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Cover zur Single „Vienna Calling“ (Parov Stelar Remix) © Sony Music

Wie der Rap nach Deutschland kam

Von ANDREA DIENER, JULIA BÄHR und FRIDTJOF KÜCHEMANN

17. Februar 2017 · Ausgerechnet ein Wiener Punk-Bassist begründete den deutschen Sprechgesang – und ignorierte alle bis dato gültigen Rap-Regeln. Nur Falco klang so exaltiert und cool wie Falco. Am Sonntag wäre er sechzig Jahre alt geworden.

Der Rap schlug zunächst einmal nicht in Deutschland, sondern unerwarteterweise in Wien ein, und zwar mitten in eine ziemlich anarchische Band namens Drahdiwaberl. Diese ehrwürdige Formation wurde im Jahr 1969 gegründet und skandalisierte sich bis zur offiziellen Auflösung 2013 ziemlich gekonnt unter Verwendung sämtlicher Körperflüssigkeiten durch die Jahrzehnte. Irgendwann kam der Bassist Johann Hölzel mit einer Nummer um die Ecke, die ging so: „Ganz Wien / ist heut auf Heroin / Ganz Wien / Träumt mit Mozambin / Ganz Wien, ganz Wien / Greift auch zu Kokain.“

Dieser Hölzel war eh ein seltsamer Vogel: In den Punkschuppen, in denen man für wenig bis nix spielte, schützte er seine Versace-Anzüge mit Plastiküberzügen. Das Publikum trug Flokati und Schlaghose, er gelte seine kurzen Haare zurück und nahm die Sonnenbrille nicht ab. Er hatte von Anfang an etwas ziemlich Überkandideltes an sich und wollte, dass man ihn Falco nennt, Falco mit c.

Weil „Ganz Wien“ nicht ins Programm passte, spielte man es als Pausenfüller, das Publikum war begeistert, der Rest steht in der Wikipedia: Falco bekam einen Plattenvertrag und arbeitete an seinem Rap-Stil in „Manhattan-Schönbrunner-Deutsch“, einer wilden Mischung aus Englisch und Hochwienerisch, Deutsch und Neologismen, in der sich „really great“ auf „woi mas ned“ reimt. Er nimmt Anleihen bei Dichtern der Wiener Gruppe wie Artmann und Jandl und erfindet auf „Data de Groove“, seinem größten Flop, eine Kunstsprache fürs Informationszeitalter, die zwischen Schmäh und Kryptik oszilliert, zwischen dem kleinen Wien und der großen Welt.

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© Standard-YouTube-Lizenz „Der Kommissar“

Aber der Reihe nach: Mit der Single „Der Kommissar“, die 1981 erschien, war der Weg zur Solokarriere gebahnt. Das Stück hatte nicht nur in Österreich Erfolg, obwohl Radiosender es nicht spielen wollten, weil da „ein Geistesgestörter“ singe. Man interessierte sich weltweit für den Kommissar: Der New Yorker DJ Afrika Bambaata spielte sowohl ihn als auch die Single „Maschine brennt“ in den Clubs und im Radio, und Falco wurde nach Kraftwerk der zweite deutschsprachige Künstler, der es in die amerikanischen Billboard-Charts schaffte. Und zwar, was noch viel kurioser ist, als österreichischer Rapper. Er trifft sich schließlich mit seinem Förderer Afrika Bambaata im New Yorker Chelsea Hotel, einem Künstlerhotel, und vereinbart eine Zusammenarbeit, zu der es jedoch nie kommt.

  • © Picture-Alliance Die frühen Jahre: Falco am Bass, 1981
  • © Picture-Alliance Exaltiert beim „WWF-Club in Köln“, 1982
  • © Picture-Alliance Schräg und schräger: Falco mit seiner Band im Sommer 1985

„Ich habe den Hip-Hop gelebt, aber nicht im amerikanischen Sinne, sondern den Wiener Hip-Hop“, wird Falco zitiert. Diese verkokste Exaltiertheit, dieser Dialekt und diese Kunstsprache sind tatsächlich etwas sehr Eigenes, das mit dem frühen amerikanischen Hip Hop und seiner Sozialkritik nicht allzu viel zu tun hat. Falco verzichtet darauf, die Kleidung, die Goldketten und die Gesten aus Übersee zu kopieren. Er setzt sich Puderperücken auf und singt „Rock me Amadeus“, seinen größten Hit. 1986 schaffte er es damit auf Platz eins der amerikanischen Charts, der britischen ebenso, und als erster Weißer erreichte er Platz 6 der R&B-Charts – die damals noch „Hot Black Single Charts“ hießen und sich vor allem nach den Verkäufen in der afroamerikanischen Community richten.

  • © Picture-Alliance Für „Jeanny“ und „Falco Drei“ nahm Falco an seinem 29. Geburtstag je eine goldene und eine Platin-Schallplatte in Empfang.
  • © Picture-Alliance Falco bei der Feier zu seinem 30. Geburtstag im Wiener Café Hawelka
  • © Picture-Alliance Falco mit seiner späteren Ehefrau Isabella bei einer Olympia-Gala in München, 1987

Kurios ist diese Beachtung auch noch aus einem weiteren Grund: Falco war nicht nur für die Kleidungskonventionen der amerikanischen Szene unempfänglich, sondern auch für das musikalische Gegenstück des Rap, das beim Hip Hop ursprünglich im Vordergrund gestanden hatte und mit dem Sprechgesang untrennbar verbunden schien – das Ineinander- und Übereinanderspielen verschiedener Schallplatten und das Scratchen, die Manipulation der Abspielgeschwindigkeit mit der Hand, eine Musizierpraxis, die ebenso perkussive Effekte ermöglicht wie das wiederholte Abspielen desselben Aufnahmeabschnitts. Falco hingegen bediente sich musikalisch aus dem Formvorrat der Popmusik der achtziger Jahre, der Neuen Deutschen Welle, dem Synthie-Pop, aus Disco und Funk.

