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Patti Smith wird 70 : Zur Unterwerfung neigt sie nicht

Patti Smith beim Paleo-Festival in Nyon: Ist sie tatsächlich mit den Jahren sanfter geworden? Bild: dpa

Sie dichtet, singt und malt, sie sammelt und bewahrt: Zum siebzigsten Geburtstag der einzigartigen Mystikerin Patti Smith.

          Jeder erkennt Patti Smith, spätestens auf den Fotografien, die ihr einstiger Gefährte Robert Mapplethorpe von ihr machte. Sie ist dort die dunkle junge Frau, eine Gestalt, wie Amedeo Modigliani sie gemalt haben könnte, die mit ihren Alben „Horses“, „Radio Ethiopia“ und „Easter“ in den Siebzigern als Rock-’n’-Roll-Madonna erscheint. Mit ihren ungewohnten wilden Sprechgesängen öffnet sie den Menschen die Ohren für das, was dann Punk heißen wird. Es sind dabei ihre Worte, die aufhorchen lassen, und um ihre Texte geht es ihr vor allem. Kommerziell erfolgreich wird sie damit nicht, aber berühmt; jedenfalls unter solchen, die ihren sprachlichen Grenzgängen hingebungsvoll folgen. Dass sie aber ausgerechnet mit ihrer Version von Bruce Springsteens „Because the Night“ – und nur mit diesem einen Song – in die Hitparaden kommt, passt zu ihrem eigensinnigen Stil. Das Lied ist für immer mit ihr verbunden, die ansonsten nicht zur Unterwerfung neigt.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Patti Smith ist schon immer eine Dichterin gewesen. Ihre Begabung muss ihr in die Wiege gelegt worden sein, als sie 1946 in Chicago zur Welt kam. Und sie ist eine Schriftstellerin von hohen Graden. Beides hat sie schon 1977 bewiesen, als ihr Buch „Babel“ erschien mit Aufzeichnungen und Gedichten. Es lässt sich an jeder Stelle öffnen, und es spricht bis heute aus einer wundersamen Ferne. Wie das Poem, das der Malerin Georgia O’Keeffe gilt, die damals noch lebte; die letzte Strophe heißt: „Große Malerin / was macht sie heute / geht und schlägt die Wüste / rührt im Sand / geht und schlägt die Wüste / Schlange Haut Schädel / geht und schlägt die Wüste / noch immer voller Leben.“ Patti Smith ist selbst so eine, die mit ihren Worten das Leben umarmt. Sie schreibt unablässig weiter und mit einer Beständigkeit, die ihr nicht Last ist, sondern Notwendigkeit, fortwährende Selbstvergewisserung, auch im Angesicht des Todes.

          In ihren Büchern wandelt sie auf den Pfaden der Gefährdeten und Untergeher, immer wieder Arthur Rimbaud, in ihrem jüngsten Buch „M Train“ auch Jean Genet. Genets wegen unternimmt sie mit ihrem Mann eine Reise nach Surinam, von der sie Steine mitbringt, die sie später, lange Zeit nach dem Tod ihres Mannes, an Genets Grab in Larache in Marokko vergräbt. Erzählte sie zuvor in „Just Kids“ die Geschichte ihrer Freundschaft mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe, so folgt sie jetzt den Spuren der Erinnerung an ihren Mann, den Gitarristen Fred „Sonic“ Smith, der 1994 gestorben ist. Ihre Aufzeichnungen sind, von Trauer untergründet, bar jeglicher Sentimentalität. Es sind Sequenzen zwischen Realität und Traum, in denen Zeit und Raum verschmelzen zu einem Kontinuum, dessen Existenz seine eigene Logik behauptet, keineswegs vernunftlos, aber jenseits von Berechenbarkeit.

          In diesem Jahr, das noch nicht an seinem Ende ist und in dem so viele Tote zu beklagen sind, die nicht nur die Musik, sondern das Lebensgefühl einer, eher sogar zweier Generationen geprägt haben, steht Patti Smith für das Überleben. In ihren Gedichten und Texten und in ihren Fotografien, die ihre Bücher stets begleiten, blickt sie in die Vergangenheit, der Zukunft zugewandt – ein Engel der Geschichte, vielleicht. Es ist diese Empfindung, die auch entsteht, als sie am 10. Dezember bei der Zeremonie zur Verleihung des Literaturnobelpreises an Bob Dylan in Stockholm auftritt. Sie hat dort Dylan vertreten, der verhindert war. Es muss ein Dienst für den alten Freund gewesen sein. Patti Smith ist nicht die Frau, die sich schicken lässt.

          Sie trägt sein 57 Zeilen langes Poem „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ aus dem Jahr 1963 vor. In der zweiten Strophe kommt sie ins Stocken; davon wird einiges Aufhebens gemacht, als ob dieses Zaudern von Bedeutung hätte sein können. Sie entschuldigt sich – „I apologize. Sorry, I’m so nervous“ – beim Publikum, es ist etwas wie Demut in ihrem Lächeln. Dann fährt sie fort in ihrem Sprechgesang, bringt den apokalyptischen Text, der nicht ihrer ist, bis ans Ende. Auf Youtube lässt sich ihre große bewegende Ansprache verfolgen. Sie hat die Stellvertreterschaft übernommen für Bob Dylan, sie hat sein Fernbleiben für ihn aus dem Feuer gerissen als eine, die auf Augenhöhe mit ihm steht.

          Auf der Bühne, als Musikerin ist Patti Smith sanfter geworden mit den Jahren, doch nicht weniger eindringlich. Ihr waffenloser Aufruf „People have the Power“, den sie bei ihren Auftritten nie weglässt, ist nicht Schlachtengesang, vielmehr die Hymne für einen Wunsch, der ihrer tiefen Religiosität entspringt, zu der sie sich seit den frühen Jahren in ihren Auftritten bekennt. Sängerin, Frontfrau, Performerin, Mystikerin, Dichterin, Malerin, Fotografin – Bilder-Macherin im schönsten Sinn des Wortes, das ist Patti Smith. Es gibt keine wie sie in unserer Gegenwart, sorgsame Sammlerin und Bewahrerin im Reich der Toten und der Lebenden. Möge der Gott, an den sie unerschütterlich glaubt, ihr noch viel gute Lebenszeit schenken. Seine Welt hat Geschöpfe wie sie dringend nötig. Heute wird die einzigartige Patti Smith, Begleiterin in der Wirklichkeit und in den Träumen, siebzig Jahre alt.

          Quelle: F.A.Z.

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