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„Wir sind Helden“ : Hymnen der Verweigerung

Zwei Helden: Pola Roy, Judith Holofernes Bild: dpa

Deutschlands neue Superstars: Die Popband „Wir sind Helden“ hat einen rasanten Aufstieg hingelegt. Sie schaffen es, gleichermaßen als Avantgarde gefeiert zu werden und beim Mainstream anzukommen.

          Man traut sich eigentlich gar nicht mehr, diese Band zu loben. Zum einen, weil man damit etwas spät kommt, zum anderen, weil man lieber nichts zu ihrem fürchterlichen Absturz beitragen möchte - denn der droht in diesem Land noch jedem, der kurz zuvor erst in schwindelerregende Höhen gejubelt wurde. Und sehr viel höher als die Gruppe „Wir sind Helden“, deren Debütalbum „Die Reklamation“ soeben erschienen ist, kann man im Grunde gar nicht mehr kommen.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es begann mit einem Lied namens „Guten Tag“, das die zur Mehrzahl aus Berlin stammende Band in Heimarbeit veröffentlichte, ohne einen Plattenvertrag zu besitzen, und das seinen Weg über diverse Radiosender bis zu Viva und MTV schaffte. Auch Harald Schmidt bekam den Song zu hören, und weil dessen Sängerin, die sich Judith Holofernes nennt, jung, charmant, hübsch und gescheit ist, lud er sie in seine Sendung ein; ihre drei männlichen Mitmusiker durften die Frontfrau vom Fernsehsessel aus betrachten. Via Schmidt wurden dann die Feuilletons auf „Wir sind Helden“ aufmerksam, und als nun endlich das Album zur Single herauskam, war dies sogar den „Tagesthemen“ einen Beitrag wert. „Die Reklamation“ schoß von null auf Platz sechs in den deutschen Albumcharts: So schnell kann es gehen, daß eine Band, die als avantardistisch gefeiert wird, im Mainstream landet.

          Dressierte Affen

          Wie ist dieser sagenhafte Erfolg zu erklären? „Ich glaube, daß wir die richtige Band zur richtigen Zeit sind“, hat Judith Holofernes gesagt. „Wir sind Helden“: Das klingt nach einem Spruch jener unsäglichen Motivationstrainer, die uns in den Boom-Jahren allesamt zu Höchstleistungen anstacheln wollten, kurz darauf aber selbst rasante Abstürze hinlegten, die bei manchem von ihnen direkt ins Gefängnis führten. Der Selbstausbeutung als oberstem Gebot, der Karriere um jeden Preis erteilen „Wir sind Helden“ eine musikalische Absage. „Muß ich immer alles müssen, was ich kann?“, fragt Holofernes in der zweiten Single „Wir müssen nur wollen“, und: „Ist dieses Morgen denn ein Leben ohne Heute wert?“ Der Song ist eine mitreißende Verweigerungshymne, in der sich die Startup-Doktrin „Wir können alles schaffen“ auf „dressierte Affen“ reimt. Die nette Pointe ist, daß „Wir sind Helden“ sich der Dressur entzogen und es dennoch geschafft haben.

          Die „Klassensprecherin der Nation“ wolle sie nicht sein, hat Judith Holofernes beteuert, doch sie ist auf dem besten Wege dazu. Sogar der SPD-„Popbeauftragte“ Sigmar Gabriel, den die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung im Juni zusammen mit der Band zu einem Gespräch über die deutsche Musikszene lud, hat es bemerkt: „Ein relevanter Teil Ihrer Generation reagiert auf Sie.“ Die „Helden“ hätten den Protestsong neu erfunden, heißt es, doch ist dieser Protest auf eine Weise formuliert, die niemanden vor den Kopf stößt. Bevor Judith Holofernes und ihre Bandkollegen Pola Roy, Mark Tavassol und Jean-Michel Tourette protestieren, sagen sie erstmal freundlich „Guten Tag“ - und nennen gleich das ganze Lied so. Sie sind so nett und wohlerzogen, daß man das fast schon wieder als Provokation empfinden kann - jedenfalls wenn man, wie die Kritikerin der „Zeit“, sich unter Protest noch etwas ganz anderes vorstellt und in Holofernes' „Ringel-T-Shirt-Erscheinung“ das Zeichen einer „konservativen Revolution“ erblickt.

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