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Zum Tod von Merle Haggard : Wer nie sein Lied mit Tränen sang

Country-Musiker Merle Haggard auf einem Archivfoto von 2003 Bild: AP

Ein amerikanisches Leben als Leidensschule: Der Countrymusiker Merle Haggard musste sich die Texte zu seinen Liedern, die genregemäß selten das Leben feiern, nicht ausdenken.

          Die Eltern bitterarm wie in einem John-Steinbeck-Roman; das Farmhaus abgebrannt; der Vater früh gestorben; daraufhin eine Rebellion, die, anders als bei den Möchtegern-James-Deans, nicht aus Wohlstandsverwahrlosung resultiert, sondern soziale Gründe hat; mehrmals ausgerissen wie ein von Woody Guthrie besungener Hobo; während eines seiner Knastaufenthalte erfährt er, dass seine Frau, die er als Minderjährige geheiratet hatte, von einem anderen Mann schwanger ist: schließlich, nachdem er von Jimmy Rodgers und Bob Wills sowieso längst infiziert war, der endgültige Entschluss, Countrymusiker zu werden, als er 1958 in St. Quentin, wo er wegen bewaffneten Einbruchs fast drei Jahre einsitzt, Johnny Cashs erstes Gefängnis-Konzert hört – kann ein Mann mehr durchmachen? Von wegen: Your daddy is rich and your mum is goodlooking. Das hatte wenigstens den Vorteil, dass er sich die Texte zu seinen Liedern, die genregemäß selten das Leben feiern, nicht erst ausdenken musste.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Merle Haggard war wahrscheinlich der Sänger mit der größten biographischen Beglaubigung und persönlichen Autorität, dem ein sich strikt unpolitisch gebender Habitus - tief im Herzen wird er wohl doch ein Rechter mit starker Arme-Leute-Sympathie gewesen sein – selbst im linksliberalen Lager nie nennenswert geschadet hat. Noch die ätzende Säure, die Kinky Friedman über Haggards größten Hit, das in seiner parodistischen Absicht oft missverstandene „Okie From Muskogee“ (1969), in Form von „(I’m Proud to Be an) Asshole from El Paso“ goss, war ja auch eine Respektsbezeugung. Den Akzeptanzproblemen, die auch andere Countryleute mit ihren Texten haben, begegnete er mit souveräner Indifferenz, wissend wahrscheinlich, wie mickrig manche gutgemeinte Botschaft werden kann, sobald die soziale Not zu groß wird: „Wenn ich wählen könnte, würde ich eher ein Lied nehmen, dem die Leute nicht zustimmen, als eines, das niemand hören will.“ Die Musik dieses Leidenserfahrenen bleibt jedenfalls.

          Sein Ruf als angesehenster Country-Interpret, den er sich schnell erarbeitet hatte, strahlte weit in die Siebziger hinein, und das lag vor allem daran, dass er seine entbehrungsreiche, in eine kriminelle Jugend mündende Kindheit (vor allem in den Liedern „Hungry Eyes“, „Sing Me Back Home“ und „Mama Tried“) genauso erschütternd glaubwürdig besang wie später seinen Alkoholismus und seine Frauenprobleme. Dies tat er, meistens unterstützt von der Begleitband The Strangers, mit einem fast heiter daherkommenden Musizierwillen und einem maßvoll intonierenden Tenor, der das Abrutschen ins künstlich Verruchte oder Anflüge von Selbstergriffenheit aus Prinzip vermied. Nur gelegentlich blitzten bei ihm Momente leidvoller Verinnerlichung auf.

          Diese unspektakuläre, aber trotzdem wichtige Stimme ist nun verstummt: Am Mittwoch, seinem neunundsiebzigsten Geburtstag, ist Merle Ronald „Hag“ Haggard, der in Bakersfield, Kalifornien, geboren wurde, gestorben.

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