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Veröffentlicht: 25.04.2017, 16:23 Uhr

Androgyne Fußball-Band Acrush Musik für 1,37 Milliarden potentieller Torjäger

Pflichtbewusstsein und Durchhaltevermögen: Staatspräsident Xi Jinping möchte China zum Fußballweltmeister machen. Dabei helfen soll eine Boygroup ohne Boys.

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© Screenshot Instagram/ffc_acrush Der Klimmzug sieht schon ganz gut aus, aber Fußball-Tricks muss die Band noch lernen.

Maximal zehn Jahre hat er, um sein Land von seiner Leidenschaft zu überzeugen. Vier sind bereits verstrichen, aber Staatspräsident Xi Jinping hat die Zeit genutzt, um große Pläne zu verkünden und einige umzusetzen: Fußball wurde verpflichtend in die Lehrpläne chinesischer Schulen aufgenommen, um den Nachwuchs zu fördern. 2030 will die Volksrepublik die Weltmeisterschaft ausrichten; 2050 soll sie sie gewinnen.

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Das ist ein ehrgeiziges Ziel für ein Land, dessen Herrenmannschaft bei ihrem einzigen WM-Auftritt kein einziges Tor erzielt hat. 2002 war das, in Südkorea, seither hat es mit der Qualifikation nicht mehr geklappt. Die Mannschaft steht in der Weltrangliste auf Platz 81. Das stellt Xi Jinping nicht zufrieden, schließlich sieht er ein Volk von 1,37 Milliarden potentieller Torjäger vor sich. Seit er in der Fußball-Schulmannschaft spielte, liebt er Fußball. Deshalb müssen nun auch Kinder und Jugendliche an den Ballsport herangeführt werden. Nicht ganz einfach, spielen die doch bisher lieber Tischtennis.

Doch Tischtennis ist als Individualsportart nicht so geeignet, den jungen Leuten die Tugenden anzuerziehen, die die chinesische Führung bei ihrem Volk gerne sieht. Der Volksbildungsverlag, der dem Bildungsministerium untersteht, hat etliche neue Fußballbücher für die Schulen konzipiert. Der Direktor der Abteilung Sport lässt keinen Zweifel daran, was die Bücher den Kindern vermitteln sollen: Teamgeist, Pflichtbewusstsein, Durchhaltevermögen. „Es soll ihren optimistischen und hart arbeitenden Geist fördern“, erklärte Chen Keqi der Zeitung „Beijing Youth Daily“, und: „In diesem Lernprozess können wir die Aufmerksamkeit der Schüler für Pflicht und Verantwortung schärfen.“

46042023 © Screenshot Instagram/ffc_acrush Vergrößern Streng genommen besteht Acrush nicht aus Männern. Die Fans kümmert das kaum.

Damit kann man offenbar nicht früh genug anfangen. Deshalb hat China inzwischen die größte Fußball-Jugendakademie der Welt. Sie liegt in Guangzhou im Südosten Chinas, der drittgrößten Stadt des Landes. 2600 Jungen und 200 Mädchen trainieren dort derzeit, irgendwann sollen es insgesamt 10000 sein. Die Schule gehört zum Fußballclub Guangzhou Evergrande, dem FC Bayern Chinas: seit der schwerreiche Bauunternehmer Xu Jiayin den Club gekauft hat, ist er nahezu unschlagbar. Seit 2011 wurde er jedes Jahr Meister.

Dass das Niveau in der chinesischen Super League immer weiter steigt – auch dank internationaler Einkäufe – genügt allerdings nicht. Die Chinesen wollen im internationalen Vergleich bestehen. Im Januar lud die Volksrepublik erstmals zum China Cup nach Nanning. Nur vier Mannschaften traten an. Chile gewann, Platz zwei ging nach Island, und China gewann im Spiel um Platz drei nach Elfmeterschießen gegen Kroatien. Das ist weit entfernt vom Ergebnis, das Xi Jinping sich wünscht, und seine Zeit läuft ab: Selbst wenn er 2018 wiedergewählt wird, bleiben ihm nur noch sechs Jahre. Das Amt des Staatspräsidenten ist auf zwei Wahlperioden limitiert.

