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Zum Tod von Bobby Womack : Der letzte tapfere Mann

Bobby Womack, 1944 bis 2014 Bild: dpa

Er schrieb die wichtigsten Songs für die besten Interpreten aus Rock und Soul. Mit seinen eigenen Platten kam er erst spät zu Ehren. Bobby Womack, einer der stilprägenden Soul-Musiker, ist tot.

          Bobby Womack ist tot; er starb im Alter von siebzig Jahren in Los Angeles. Die Pop-Musik verliert mit diesem absehbaren Lebensende – Womack war unheilbar krank – einen ihrer größten Stilisten und Songschreiber, der den Soul von Anbeginn an, fünfzig Jahre lang, geprägt hat. Womack war, laut seinen Albumtiteln, der „Poet“, der „Last Soul Man“ und, zuletzt und überhaupt, „The Bravest Man In The Universe“. So hieß die Platte, für die ihn der Brite Damon Albarn 2012 nach zehnjähriger Pause noch einmal aus der Versenkung geholt hatte, eine quecksilbrig dahinfließende und doch so tief empfundene, leidenserfahrene Musik, wie sie der Soul nur sein kann, und ein allerletzter Kritiker- und teilweise auch Publikumserfolg.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Die Leidensgeschichte dieses Mannes ist unermesslich und allenfalls mit der Roy Orbisons zu vergleichen: Sein Idol und Mentor Sam Cooke wurde 1964 erschossen, er tröstete sich mit dessen Witwe und wurde dafür lange von der black community geächtet; eines seiner Kinder starb im Baby-, eines im Teenageralter, sein Bruder wurde ebenfalls ermordet; dazu der Gang durch verschiedene Drogenhöllen mit seinem Kumpel Sly Stone, auf dessen Epoche machender Platte „There’s A Riot  Goin‘ On“ (1971) er mitmischte; dazwischen jede Menge kommerzieller, aber nicht künstlerischer Flops, nach denen er immer wieder auf Tauchstation ging; schließlich die finalen Krankheiten, denen er dann noch diese eine Platte abrang. Eines seiner letzten großen Interviews führte er mit dem Black-Music-Experten Jonathan Fischer, der auch Autor dieser Zeitung ist, auf dem Krankenbett und sagte: „Ich singe für alle Menschen, die um ihr Überleben kämpfen.“

          Die Dankbarkeit der Rolling Stones

          Gemessen daran, dass er diesen Kampf praktisch ununterbrochen führte, ist er doch ziemlich alt geworden; erheblich älter jedenfalls als seine alten Freunde Jimi Hendrix und Janis Joplin, der er auf der Platte „Pearl“ (1971) mit dem Song „Trust Me“ einen letzten Dienst erwies.

          Soul-Legende : Bobby Womack ist tot

          Damals, als einige der Größten abtraten, hatte Bobby Womack, der 1944 in Cleveland, Ohio, als Sohn eines Stahlarbeiters geboren wurde, schon mehrere Karrieren hinter sich: Er sang, noch als Kind und unter der Obhut des Vaters, mit seinen Brüdern Gospel unter dem Namen The Womack Brothers, die Sam Cooke dann in The Valentinos umtaufte und auf einen weltlicheren, poppigeren Kurs brachte. Damals, mit sechzehn, schrieb Bobby Womack seinen vielleicht größten Hit: „It’s All Over Now“, ein perfekter, aber rockaffiner  Rhythm & Blues, mit dem die Rolling Stones 1964 ihre erste Nummer eins hatten und für den sie ihm 400.000 Dollar überwiesen.

          Gemessen am musikalischen Wert dieses Liedes war das zu wenig; für Womack reichte es damals, um seine Laufbahn zu sichern. Er machte sich in der Folge einen Namen als Sessiongitarrist für die wichtigen Atlantic-Künstler und vor allem als erstklassiger Autor von Balladen und Midtempo-Liedern, von denen besonders sein Freund, der große Wilson Pickett, profitierte: Seine größten Platten (zwischen 1966 und 1969) bestückte Pickett mit Womack-Material; um nur das beste zu nennen: „She’s so Good to Me“, „I Found the One“, „Something Within Me“, „I’m Sorry About that“, „Jealous Love“, „I’m in Love“, „I’ve Come a Long Way“, „I’m a Midnight Mover“, „It’s a Grrove“, „I Found a true Love“, „Trust Me“ und „People Make the World“.

          Sexuelle Ekstase und geistige Erleuchtung

          Etwas davon sang er auch auf seinen ersten beiden eigenen Soloplatten „Fly Me To The Moon“ und „My Prescription“ ein, die 1968/69 auf dem kleinen Label Minit herauskamen. Diese zeigten ihn als ungemein expressiven Sänger, dessen feinkörnig-heisere Stimme damals für Rod Stewart eine entscheidende Inspiration war, erlangten aber nicht annähernd die Reputation, die Womack schon als Autor genoss. Dabei verfügte er über eine Ausdruckspalette wie wenige andere, von ländlicher Zutraulichkeit, in der er glaubwürdig das Lob der Kameradschaft anstimmte, bis hin zum frenetischen Schrei des modernen Soul, in dem sich sexuelle Ekstase und geistige Erleuchtung gleichzeitig artikulierten. Bobby Womack konnte gurren wie ein Täuberich und hätte mit seinem Falsett wohl auch Glas zerspringen lassen können.

          Stones-Gitarrist Ronnie Wood nimmt Bobby Womack 2009 in die Rock and Roll Hall of Fame auf
          Stones-Gitarrist Ronnie Wood nimmt Bobby Womack 2009 in die Rock and Roll Hall of Fame auf : Bild: REUTERS

          Auch seine folgenden Alben, mit denen er sich, keineswegs unter Preisgabe seiner Eigenständigkeit, dem mehr auf Funk zielenden Stil der Blaxploitation-Ära anbequemte, konnten seinen Interpreten-Ruf  nicht nennenswert aufbessern; und das, obwohl sie so wegweisende Titel wie „Looking for a Love“ und „Across 110th Street“ enthielten. Letzteren baute Quentin Tarantino 1997 in seinen Film „Jackie Brown“ ein. Auf einmal war Bobby Womack auch beim breiten Publikum der Star, der er in Wirklichkeit immer schon gewesen war.

          In der Zwischenzeit, wenn es seine Gesundheit und seine Lebensumstände zuließen, spielte er manches Belanglose, aber auch manches sehr Gute ein: neben den beiden „Poet“-Alben Anfang der Achtziger etwa „Womagic“ (1986), auf dem sein bester neuerer Titel enthalten war, „I Wanna Make Love to You“, dessen Inbrunst inmitten all des übrigen, flachen Zeugs noch einmal wie eine Offenbarung wirkte.

          Robert Dwayne Womack nahm alles, die Höhen und Tiefen des Lebens wie seiner Karriere, mit der spirituellen Ergebenheit eines Mannes hin, der bereit ist, gerade aus den Nackenschlägen immer wieder künstlerische Tiefe zu gewinnen. „Ich bin durch die schlimmste Prüfung meines Lebens gegangen“, bilanzierte er zuletzt. Ein Platz im Himmel, neben Sam Cooke, Ray Charles, Solomon Burke und Wilson Pickett, hat der Soul-Gott ihm hoffentlich reserviert.

          Quelle: FAZ.NET

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