für Buddah, das legendäre „Safe As Milk“ auf, bei dem der blutjunge Ry Cooder Gitarre spielte. Gemessen an dem formalen Wagemut, den Beefheart danach bewies, ist dies eine fast noch konventionelle, garagenhaft scheppernde Bluesrock-Platte mit allerlei Doo-wop-Elementen, deren melodiöser Einfallsreichtum es ohne weiteres mit den Beatles und den Beach Boys aufnehmen konnte. Hier finden sich krude, etwas kryptische Lieder wie „Abba Zaba“ und „Electricity“, die jedoch noch herkömmlichen Strukturen verpflichtet sind; dazu flüssiger Uptempo-Blues wie „Sure ‘Nuff‘n Yes, I Do“ und bewegende Schmachtfetzen wie „Autumn's Child“. Schon hier erwies sich Captain Beefheart mit seiner Viereinhalb-Oktaven-Stimme als einer der ausdrucksstärksten weißen Bluessänger.
Das Album „Strictly Personal“ markierte den Übergang in erheblich bizarrere Klangwelten, erlitt aber das typische Schicksal von Geniewerken, indem es vom Produzenten gegen den Willen der Musiker noch einmal neu abgemischt wurde. Captain Beefheart und die Seinen wandten sich daraufhin Zappa zu, der ihnen auf seinem eigenen Label völlige Freiheit zusicherte. Das Ergebnis war „Trout Mask Replica“ (1969), eine der obskursten, meistbewunderten Platten der Rockgeschichte und Beefhearts bekannteste, vier Seiten mit achtundzwanzig Liedern, die der Captain in einem Anfall absoluter Raserei binnen neun Stunden geschrieben hatte, deren Aufnahme aber ein Jahr beanspruchte, schon deswegen, weil Beefheart Mühe hatte, den Mitspielern seine Ideen zu vermitteln; manches wurde angeblich zuerst auf Küchengeräten gespielt. „Trout Mask Replica“ gehört mit seiner verstörenden Kakophonie bis heute zu den, man könnte sagen: unabgegoltenen Platten.
Gitarren wie Kreissägen
Vielen gilt sie als unhörbar, andere machen sie zur Nagelprobe auf kompetenten Geschmack wie Alan Bangs, der sie zum „Ulysses der Rockmusk“ erklärte, oder der Münchner Kritiker und Moderator Carl Ludwig Reichert, der einmal behauptete, er könne nur mit Leuten befreundet sein, die willens und in der Lage seien, sich dieses Werk von vorne bis hinten anzuhören. Tatsächlich ragte es mit seinen atonalen Abseitigkeiten und Schroffheiten schon damals weit aus allem heraus, was sonst an experimenteller Musik zu hören war; an Kraft übertraf es sowieso die komplette Avantgarde.
Die Gitarren klangen wie Kreissägen, in den bisweilen nur skizzenhaft ausgearbeiteten Songs wurden auf engstem Raum dauernd Takt und Rhythmus gewechselt, und der Captain schrie, röchelte und grunzte seine lyrischen Dadaismen, die von Dingen wie Haarkuchen und allerlei Fischig-Ozeanischem handelten, den „Dachau Blues“ anstimmten und dazwischen immer wieder, wie eine foppende Fatamorgana, noch halbwegs zugängliche Mitsingelemente enthielten wie „The Dust Blows Forward‘n the Dust Blows Back“. Es war leidende, schmerzlich intensive Musik, formal nahezu grenzenlos und doch eigentümlich hermetisch, die Beefheart auch auf dem Album „Lick My Decals Off, Baby“ hören ließ, bevor der Warner-Konzern ihm mit „The Spotlight Kid“ und vor allem „Clear Spot“ (beide 1972) zwei popaffine Meisterwerke entlockte, auf denen sich die Musiker abwechselnd unnahbar wie eine Bar-Band und entspannt wie der letzte Westküsten-Hippieverbund gaben.
Zuletzt malte er nur noch
Nie aber kam Beefheart dem Mainstream näher als 1974 mit seinen beiden Virgin-Platten „Bluejeans & Moonbeams“ und „Unconditionally Guaranteed“, die wegen ihrer nun schon fast gefälligen Machart von den Kritikern als zu großes Zugeständnis an den Massengeschmack abgetan wurden, das der Captain mit einem Cover, das ihn mit Geldscheinen wedeln lässt, freilich selbst ganz offen signalisiert hatte.
Drei Platten gab es danach noch, auf denen er sich wieder in alter, unberechenbarer Form zeigte und seinen Hang zur instrumentalen wie sprachlichen Verfremdung und Verwirrung noch einmal auslebte. Womöglich wollte er mit der letzten, „Ice Cream For Crow“ (1982), sagen, dass er nun doch genug davon hatte, Perlen vor die Säue zu werfen. Daraufhin zog er sich endgültig in sein Wohnmobil in der Mojave-Wüste zurück und malte fortan nur noch. Am Freitag ist Captain Beefheart, der als Donald Vliet in Glendale, Kalifornien, geboren wurde und sich zunächst Don Van Vliet nannte, in seiner Heimat gestorben. Die Rockmusik trauert um ihr vielleicht einziges Originalgenie.