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Yusuf Islam war Cat Stevens Um zu sein, mußt du aufgeben, was du bist

13.11.2006 ·  Technisch ist er noch auf dem Stand seines früheren Ichs. Aber sonst hat sich bei Yusuf Islam einiges geändert. Ein Gespräch mit dem Sänger, der früher Cat Stevens war, über seine erste Pop-Platte seit fast drei Jahrzehnten, über Metamorphosen und Glück.

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Aufregung in der Londoner Zentrale von Universal Music, Yusuf Islam, 58, der bis 1979 Cat Stevens war und nun mit „An Other Cup“ nach 28 Jahren Pause wieder eine weltliche Platte gemacht hat, verlangt nach einer Tonbandkassette. Er pflegt Interviews selbst mitzuschneiden, weil er schlechte Erfahrungen gemacht hat mit Journalisten, aber er hat keine Kassette dabei für sein Aufnahmegerät. Die halbe Belegschaft des Stockwerks wuselt suchend herum, die Anekdote zeigt zwei Dinge: In einer Musikfirma gibt es im Jahr 2006 keine Tonbandkassetten mehr, und Yusuf Islam ist technisch noch auf dem Stand von Cat Stevens. Abgesehen davon aber hat sich alles verändert in seinem Leben.

1948 in London als Steven Demetri Georgiou geboren, Sohn einer Schwedin und eines Griechisch-Zyprioten, nahm Cat Stevens rund um das Jahr 1970 ein paar Alben auf, die die Welt zu Tränen rührten und sich mehr als fünfzig Millionen Mal verkauften. Es waren Lieder von hemmungsschwacher Melancholie, Texte voller Sinnsuche, Liebeskummer und unverstandener Daseinswut. Eine Stimme mit schier metaphysischer Präsenz, vielleicht die hypnotischste der Popgeschichte. Dazu Botschaften: Rettet die Bäume, laßt die Kinder spielen, schließt Frieden. Viele dieser Lieder sind seither nicht älter geworden, „Morning Has Broken“ singen Schulkinder im Frühenglisch.

Ein Fürsprecher des Islams

Wie jeder Konvertit war Yusuf Islam am Anfang radikal. Nach seiner Abkehr vom Musikgeschäft verkaufte er alle Instrumente und goldenen Platten, lernte Arabisch, gründete eine islamische Schule in London. Er ging eine arrangierte Ehe mit einer Muslimin ein und zeugte fünf Kinder. Als er einmal zufällig Patti d'Arbanville über den Weg lief, seiner früheren Muse, sprach er aus religiösen Gründen nur via ihren Mann mit ihr, der daneben stand. Seine Stimme erklang nur noch auf didaktischen arabischen Sprechplatten, den Einsatz von Musikinstrumenten lehnte er völlig ab.

1989 geriet er in die Schlagzeilen, weil er durch ungeschickte Äußerungen den Eindruck erweckt hatte, die Fatwa gegen Salman Rushdie zu unterstützen, was er aber umgehend widerrief. Die englische „Sun“ titelte dennoch „Cat sagt: Tötet Rushdie!“, und viele Radiostationen strichen in der Folge für Jahre seine Songs von ihren Playlists. In den Neunzigern engagierte er sich für Hilfsprojekte unter dem Dach der Vereinten Nationen - Kosovo, Bosnien, Irak - und nahm zunehmend eine öffentliche Rolle als Fürsprecher des Islams im Westen wahr. 2003 erhielt er den „World Social Award“.

Der Mann von der Plattenfirma gibt letzte Anweisungen. Keine Fragen zur Politik oder zum Islam; es soll um Musik gehen. Die CD liegt druckfrisch auf dem Tisch, eine Kaffeetasse, in der ein blaues Meer glitzert, schmückt das Cover. Der Mann, der Cat Stevens war, sitzt tief in einem Sofa, ist erstaunlich klein, trägt Wollpulli, Cordhose und einen leicht ergrauten Bart.

Herr Islam, Gratulation zum neuen Album.

Nennen Sie mich einfach Yusuf.

Yusuf, würden Sie sagen, „An Other Cup“ sei ein Comeback?

Nicht wirklich. Ich glaube, dieses Album ist eine Weiterentwicklung meiner früheren Platten, meiner früheren Gedanken und Lieder. Es zeigt, wo ich heute stehe.

Sie veröffentlichen diese Platte unter dem Namen „Yusuf“, doch es gibt sehr viele Verbindungen zu Ihrer Zeit als Cat Stevens. Es gibt Coverversionen von einigen Ihrer alten Songs, wobei Sie in einem Fall den Text leicht entsäkularisiert haben, indem Sie „girls“ durch „souls“ ersetzten.

