07.10.2009 · Marius Müller-Westernhagen ist ein nachdenklicher Mensch. Und ein Neurotiker. Statt mit seinen 60 Jahren ein wenig zu gärtnern, hat er das Album „Williamsburg“ aufgenommen. Es klingt mehr nach Blues als nach Rock und ab und zu rutscht ihm auch mal ein Popsong raus.
Marius Müller-Westernhagen über alte Ängste, verpasste Chancen, die Zeit in der WG mit Otto Waalkes und sein neues Album „Williamsburg“
Herr Müller-Westernhagen, Sie kommen gerade vom Arzt. Ist er denn zufrieden mit Ihnen?
Offensichtlich nur eine Virusinfektion, ein grippaler Infekt. Ich bin nicht ganz ich selbst, aber es geht. Viel Vitamin C, viel Tee trinken.
Welche Sorte?
Ich rieche nichts. Ich glaube, das ist Salbei oder Ingwer, den hat meine Frau gemacht.
Sonst alles gut? Rücken?
Sonst alles gut. Ich lebe gesund, trinke mäßig, treibe viel Sport. Geraucht habe ich nie, schmeckt mir einfach nicht. Mein Vater hat hundert Stück am Tag gequalmt, den kannte ich nur mit Zigarette im Mund.
War doch früher ziemlich uncool, nicht zu rauchen, oder?
Unglaublich uncool. Denken Sie nur an die Filme von damals, die Hauptdarsteller haben alle geraucht. Als ich noch Schauspieler war, habe ich mir immer nur am Ende der Szene eine angesteckt.
Nun haben Sie ein neues Album aufgenommen: "Williamsburg". Ist Ihnen langweilig geworden?
Als ich vor zehn Jahren beschloss, nicht mehr in großen Stadien aufzutreten, da hätte ich mich auch zurückziehen können. Aber das Musikmachen kann ich einfach nicht lassen.
Sie haben doch einen wunderschönen Garten hier. Wir dachten, Sie gärtnern ein wenig.
Ich gärtnere überhaupt nicht. Ich bin ein Stadtmensch. Meine Frau Romney und ich hatten mal ein Haus in Umbrien. Mit Gemüsebeeten und Weinreben. Als die Männer aus dem Dorf zur Weinernte kamen, da saß ich wie der Padrone auf der Terrasse und hatte ein schlechtes Gewissen.
Das neue Album haben Sie in Eigenproduktion in New York aufgenommen. Sie klingen immer weniger nach Rock, immer mehr nach Blues. Wer darf Ihre Musik heute gut finden?
Das Publikum kann man sich nicht aussuchen. Dieses Album ist für mich.
Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer kommen mit ihren neuen CDs auch bei Jugendlichen an, die sonst Jan Delay und Bushido hören. Sie genießen Kultstatus. Möchten Sie das nicht auch?
Ich weiß nicht, wie meine Kollegen alles erreichen, aber die Menge an jüngeren Mädchen, die ich auf meiner letzten Tour in der ersten Reihe hatte, reicht mir.
Ihre Hits sind längst Allgemeingut. "Willenlos" läuft beim Tanzabend im Seniorenheim, Jugendliche grölen es auf Mallorca.
Furchtbar. Aber was soll ich dagegen sagen? Das erste Mal habe ich das in einem Hotel erlebt, da hat eine Bumskapelle "Willenlos" gespielt. Das kann ich nicht beeinflussen.
Sie können Ihre größten Hits nicht mehr hören?
Es gibt Songs, die ich nur mit einer gewissen Ironie singen kann: "Willenlos", "Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz". Aber die nicht zu spielen geht auch nicht. Einfach aus Respekt vor dem Publikum. Beim Komponieren rutscht mir halt ab und zu ein Pop-Song raus.
Mit "Zu lang allein", der ersten Single des neuen Albums, ist Ihnen wohl wieder einer rausgerutscht.
Ja, das ist der Song, der am ehesten Pop ist. Musik kann man nicht kalkulieren. Auch das, was mit "Freiheit" passiert ist, war so nicht geplant. Der Text entstand bei einer Stadtrundfahrt durch Paris. Der Touristenführer sagte etwas wie "Sie tanzten auch auf Gräbern". Toll, dachte ich mir. Der Rest war Assoziation.
Sie sind ein scheuer Mensch, Sie hassen es, bekannt zu sein. . .
Ich hasse es nicht, es ist mir unangenehm. Ich gelte bei vielen als arrogant und werde dieses Image auch nicht mehr los. Doch diese Menschen kennen mich nicht. Das ist ein Schutzmechanismus.
Setzen Sie sich doch zu Kerner oder Beckmann ins Studio, um zu zeigen, dass Sie ein netter Mensch sind!
Beckmann mache ich sogar. Aber schauen Sie sich Brad Pitt an, ein unfassbar guter Schauspieler, doch wenn ich ihn auf der Leinwand sehe, dann denke ich an Angelina Jolie, an die adoptierten Kinder. Traurig. Ein Künstler muss ein Geheimnis sein und Illusionen erzeugen. Leute, die heute populär sind, werden wie Aktien gehandelt. Über Aktien wird nur berichtet, wenn sie steigen oder fallen. Eine stabile Aktie ist uninteressant.