Falco gilt als erster weißer Rapper überhaupt, der erste deutschsprachige ist er in jedem Fall. Die, die nach ihm kommen, wissen genau, was sie ihm zu verdanken haben. Fler, Fettes Brot und die Fantastischen Vier beziehen sich auf ihn und auf Songs wie „Jeanny“ und „Rock me Amadeus“. Auch Coverversionen gibt es einige, etwa „Der Kommissar“ von Eko Fresh und Stefan Raab und posthume Duette wie mit dem österreichischen Rapper Nazar

Bis sich andere an deutschen Rap wagten, dauerte es allerdings. In den achtziger Jahren blieb Falco ganz allein in dieser Nische – er selbst war die Nische. Die berühmteste deutsche Hiphop-Band Advanced Chemistry rappte auf Englisch und wollte vom Deutschen nichts wissen. Bis ihr Mitglied Torch live plötzlich auf Deutsch zu freestylen begann. Das war Ende der Achtziger, doch bis die Band mit „Fremd im eigenen Land“ ihr erstes deutsches Lied veröffentlichte, dauerte es noch bis 1992. Da war ihnen allerdings schon jemand zuvorgekommen: Ausgerechnet Die Fantastischen Vier, die als Spaßrapper in der Szene nicht recht für voll genommen wurden, legten 1991 mit dem Album „Jetzt geht’s ab“ vor.

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© Standard-YouTube-Lizenz Die Fantastischen Vier - „Die da!“

Der kommerzielle Erfolg der Fantastischen Vier schmerzte die vom Conscious Rap geprägte Alte Schule. Advanced Chemistry und andere ältere Formationen übten Gesellschaftskritik, sie prangerten Rassismus an, und sie hätten nie, unter keinen Umständen, bei einem Major Label unterschrieben. Hier zeigte sich klar der amerikanische Rap-Einfluss, während die von Falco beeinflusste Partyfraktion die wahren Rebellen waren: Fanta 4, Fettes Brot sowie Der Tobi und das Bo zeigten mit ihrer Ignoranz der bis dato geltenden Rapper-Regeln genau so viel Eigensinn wie Falco. Das übte eine gewisse Anziehungskraft aus. So kamen auch die Absoluten Beginner, die zu Beginn schwer sozialkritisch unterwegs waren, schließlich mit leichterer Kost in die Charts: „Weil es mir nichts gibt, zwanghaft Missstände zu benennen, üb' ich mehr Rap als Kritik“, heißt es in „Hammerhart“.

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© Standard-YouTube-Lizenz Beginner - „Hammerhart“

Was Experimentierfreude und grelle Auftritte angeht, muss aber eine jüngere Band als legitime Erbin Falcos gelten: Deichkind. Als der Radiosender Ö3 Falco wegen angeblicher Geistesgestörtheit boykottierte, konnten sich die Verantwortlichen so etwas wie Deichkind wahrscheinlich nicht vorstellen. Und an Pogo-Sticks auf der Bühne hatten sie sicher auch nicht gedacht.

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© Standard-YouTube-Lizenz Deichkind - „Remmidemmi“

Als der deutsche Rap groß wurde, hatte Falco längst etwas Neues entdeckt: Mit einer Techno-Version des alten Gassenhauers „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“ gelang ihm 1995 ein kurzes Comeback. „Natürlich ist Techno nicht meine Musik“, gab der Künstler zu Protokoll, „wer aber Techno als momentanen, temporären Zustand versteht, der hat es leider nicht verstanden: Techno ist die originäre Jugendkultur der Neunziger.“ Das geplante Eurodance-Album wurde wegen Erfolglosigkeit der zweiten Single nicht veröffentlicht. Falco zog sich in die Dominikanische Republik zurück, um an neuem Material zu arbeiten.

Im Februar 1998 starb Falco dort unter Einfluss diverser Drogen bei einem Autounfall. Er wurde unter großer Anteilnahme auf den Wiener Zentralfriedhof begraben. Wenige Wochen später erschien posthum „Out of the Dark (Into the Light)“, eines seiner erfolgreichsten Alben. Das titelgebende Stück lebt wieder von wieder Falcos bekanntem Sprechgesang, und die Zeile „Muss ich denn sterben, um zu leben?“ war für viele Fans Anlass für die eher haltlose Mutmaßung, Falco habe sich möglicherweise das Leben genommen. Laut Falcos Aussage in einem Interview geht es in dem Text hingegen um Drogensucht. Auch „Egoist“, die zweite Single , war ziemlich erfolgreich – und folgt dem alten, bewährten Muster: exaltierte Rap-Strophen mit Schmäheinschlag und druckvoller, eingängiger Refrain.

Am 19. Februar wäre Falco sechzig Jahre alt geworden. Der einst so skandalisierte Musiker ist inzwischen so sehr im Mainstream angekommen, dass die letzte Helene-Fischer-Show ein Cover von „Out of the Dark“ in die deutschen Wohnzimmer sendete. Was mehr über die deutschen Wohnzimmer als über Falco sagt: Im Gegensatz zu den frühen achtziger Jahren ist nun auch ein so obsessiver, getriebener Künstler wie Falco durchaus kompatibel mit einer Schlager-Weihnachtsshow im ZDF.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 16.02.2017 19:29 Uhr