Der Song war ursprünglich ein Liebeslied, jetzt geht es um eine höhere Liebe, die göttliche Liebe.

Mehr als zwanzig Jahre haben Sie sich die Musik fast völlig verboten, aus religiösen Gründen. Warum der Wandel?

Ich kam erst vor kurzer Zeit zu einer Entscheidung bezüglich des Gebrauchs von Musikinstrumenten. Ob es erlaubt ist. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich voller Zweifel. Es gibt dazu viele verschiedene Meinungen im Islam. Es gibt keine klare Doktrin. Ich habe Zeit gebraucht, um sicher sein zu können, daß ich das Richtige tue. Und ich glaube, ich habe eine Antwort erhalten, die sehr einfach ist: Alles, was Gutes bewirkt, ist gut, und was Schlechtes bewirkt, ist schlecht.

Warum heißt die Platte „An Other Cup“, eine andere Tasse? Was soll der Leerschlag mitten im „Another“? Nicht mal Ihr Manager konnte es mir erklären.

Eine kleine grammatische Schrulle. Ich wollte, daß man versteht, daß diese Platte wirklich an other cup ist. Nicht bloß eine andere Tasse, sondern: Eine. Andere. Tasse.

Verstehe ich nicht.

Die Tasse ist auch auf dem Cover von „Tea for the Tillerman“ von 1970 zu finden, meinem berühmtesten Album, und dieser kleine Zwischenraum soll zeigen, daß etwas passiert ist seither. Daß wir in einer anderen Welt leben. Diese CD ist ein neuer Schritt, manche halten es für einen sehr mutigen Schritt. Ich baue eine Brücke und versuche, darauf zu gehen. Viele Leute fürchten sich davor, diese Brücke zu betreten.

Die Brücke zwischen Ost und West.

Genau. Das Symbol der Kaffeetasse verweist auch auf die verborgenen Schätze der islamischen Zivilisation. Kaffeehäuser, die Cafés, die wir heute an jeder Ecke sehen, sind eine Erfindung von Muslimen. Es gab sie schon im 15. Jahrhundert in Istanbul und noch früher im Jemen. So wird die Tasse zu einem Symbol dessen, was wir miteinander teilen.

Sie singen auf der Platte den Nina-Simone-Klassiker „Please Don't Let Me Be Misunderstood“. Eine Botschaft an die Presse, die Ihnen üble Schlagzeilen bescherte?

Ja, der Text ist maßgeschneidert für mich. I'm just a soul whose intentions are good.

Woran denken Sie, wenn Sie mit diesem Lied darum bitten, nicht mißverstanden zu werden?

Vom ersten Tag an, als ich ein Muslim wurde, betrachteten viele diesen Schritt als eine seltsame Wendung und nahmen eine negative Haltung dazu ein. Wenn man sich heute anschaut, wie die Medien - oder gewisse Medien - mich während all dieser Jahre darstellten, so ist das unbestreitbar. Vom ersten Tag an. Und das waren Leute, die keine Ahnung hatten, wofür ich stand, als ich Cat Stevens war, und noch viel weniger begriffen sie, wer Yusuf Islam ist.

Sie denken an Schlagzeilen wie „Cat says: Kill Rushdie!“ nach Ihren Äußerungen . . .

Davon will ich nichts mehr hören! Davon will ich nichts mehr hören.

Ich meinte nur . . .

Davon will ich nichts mehr hören.

Aber das Lied bezieht sich doch auf . . .

An Ihrer Stelle würde ich jetzt ein anderes Thema suchen.

(Schweigen)

Wenn Sie alte Fotos anschauen, als Sie noch Cat Stevens waren, denken Sie da manchmal: Bin das wirklich ich? Wie bringen Sie Steven Demetri Georgiou, Cat Stevens und Yusuf Islam zusammen?

Es gibt ein Lied auf dem Album, das diese Frage in gewisser Weise beantwortet. Es geht darin um Schmetterlinge, die ihre seidenen Paläste verlassen. Die Verwandlung einer Raupe in einen Schmetterling ist eins der großen Rätsel des Lebens. Wenn ich an die verschiedenen Phasen meines Lebens denke, so sehe ich alles als Metamorphose, als konstante Verwandlung, eine unablässige Suche nach dem Glück.

Cat Stevens war die Raupe, Yusuf ist der Schmetterling?