Wie steht die Aktie Westernhagen?
Stabil. Ich sehe mich immer stabil.
Uninteressant.
Ja, in dem Sinne uninteressant. Heute wird eine Lebensleistung kaum noch honoriert. Jeder fragt nur: Was macht er gerade? Ist er damit erfolgreich? Den Radiosendern reichen dreißig Sekunden "I'm horny, horny, horny".
Peter Maffay passt auf jede deutsche Wohnzimmercouch. Sie machen es Ihren Fans weniger leicht mit der Identifikation.
Ich möchte das nicht zu sehr an mich ranlassen, ich halte das so für besser.
Als Schauspieler in "Theo gegen den Rest der Welt" und zu Zeiten der "Pfefferminz"-Platte waren Sie noch der Kumpel-Typ.
Diese Erfolge habe ich genutzt und die Rollen deshalb weitergespielt. Aber das war nicht ich. Die Platten waren Milieustudien. Schauspieler und Musiker müssen eine Kunstwelt schaffen, sonst entsteht nur Reality-TV. Wenn du auf der Bühne stehst, vor hunderttausend Leuten, das ist nicht Realität. Kein Leben kann für jemanden so interessant sein wie eine Rolle, die einem vorgespielt wird, meines schon gar nicht. Privat bin ich Marius Müller-Westernhagen, mehr ist da nicht.
Ein Vergleich mit Mick Jagger würde hier gut passen . . .
Mick Jagger - wunderbar, der ist ja noch älter als ich.
Der hat auf der Bühne auch nur die Rock-Sau gespielt. Und wenn Keith Richards und die anderen zu ihm nach Hause kamen, hatte er Angst, dass sie ihm auf den Perserteppich kotzen.
Der ist noch viel mehr Schauspieler als ich, der ist ein Businessman. Das bin ich überhaupt nicht. Die Branche lacht sich kaputt, weil ich immer so viel Geld in die Produktion stecke. Keine Sorge, ich habe keinen Perser, aber wenn Sie auf meinen Teppich kotzen, kommt sofort meine Frau und wird sauer.
Jagger wurde von der Queen geadelt. Sie bekommen an diesem Wochenende die Quadriga überreicht, zusammen mit Michail Gorbatschow und Václav Havel. Was würde Ihre Filmfigur Theo dazu sagen?
Ach, auf diese Veranstaltung gehe ich doch gerne. Da treffe ich zum Glück keine RTL-Prominenz. Vor ein paar Jahren, beim Deutschen Filmpreis, lief Howard Carpendale da rum. Ich dachte mir: Das kann nicht sein, hier geht es doch um Kultur!
Haben Sie noch Angst vor Misserfolg?
Das mit den Ängsten hat sich bei mir ziemlich erledigt. Allem, was ich in der Karriere verpasst habe, lag Angst zugrunde. Angst ist destruktiv, deshalb versuche ich sie abzustellen. Daran habe ich sehr gearbeitet.
Heute sitzen Sie entspannt in der Küche und gucken in den Garten?
Ich denke immer noch über alles nach, das ist seit frühester Kindheit so. Wenn ich morgens aufwache, liege ich erst mal zehn Minuten im Bett und muss nachdenken.
Worüber denn?
Kann ich gar nicht sagen. Ich bin einer dieser Menschen, die sich immer für alles auf der Welt verantwortlich fühlen.
Sie sind ein Neurotiker.
Mag schon sein. Ich habe ein wunderbares Buch über Phobien gelesen - darin habe ich mich andauernd wiedererkannt. Es gibt aber auch viele komische Phobien: Im asiatischen Raum zum Beispiel, da halten einige Männer den ganzen Tag ihren Schwanz fest, weil sie Angst haben, dass er verschwindet.
Diese Phobie haben Sie aber nicht?
Die habe ich nicht.
Was ist Ihre schlimmste Phobie?
Menschenmassen. Als Kind wurde ich nach einem Spiel von Fortuna Düsseldorf fast totgedrückt. Als kleiner Furz kannst du schreien, wie du willst, es hört dich keiner.
Das muss ja schrecklich sein. All die Jahre auf der Bühne hatten Sie Angst vor Menschenmassen?
Ohne das Drängen meiner Frau hätte ich mich nie getraut, in Stadien zu spielen. Ich hatte auch wahnsinnige Angst vorm Versagen und dass ich der Sache nicht gerecht werde - als Musiker und als Schauspieler. Mir wurden viele erstklassige Filmrollen angeboten. Aber ich habe stets Schiss bekommen und sie alle abgelehnt. Das war sicher unklug.
Was waren das für Angebote?
Die waren ziemlich gut und wurden erfolgreiche Kinofilme.
Wie wäre es mit einer Rolle als älterer Liebhaber?
Das sind zumindest immer schöne Storys. "Lost in Translation" zum Beispiel. Phantastisch.
