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Yoko Onos Geburtstagskonzert Der Besuch der alten Dame

 ·  Urwaldgeräusche auf der Volksbühne: Yoko Ono feiert ihren achtzigsten Geburtstag mit vielen Gästen bei einem umjubelten Konzert in Berlin.

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© dpa Vergrößern Geburtstagstorte auf offener Bühne: Mit ihrer Plastic Ono Band lässt sich Yoko Ono in der Volksbühne feiern

Als man den großen, ausverkauften Saal der Volksbühne betrat, war Sommer: Man hörte Vogelgezwitscher, leichten Wind und das Brummen von Fliegen, über der Bühne lief ein Film, der einen nackten Körper zeigte, die Fliegen landeten auf den Hüften, krabbelten über den Bauch bis zu einem kleinen blauen Fleck auf dem rechten Oberschenkel, flogen ein Stück weiter, und das dichtgedrängte Publikum schaute ehrfurchtsvoll dem intim-sommerlichen Spektakel zu. Es war ein Film von 1970, der „Fly Film“, eine frühe Arbeit von Yoko Ono, die in der Berliner Volksbühne - aus Liebe zu Berlin, zu Brecht, zu Kurt Weill, wie sie dem Publikum zurief - am vergangenen Sonntagabend ihren achtzigsten Geburtstag feierte.

Noch bevor Yoko Ono selbst auf die Bühne trat, lief ein weiterer Film, der das Leben der Künstlerin zusammenfasste: Ein Bild der kleinen Yoko in den dreißiger Jahren in Tokio, ein paar Aufnahmen aus ihrer „Half-a-Wind-Show“, ein paar Szenen aus dem berühmten „Cut Piece“ von 1964, einer von Onos frühesten Arbeiten, die zurzeit auch in der großen Frankfurter Ono-Ausstellung zu sehen ist. Das „Cut Piece“ begründete ihren Ruf als eine der ersten und wichtigsten feministischen Performance-Künstlerinnen, lange bevor alle Welt Ono nur noch als Ehefrau von John Lennon wahrnahm, und der biographische Einspieler war eine Art Nachhilfestunde für all diejenigen, die Yoko Ono nur als Lennon-Witwe kennen oder aus dem Schmählied der Berliner Band Die Ärzte (“Du hast mir nichts als Pech gebracht / Hast mich nur belogen / Du hast mich lächerlich gemacht / mein Konto überzogen / Du nervst noch mehr als Yoko Ono“).

Eigentlich ein Konzeptkunstwerk

Dass aus Berlin auch ganz andere Lieder über Yoko Ono kommen, zeigte die Vorband des Abends, die in Kreuzberg ansässige deutsch-israelisch-japanische Elektrotrance-Band „Jiga, Eva und Masumi“, die den Abend mit „Hey Yoko Ono“ eröffnete, einem extrem gutgelaunten, Punk- und J-Pop-haltigen Synthie-Song, der an die Musik erinnerte, die man in den achtziger Jahren in besseren Diskotheken in Rom und Tel Aviv zu hören bekam. Schließlich betrat unter donnerndem Applaus Yoko Ono die Bühne, gefolgt von ihrem Sohn Sean Lennon, der die neugegründete Plastic Ono Band leitet. Und was soll man sagen: So energetisch, wie Yoko Ono dort tanzte und sang und in der von Sean Lennon errichteten, basserfüllt wummernden Rock-Kulisse des Orchesters über die Bühne fegte, musste man sich mehrfach daran erinnern, dass hier gerade eine Achtzigjährige ihren Geburtstag beging, mit schwarzem Hut und Sonnenbrille, in einem figurbetonten dunklen Outfit und mit einer Rock-Armada im Nacken. Rock ’n’ Roll tut den Leuten gut und wirkt im Alter nicht peinlich: Hier zeigte sich, dass man auch mit achtzig nicht in den altersheimkompatiblen Beigegrau-Schattierungen orthopädischer Kleidungsstücke verschwinden muss. Yoko Ono sang alte und brandneue, noch titellose Lieder, sang sich in eine halbe Trance, rief mit unermüdlicher Stimme Urwaldgeräusche ins Mikrofon, wozu die Regie dschungelgrünes Licht über die Bühne goss, und auch die berühmt-gefürchteten Schreieinlagen der Performerin fehlten nicht: Uh-Uh-Ouh-Ha-Ouh-Ouh-Ouh-A!-Ha!-Ha! Und dann kamen die Gäste.

Die in Berlin lebende kanadische, wie immer vor Energie schier platzende Elektroclash-Sängerin Peaches betrat die Bühne und sang, nein: brüllte, zerstückelte Yoko Onos elegant angefunkten alten Hit „Yes, I’m a Witch“ und machte daraus ein R-&-B-Rap-Gewitter, eine akustische Geburtstagstorte aus Stahl, neben der das Geburtstagskind so freundlich verblüfft Platz nahm wie jemand, dem unvermittelt ein angeschalteter Föhn ins Gesicht gehalten wird. Wenig später wurden Rufus und Martha Wainwright auf die Bühne gebeten. Begleitet von Sean Lennon am Klavier, stimmte Rufus Wainwright auf Deutsch ein herzzerreißend vorgetragenes „Zum Geburtstag viel Glück“ an, und der Saal sang ergriffen mit. Danach erklärte Sean Lennon dem überraschten Publikum, dass der Klassiker „Give Peace a Chance“ eigentlich ein Konzeptkunstwerk sei, bei dem vor dem Refrain die Schlagzeilen aktueller Zeitungen paraphrasiert werden sollen (also heute etwa „Everybody’s talking about Pferdefleisch, Finanzausgleich, Mali, Frankreich, Schavan, Afghanistan, Rösler, Merkel, Brüderle-Ferkel“).

Auf der Bühne erschien jetzt neben Peaches und den Wainwrights ein ganzer Freundeskreis, darunter der Frontmann der inzwischen aufgelösten Gruppe „R.E.M.“, Michael Stipe. Zum Refrain von „Give Peace a Chance“ forderte Sean Lennon den Saal energisch zum Mitsingen auf, was der Sache dann etwas leicht Kirchentagshaftes gab. Trotzdem Standing Ovations, donnernder Applaus, Lichtermeer, Zugabe, noch wilderer Applaus, und später, als alle gingen, sang noch in der dunklen Hirtenstraße einer laut und schief „Hey Yoko Ono“, stieg auf sein Fahrrad und verschwand in der Nacht.

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