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Hilfe kommt von der Industrie: Die Firma Zhejiang Huati Culture Communication hat vier Bands gegründet, die den jungen Leuten den Sport nahe bringen sollen. Drei von ihnen sind Girlgroups und werden demnächst der Öffentlichkeit präsentiert. Die vierte heißt Acrush und wird vermarktet wie eine Boygroup, doch biologisch sind alle Mitglieder weiblich: Lin Fan, Min Jun Qian, Peng Xi Chen, Lu Ke Ran und An Jun Xi sind zwischen achtzehn und Anfang zwanzig, tragen ihr Haar kurz und zumeist gebleicht, dazu gerne weite T-Shirts und zerrissene Jeans. Sie bevorzugen es, keinem Geschlecht zugeordnet zu werden – ob das eine persönliche Entscheidung ist oder besser fürs Marketing, ist schwer zu sagen, denn die Mitglieder dürfen nicht öffentlich über ihre sexuelle Orientierung sprechen.

Konzerte mit Balltricks

Eindeutig ist dafür die Priorität dieser Band. Ein Album hat sie noch nicht veröffentlicht, das wird erst für Ende April erwartet, denn zuerst müssen die Mitglieder Fußballtricks lernen. Der Sportartikelhersteller Fantasy Football Corporation (FFC) ist offenbar begeistert von der Perspektive, sich im Fußballmarkt auszubreiten, und hat der Band sein Kürzel vorangestellt: FFC Acrush heißt die Band nun und soll erst ein Musikvideo drehen dürfen, wenn die Mitglieder darin passabel Fußball spielen können. Auch bei Konzerten sollen sie Balltricks zeigen. Die Musik ist absolut zweitrangig – auch für die Fans. Denn obwohl Acrush öffentlich noch keinen Ton gesungen haben, flippen junge Chinesinnen aus. Mehr als 750.000 Menschen folgen der Band auf Weibo, dem chinesischen Twitter-Äquivalent. Weibliche Fans sprechen über die Sängerinnen wie über männliche attraktive Popstars: Sie nennen sie „lăo gng“, Ehemann. Das „A“ in Acrush soll an Adonis erinnern, das Sinnbild männlicher Schönheit.

Die Band benutzt unterdessen neutrale Wörter: mei shao nian nennen sie sich, das heißt so viel wie „gutaussehende Jugendliche“. Sie wurden einzeln gecastet, erklärten aber, sich nicht erst seit diesem Engagement anzuziehen wie Männer. Ihre Androgynie passt perfekt zum chinesischen Zeitgeist. 2005 gewann Li Yuchun die Talentshow „Super Girl“, die sich inzwischen Chris Lee nennt und immense Erfolge feiert – ohne dass man sie äußerlich eindeutig einem Geschlecht zuordnen könnte. Auch in Filmen sind Frauen in Männerkleidung und Männer in Frauenkleidung nichts Ungewöhnliches. Diese Tradition findet ihre Wurzeln in der Peking-Oper: Während in Europa Frauen Hosenrollen spielten, übernahmen in China Männer Frauenrollen. Das berühmte Volksgedicht „Mulan“ wiederum handelt von einem Mädchen, das als Mann in der Armee kämpft. Wenn die Unterschiede zwischen den Geschlechtern beim Fußball nicht gar so groß wären, könnte das auch eine Lösung für den chinesischen Fußball sein. Denn die Damenmannschaft hat sehr viel bessere Chancen als die der Herren, in absehbarer Zeit eine Weltmeisterschaft zu gewinnen: Sie steht aktuell immerhin auf Platz 14 der Weltrangliste.

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