Einen alternden Filmstar an der Hotelbar. Den hätten Sie gerne gespielt?
Ja. Der Film hat mich fasziniert.
Ihr Vater war ein Star im Düsseldorfer Ensemble von Gustaf Gründgens. Er starb, als Sie 14 waren. Ihre Mutter wollte immer, dass Sie ernsthafter Bühnenschauspieler werden. Warum wollten Sie nicht den Hamlet spielen?
Ja, mein Vater war ein unfassbar guter Schauspieler. Jeden Abend ging er an die Grenze, aber er hat auch sehr viel getrunken. Ich habe damals Brecht gemocht. Aber die Musik der sechziger Jahre, der Kampf gegen das Establishment, das hat mich viel mehr fasziniert. Heute ist Musik leider mehr Las Vegas als Rebellion.
Später haben Sie doch auch Las Vegas zelebriert?
Mit den großen Shows, ja. Absolut.
Kehren Sie nun musikalisch ins Wohnzimmer der Eltern zurück?
Ich fühlte mich gefangen in den Stadien. Das waren wagnerianische Inszenierungen mit mir als Heldentenor. Der Druck von allen Seiten: die Massen, die Plattenindustrie. Ich wurde zu einer Erfolgsmaschine. Dahin möchte ich nie wieder zurück.
Ihre Tochter Mimi ist 23, sie arbeitet in London als Model und Musikerin. Freuen Sie sich über ihren Erfolg, oder haben Sie Sorge?
Die Leute sagen, sie sei erfolgreich. Aber mit was? Da ist noch nichts. Es sind nur ein paar Interviews, Fotos, Aufnahmen im "Playboy". Damit ist man heute schon erfolgreich. Sie hat sehr viel Substanz, aber man sollte grundsätzlich nicht einfach nur die eigene Person promoten. Das ist Eitelkeit.
Haben Sie Angst, dass sie in die Paris-Hilton-Clique abdriften könnte?
Klar, nur - das würde ihr einfach nicht entsprechen. Aber ich kann ihr auch nichts übelnehmen. Als sie nach Deutschland kam, konnte sie nicht wissen, welchen Rummel ihr Nachname auslösen würde. Die "Playboy"-Fotos mögen ja ästhetisch sein, aber für die Leute sind das Nacktfotos. Auch ich habe Fehler gemacht in dem Alter. Dieser Film, "Hurra, bei uns geht's rund" hieß er . . .
. . . mit Dieter Thomas Heck . . .
Ja, der. Ich habe mich so geschämt damals. Ich saß im Kino und habe nur noch geschwitzt.
Sie haben damals mit Udo Lindenberg und Otto Waalkes in einer WG gewohnt.
Das war eine Künstlervilla. Zehn Leute, darunter Udo, Otto und Karl Bartos, später Schlagzeuger von der Band Kraftwerk. Ich habe nie Miete bezahlt, sondern immer in einem freien Bett übernachtet. Wenn keines frei war, schlief ich in der Dachkammer - auf einer Matratze zwischen alten Zeitungen. Das war zwar unangenehm, wenn ich ein Mädchen mitbrachte, aber es ging. Mit Udo ruderte ich oft über den Rondeelteich, wir hatten klasse Gespräche. Udo wollte immer schon Karriere machen.
Wie müssen wir uns das vorstellen: In der Küche stapeln sich die Pizzakartons, Otto sitzt in Unterhose in der Badewanne und spielt Gitarre - und Sie putzen hinterher?
Nein, das war alles top organisiert. Zweimal pro Woche kam eine große Putzkolonne vorbei.
Sind Sie mit Otto Waalkes heute noch befreundet?
Wir mögen uns sehr und telefonieren ab und zu. Ist ein klasse Junge, der Otto. Ein hochbegabter Musiker und ein sensibler Kerl. Du kannst mit ihm auch mal ein paar ernste Worte reden. Glauben Sie mir, das geht.
Dabei ist er doch ganz anders als Sie. Otto unterscheidet nicht zwischen privat und öffentlich. Wenn er auf der Straße angesprochen wird, macht er den Ottifanten.
Das ist eben sein Schutzmechanismus. Ich ziehe mich zurück, er geht nach vorne. Aber auch er ist in der Figur, die er kreiert hat, ein wenig gefangen. Das passiert auch gerade Bill Kaulitz von Tokio Hotel. Der ist toll, charismatisch. Aber er ist mit seiner Kunstfigur verschmolzen. Wenn man nicht aufpasst, kommt man da einfach nicht mehr raus.
Marius Müller-Westernhagen, Jahrgang 1948, begann seine Karriere als Schauspieler (“Theo gegen den Rest der Welt“). Der Song „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ bescherte ihm den Durchbruch als Sänger, und sein Lied „Freiheit“ wurde zur Hymne des Mauerfalls. In den neunziger Jahren tourte er durch die Fußballstadien der Republik. Sein neues Album „Williamsburg“ erscheint am 23. Oktober. Müller-Westernhagen lebt in Hamburg und ist seit 1989 mit dem New Yorker Model Romney Williams verheiratet.