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Zum Tod von Johnny Hallyday : Wie ein wildes Tier

In James-Dean- oder Marlon-Brando-Pose: Johnny Hallyday, Frankreichs Elvis Presley Bild: LAIF

Er hatte die für die Franzosen neue Musik aus London und Amerika in seiner Heimat populär gemacht. Seine Landsleute verehren ihn – auch wenn er es ihnen nicht immer leicht gemacht hat. Zum Tod von Johnny Hallyday.

          Seit Jahren nahmen die Franzosen Abschied von ihm. Zum ersten Mal hatte ihn Johnny Hallyday selbst vor mindestens einem Jahrzehnt verkündet: als er auf der Bühne einen Altstar sah, der seinem Auftritt nicht mehr gewachsen war. Johnny zelebrierte sein Adieu auf mehreren Tourneen – das war kein PR-Gag, den hatte er nicht nötig. Er konnte nicht anders. Er war für bankrott erklärt worden und vier Tage nach einer gescheiterten Operation nach Kalifornien geflüchtet. Im Internet wurde mehrmals sein Tod verkündet. Einmal kam die Meldung sogar im Radio. Er lag im Koma und hatte seit einem Jahr auch noch Krebs – Lungenkrebs. An seinen Folgen ist Johnny Hallyday in seinem Haus bei Paris gestorben.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Die Legende hatte mit einem Druckfehler begonnen. Der Franzose, der im Ausland so berühmt wurde wie de Gaulle, Brigitte Bardot und Asterix, hieß weder Johnny noch Hallyday, sondern Jean-Philippe Smet. Sein Vater war ein Clown und Gaukler, der ihn der Mutter überließ, die sich erfolglos als Mannequin versuchte und das Kind zwecks angestrebter Karriere an ihre Schwägerin weiterreichte. Zu fünft schliefen sie in einem Zimmer, das zehn Quadratmeter groß war.

          Die Tante war im Showbusiness tätig und schickte ihn in den Tanz- und Musikunterricht. Als ihm der Lehrer allzu nahe kam, ersetzte er die Geige durch eine Gitarre. Im Alter von zwölf Jahren durfte er bei Maurice Chevalier vorspielen, der ihm riet, vor allem den Einzug und Abgang zu üben, alles andere komme auf der Bühne wie von selbst. Er hat sich daran gehalten und wirkte bei seinen animalischen Auftritten tatsächlich wie ein wildes Tier, das sich aus der Gefangenheit befreit.

          Musik zunächst nur auf verbotenen Radiosendern

          Die Tante wollte ihn nach dem Vorbild des amerikanischen Stars Lee Halliday vermarkten. Doch die Plakate für das erste Konzert kamen mit der Aufschrift „Johnny Hallyday“ aus der Druckerei. Ebenso ungewohnt wie die englische Sprache war für die Franzosen damals die neue Musik aus London und Amerika. Johnny machte sie unter dem Begriff „Yéyé“ populär: Die Gattung steht für die französische Version amerikanischer Hits und wurde zum Synonym für die neue Beat-Kultur.

          Hören musste man sie zunächst auf Langwelle, in Sendungen wie „Salut les copains“; nur von den Piraten- und Privatsendern, die in Frankreich verboten waren, wurden sie gespielt. Der Erfolg indes kam schnell, und „homemade Johnny“ wurde zum Star. Mehr als tausend Songs hat er aufgenommen, Dutzende von Goldenen Schallplatten bekommen, Millionen besuchten seine Konzerte. Manche seiner Chansons dürfen nach den Kriterien des deutschen Kulturbegriffs durchaus als Schlager bezeichnet werden. Aber was für eine Stimme!

          Im Alter verlor er an Beliebtheit

          Sex- wie Drogenexzesse und womöglich fünf Ehen hat der seit Jahren sichtlich gezeichnete Johnny Hallyday überlebt. Aber ein Rebell gegen die herrschende Ordnung war er nicht. Im Mai 1968 wurde er aus Kamerun ausgewiesen, weil er sich mit einem Diplomaten angelegt hatte, dem seine langen Haare nicht passten. 1974 und 1981 (beide Male gegen Mitterrand) engagierte er sich mit Mireille Mathieu allein auf weiter Flur für Giscard d’Estaing. Später hielt er es mit Jacques Chirac.

          Für Nicolas Sarkozy, der ihn als Bürgermeister des Pariser Nobelvororts Neuilly getraut hatte, machte er 2007 Wahlkampf. Ein Tiefststand seiner Beliebtheit in Frankreich wurde erreicht, als der Sänger mit dem Gedanken spielte, aus fiskalischen Gründen die belgische Staatsbürgerschaft seines Vaters zu beantragen. Als dieser zum Clochard geworden war, verweigerte ihm der Sohn jegliche Unterstützung – auch das haben ihm die Franzosen nicht verziehen. Schließlich zog Johnny Hallyday ins Steuerexil nach Gstaad in der Schweiz, wo er sich zu Tode gelangweilt haben muss.

          Der französische Elvis

          Inzwischen werden seine Chansons zum Entsetzen der Priester in ländlichen Kirchen auch schon mal bei Beerdigungen auf einem alten Plattenspieler gespielt. Im Auftrag des Staats sang er am ersten Jahrestag des Attentats auf „Charlie Hebdo“ in Paris auf der „Place de la République“. Im vergangenen Sommer machte er nochmals eine Abschiedstournee mit dem Trio der „Vieilles Canailles“, der alten Strolche und Kämpen wie Eddy Mitchell, dem nur im eigenen Land fast ebenso erfolgreichen Freund aus der gemeinsamen Jugend.

          Die „New York Times“ würdigte den in der Nacht nach Jean d’Ormesson im Alter von 74 Jahren verstorbenen Johnny Hallyday als „French Elvis“. Der Abschied von ihm wird noch länger dauern. Die Intensität der Würdigungen durch Politiker und Kollegen, der Nachrufe in Presse, Funk und Fernsehen genauso wie die endlosen Trauerbekundungen in den sozialen Netzwerken lassen vermuten, dass der nationale Kult um Johnny Hallyday, genau wie bei Elvis Presley, auch Jahrzehnte nach dem Tod noch anhalten wird.

          Quelle: F.A.Z.

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