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Zum Tod von George Martin : Alles, was du brauchst, sind Ohren

George Martin 1926 - 2016 Bild: afp

Ohne ihn wären die Beatles nicht die Beatles gewesen: Produzent George Martin führte die Band früh zur Reife und gab ihren Platten Schliff. Jetzt ist er mit neunzig Jahren gestorben.

          In der Unterhaltungsmusik wird man sich an zwei Produzenten immer erinnern: an Sam Philipps, der den Rock’n’Roll durchgesetzt hat, und an George Martin, den Klangmeister der Beatles. George Martin hat sämtliche Beatles-Platten (bis auf eine) produziert, angeschoben und trickreich veredelt, ja, in ihrer jeweiligen Form überhaupt erst ermöglicht. Man war immer geneigt, Lennon/McCartney für die entscheidende Größe zu halten; aber George Martins Bedeutung für diese Musik, der er zu Klarheit und Raffinement, Transparenz und melodiöser Eleganz verhalf, ging über eine herkömmliche Betreuung weiter hinaus als bei jeder anderen Verbindung der Popmusik.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Als die Beatles Anfang 1962 nach mehrmaligen Anläufen bei dem leitenden Angestellten, der sich bei Plattenfirma EMI vor allem um Barockmusik und Easy Listening kümmerte, vorstellig wurden – bei der Konkurrenz Decca waren sie legendär abgeblitzt –, blieb Martin, der eher einen zweiten Cliff Richard im Sinn hatte, zunächst reserviert. Die frisch-unkonventionelle, ja, geradezu freche Art dieser vier Burschen entsprach nicht gerade dem militärischdisziplinierten, fast lachhaft penibel gescheitelten Habitus dieses Mannes. Aber er muss eine Ahnung davon gehabt haben, welches Potential er hier vor sich hatte, das nur noch der Förderung und Hege bedürfe.

          Sieben Jahre später, im Januar 1969, saß George Martin unten im EMI-Haus, während die Beatles oben eine Session von der Platte gaben, die den eigentlichen, von Martin wahrscheinlich nie richtig verwundenen Bruch dieser einzigartigen Beziehung markierte: „Let It Be“, deren Bänder Lennon eigenmächtig und ohne Martins Wissen mit nach Amerika genommen und Phil Spector zur weiteren Be-, manche sagen: Misshandlung ausgehändigt hatte. Während die längst heillos zerstrittenen Musiker oben „Get Back“ spielten, schlug Martin vor Angst die Hände über dem Kopf zusammen und seufzte: „Well, that’s the finish of The Beatles. What a shame.“ In Wahrheit dürfte er schon Jahre vorher, als McCartney ganz allein mit ihm „Yesterday“ einspielte und er die Streicher beisteuerte, gewusst haben, dass dieser Interessenverbund nicht ewig halten würde.

          George Martin war für vieles, was die Beatles hinterlassen haben, verantwortlich und verlieh ihrem Werk mit seinem technischen wie kompositorischen, aus der Klassik schöpfenden Ideenreichtum recht eigentlich diese einmalige visionäre und zugleich zeitlose Kraft. Ohne ihn hätte es die geradezu sinnverwirrenden Spurverdopplungen, Kopplungs- und Rückwärtseffekte vor allem der „Sgt. Pepper“Platte nicht gegeben, wie überhaupt der schnell erreichte Reifegrad dieser Musik ganz anders ausgefallen wäre. Mittelbar wird sich auch sein menschlicher Einfluss auf die eine knappe Generation jüngeren Musiker, die ihn mit liebevoller Ironie „Duke of Edinburgh“ nannten, aber seinen Anweisungen keineswegs bedingungslos folgten, künstlerisch günstig ausgewirkt haben, etwa im Sinne einer Zähmung allzu wilder Rock-Instinkte. Die Beatles reiften an dem Vorbild, das er ihnen zumindest in der Frühzeit war.

          „Fünfter Beatle“ : Trauer um Beatles-Produzent George Martin

          Was konnte er noch erreichen, wie nach dem Ende der Beatles überhaupt weitermachen? In seiner Autobiographie „Playback“ ist er einerseits bemüht, seine Bedeutung für die Beatles im rechten Licht erscheinen, andererseits aber nicht den Eindruck aufkommen zu lassen, darin habe sich seine Karriere schon erschöpft. Tatsächlich war er eine Schlüsselfigur für die britische Unterhaltungskultur der zweiten Jahrhunderthälfte. 1926 im Londoner Stadtteil Islington als Zimmermannssohn geboren, war der gelernte Oboist nach Militärdienst und Studium 1950 zu EMI gekommen, wo er bald die Verantwortung für das Label Parlophone übernahm, auf dem nicht nur Klassik veröffentlicht wurde, sondern auch prominente, musikalisch aber meistens minderbemittelte Schauspieler ihre Platten herausbrachten. Auf die Dauer wäre das für ihn eine Sackgasse gewesen.

          Nach 1970 bewies er auf dem mit John McLaughlins Mahavishnu Orchestra und dem London Symphony Orchestra eingespielten Album „Apocalypse“ seine zwischen Klassik, Jazz und Rock vermittelnden Fusion-Qualitäten und betreute in der Folge Neil Sedaka, Jeff Beck, zeitweise auch Ella Fitzgerald, dazu neuere Popgruppen wie America, Cheap Trick und Ultravox. Seine Handschrift blieb ein Gütesiegel. Mehrmals kam er wieder mit McCartney zusammen und konnte 1997 das Kuriosum verbuchen, schließlich auch noch die meistverkaufte Single aller Zeiten produziert zu haben: Elton Johns Totenhymne auf Prinzessin Diana. Für die Beatles-„Anthology“ stellte er sich noch einmal in den Dienst seiner alten Zöglinge, spürend, dass seine Zeit sich langsam dem Ende zuneigte und sein Gehör nachließ. Am Dienstag ist Sir George Martin gestorben. Nicht nur die Briten trauern.

          Quelle: F.A.Z.

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