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Zum Tod von Amy Winehouse : Du weißt, ich bin nicht gut

Amy Winehouse 1983 - 2011 Bild: dapd

Amy Winehouse war die größte Hoffnung einer sonst allseits erschöpften Popindustrie. Sie stand, ganz altmodisch, mit ihrem Leben ein für ihre Musik. Und ihre Musik war offenbar ihrem Leben abgetrotzt. Nun ist sie gestorben. Ach, viel zu früh.

          Sie wurde nur 27 Jahre alt. Und um gleich am Anfang diese unangenehme, schreckliche, blöde Zufallsarithmetik hinter sich zu bringen: Ja, es stimmt, 27, das ist das Alter, in dem sie alle gestorben sind, Kurt Cobain genauso wie Janis Joplin, Jimi Hendrix genau wie Jim Morrison. Aber 27 ist nur eine Zahl.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Amy Winehouse, die eine Stimme hatte wie kaum eine andere Popsängerin ihrer Generation und sicher auch eine Frisur wie keine zweite, eine dramatisch aufgetürmte, rebellische Haube aus Haar, ist an diesem Samstag tot in ihrer Londoner Wohnung gefunden worden. Sie hatte zum Zeitpunkt ihres Todes seit fünf Jahren keine neue Platte herausgebracht, in diesen fünf Jahren aber trotzdem ständig in der Zeitung gestanden. Drogen, Entzug, Festnahmen, Ehesachen, mal zu viel, mal zu wenig Körper, alles immer sichtbar, tausend Mal beschrieben, hochkopiert und im Detail gezeigt in genau den Boulevardmedien, denen es jetzt in Großbritannien endlich an den Kragen geht, weil sie sich ernähren vom kleinbürgerlichen Entzücken darüber, wie jemand mit einem Wahnsinnstalent öffentlich nicht damit klarkommt, so wahnsinnig talentiert zu sein. Und so kaputt. Wie Amy Winehouse.

          Zwei Platten nur hat Amy Winehouse aufgenommen, die letzte, „Back to Black“ von 2006, überschüttet mit Preisen, fünfeinhalb Millionen Mal verkauft auf der ganzen Welt, enthält nur Hits. Nachpfeifbare, swingende, coole Hits von der dunklen Seite des Pops der sechziger Jahre, auf eine lässige Art und Weise nostalgisch und englisch und voller Seele, die, wenn sie zu Musik wird, Soul genannt wird. Wie viele Frauen sie wohl auswendig singen können?

          Ihr zweites Album „Back to Black” wurde bei der Grammy-Verleihung als „CD des Jahres” ausgezeichnet

          Aber was noch viel schöner war an dieser Platte, und auch an der davor, die „Frank“ hieß, und was bleiben wird über diesen fürchterlichen Tag hinaus: die Souveränität, mit der hier jemand, und zwar eine junge Frau, und zwar ziemlich unmissverständlich, der ganzen Welt erklärte: Legt Euch bloß nicht mit mir an, Freunde. Wie Amy Winehouse da gleich in den ersten Sekunden der Platte „They tried to make me go to rehab and I said no, no, no“ sang, das war einfach entwaffnend. Und lustig. Und ja, auch unheimlich. Es ist ziemlich klar, dass diese Zeile jetzt von den Boulevardmedien genüsslich auseinandergenommen wird, ein Omen, eine Tragödie. Gerade eben, heißt es, hatte Amy Winehouse einen Alkoholentzug beendet.

          Aber erstmal war diese Zeile einfach eine sehr gute Zeile für einen sehr guten Song. Amy Winehouse hat ihn selbst geschrieben. Sie hat alle ihre Lieder selbst geschrieben und mit „Frank“ und „Back to Black“ eine Renaissance schwarzer Musik eingeleitet. Andere Sängerinnen sind ihr gefolgt, Duffy zum Beispiel. Aber auch Lena Meyer-Landrut hätte wohl nie den Eurovision Song Contest gewonnen, wenn es Amy Winehouse nicht gegeben hätte. Das seltsame Cockney-Englisch, das Lena auf „Satellite“ sang, war nichts als eine Verneigung.

          Menschen, die Amy Winehouse getroffen haben, erzählen von ihrem Humor - aber wenn man jetzt, am Abend ihres Todestages, noch einmal „Back to Black“ auflegt, Stücke wie „Love is Losing Game“ zum Beispiel, dann fällt einem stärker diese leise Einsamkeit auf, diese Barpoesie, die sie näher an Tom Waits brachte als an die andere große Trinkerin der Popmusik, an Janis Joplin. Ihr Soul war aber eigentlich ein sehr englischer Soul, und es war schön zu sehen, dass mit ihr eine Welt zurückkehrte, die Colin MacInnes vor fünfzig Jahren in seinem Londoner Roman „Absolute Beginners“ beschrieben hat, eine Welt, in der Schwarze und Weiße miteinander vor allem deshalb klarkamen, weil sie die gleiche Musik liebten, die Musik der Einwanderer aus der Karibik, aus Afrika. Reggae, Ska, Musik, zu der man tanzten und auch traurig sein konnte, ernste, urbane, coole Musik, zu der man eher Anzüge und Kleider trug, und Turmfrisuren, wie nur Amy Winehouse sie tragen konnte. Die Frisur sagte übrigens auch: Legt Euch bloß nicht mit mir an.

          Eigentlich hätte Amy Winehouse in diesem Sommer auf Tournee gehen sollen, ein Comeback, ein neuer Anfang nach all den Geschichten. Die Konzerte wurden im Juni abgesagt. Ausgebuht wurde sie angeblich bei einem der letzten Auftritte. Es bleiben zwei Platten und die große, schmerzhafte Ungerechtigkeit, dass hier jemand, der so viel Talent besaß und so viel Eigensinn und Stil, es nicht geschafft hat zu überleben, um noch einmal zurückzukommen. So wie Johnny Cash zurückkam. Man hätte sich jetzt schon drauf freuen können, welche Platten Amy Winehouse in vierzig Jahren aufnehmen würde. Große Lieder vom Rande der Nacht, vom Hinfallen und Aufstehen, von Fehlern, aus denen man nichts gelernt hat außer guten Pointen.

          Es ist furchtbar schade, dass wir diese Lieder nie hören werden. Es ist furchtbar schade um Amy Winehouse.

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