Nein! Nein. Das war nur ein metaphorisches Beispiel für den Wandel des Lebens. Schauen Sie sich einen Embryo an. Es ist ein Klumpen Blut. Sie waren ein Klumpen Blut, ich war ein Klumpen Blut. Und später nimmt dieser Klumpen die Form eines eigenständigen Lebewesens an, das selbstbewußt wird und glaubt, es sei der Meister seines eigenen Schicksals.

Die Wissenschaft hat das längst erschöpfend beschrieben.

Die Wissenschaft kann nicht sagen, warum ich ich bin und Sie Sie.

Diese Frage, fällt mir ein, haben Sie schon 1970 in einem Song gestellt: I wish I knew, I wish I knew, what makes me me, what makes you you.

Ja, sehr gut, das stimmt. Und das Wissen, das ich in der Zwischenzeit gewonnen habe, versuche ich in meiner Musik auszudrücken.

Das heißt: Cat Stevens stellte die Fragen, Yusuf hat die Antworten?

Nein. Aber ich bin zumindest ein Stück weiter als damals.

Was ist heute Ihr Beruf? Musiker? Lehrer? Kulturvermittler?

Ich bin vieles. Ich bin Vater. Ich bin auch ein Sohn. Aber ich habe eine Biographie, die besser öffentlich dokumentiert ist als die Lebensläufe der meisten Leute. In gewisser Weise ist das ein Geschenk.

Das Sie in die Rolle eines Botschafters für den Islam gedrängt hat. Sie sind der bekannteste Konvertit der Welt und müssen Antworten geben. Fühlen Sie sich wohl dabei?

Diese Verantwortung wiegt schwer. Aber es ist auch eine Aufgabe, die zu mir paßt. Denn alles, was ich tun muß, ist darüber sprechen, was ich getan habe und wie ich denke. Ich bin ein Spiegel, eine Lupe, durch welche die Muslime den Westen sehen können und der Westen den Islam. Das bedeutet aber auch, daß ich immer rein und transparent sein muß.

Eine große Bürde.

Ja. Aber offenbar bin ich dazu bestimmt. Der Mensch muß immer wieder bereit sein für Veränderungen in seinem Leben. Wenn man sich nicht selbst verändert, verändert einen das Leben. Und darin liegt der Schlüssel: Alles, was wir in der Natur sehen, ist in ständigem Wechsel begriffen. Der Mensch aber neigt dazu, sich an dem festzuhalten, was er hat.

Davor sind Sie schon als Cat Stevens immer geflohen. Sobald sich das Publikum oder die Musikindustrie ein Image von Ihnen gemacht hatte, machten Sie eine Kehrtwendung.

Ja, vielleicht. Dazu fällt mir ein weiser Satz ein, den ich bei einem Philosophen aufgeschnappt habe, er hieß, glaube ich, Eckhart . . .

Meister Eckhart, ein christlicher Mystiker.

Er sagte: Um zu sein, mußt du aufgeben, was du bist. Ich glaube, das ist sehr tief. Sehr tief. Das ist ungefähr, was ich tat. Oder was ich möglicherweise jetzt tue.

Was sagt eigentlich Ihr muslimisches Umfeld, die Gelehrten, auf die Sie hören, zu Ihrer Rückkehr zur Musik?

Das werden wir erst noch sehen. Aber es gibt im Islam das Prinzip des common good, des Gemeinnutzens. Es bedeutet folgendes: Wenn man mit etwas konfrontiert wird, das in den Schriften keine Erwähnung findet, soll man beobachten, welchen Nutzen es bringt. Nützt es der Allgemeinheit, beschützt es den Geist, dient es Gott? Wenn die Gelehrten sehen, daß die Nadel positiv ausschlägt, werden sie möglicherweise gutheißen, was ich tue.

Letzte Frage, Yusuf. Mir fiel auf, daß Sie auf jüngeren Fotos mal ganz dunkle, mal graue Haare haben. Färben Sie Ihren Bart?

Nicht mehr. Bis vor einer Weile tat ich es, ja, tatsächlich.

Ist das denn erlaubt nach dem Koran?

Absolut, es ist halal.

Warum tun Sie es nicht mehr?

Vor ein paar Jahren, bei einer meiner Reisen nach Mekka, war ich in der Kaaba, dem Gebäude, das der Prophet Abraham selbst erbaut hat. An diesem Ort habe ich darüber nachgedacht, daß auch Mohammed ein paar graue Haare hatte im Bart. Und ich sagte zu mir, you can't do this anymore.

Yusuf Islam: „An Other Cup“. Erschienen bei Universal.

Das Gespräch führte Guido Mingels

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.11.2006
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