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Weltmusik-Festival : Wo Tausende der magischen Laute lauschen

  • -Aktualisiert am

Die Kasai All Stars auf der Bühne in Rudolstadt Bild: Platzdasch

Sibirische Frauen an der Maultrommel, Schuhplattler tanzende schwule Bayern und wikipediaartig wachsende Programmhefte: Deutschlands größtes Folk- und Weltmusik-Festival ging in Rudolstadt über die Bühne.

          Der Spagat zwischen Maultrommel spielenden sibirischen Frauen in der Stadtkirche und musikalischer Feier des 250. Dichtergeburtstags im Schillerhaus ist geglückt. Mit dem Länderschwerpunkt Russland und Beiträgen zum Schillerjahr fand Deutschlands größtes Folk- und Weltmusik-Festival in Rudolstadt statt.

          Ausgangspunkt des Spektakels war das „1. Fest des deutschen Volkstanzes“, das damals noch gesamtdeutsch orientierte Kommunisten 1955 in dem einstigen Residenzstädtchen veranstaltet haben. Daraus hatte sich ein DDR-Folklorefest mit Beiträgen aus den „Bruderstaaten“ entwickelt, das bis 1989 alle zwei Jahre stattfand. Seit 1991 erstreckt sich jedes erste Juliwochenende vom Heinepark am Saaleufer über den Marktplatz bis hinauf auf die Heidecksburg ein neu konzipiertes „Tanz&FolkFest“, Jahr für Jahr mit neuen Besucherrekorden - diesmal waren es 70.000 - und inzwischen mit einem 1,5-Millionen-Etat. Das zwecks Vermeidung von Musikantenstadl-Assoziationen nur noch „tff“ genannte Treffen adelte die kanadische Geigerin April Verch schon vor Jahren zum „best Folk-Festival of the World“.

          Das internationale Renommee lockte dieses Jahr die dreifache Grammy-Preisträgerin Lucinda Williams (Vereinigte Staaten) zwischen Auftritten in Roskilde und Utrecht am Independence Day nach Rudolstadt. Mit Jimi Hendrix' „Sweet Angel“ beendete sie ihren Auftritt beendet und spendete höchstes Lob: Noch nie habe sie einen solchen Klang gehört wie im Hof der Heidecksburg („fast wie im Studio“).

          RUTH-Preisträger Aly Keïta
          RUTH-Preisträger Aly Keïta : Bild: tff

          Der Kurzlaute lauschen

          Zum Reiz des Festivals gehören einzigartige gemeinsame Auftritte. Hier kam schon mal Marianne Faithfull aus ihrem Weimarer Hotel zu den Chieftains auf die Bühne. Dieses Jahr trat, nachdem das Moscow Art Trio mit den Thüringer Symphonikern musiziert hatte, die tuvinische Oberton-Koryphäe Huun-Huur-Tu mit dem russischen Electronic-Groove-Maestro Ilya Khmyz zu mitternächtlicher Stunde auf der Heidecksburg auf. Auch das „magische Instrument“ des Jahres bringt Virtuosen aus aller Welt in Workshop und anschließendem Auftritt zusammen. 2009 war das die Kurzlaute. Auf dieses Festival reist man nicht (nur), um diesen oder jenen Star zu hören, sondern um ein Wochenende lang auf Entdeckungsreise zu gehen und sich überraschen zu lassen.

          Die rund 200 Seiten starken Programmhefte wachsen wikipediaartig zu einem Lexikon der Weltmusik. Darin findet man nicht nur Künstlerinformationen, sondern auch ausführliche Essays über die alljährlichen Länder-, Instrumenten- und Tanzschwerpunkte. Ein Professor, der „Russische musikalische Volksdialekte - neue Materialien und zeitgenössische wissenschaftliche Vorstellungen“ präsentiert, ist ebenso tff-typisch wie der Festivalerfolg von LaBrassBanda. Die erst 2007 gegründete Combo um den Trompeter Stefan Dettl, für viele die Entdeckung des Festivals, versetzte mit bayerischer Blasmusik das Publikum in Ekstase.

          Crossover und Kreolisierung

          Eine ganze Stadt vom Klang ergriffen, intoniert von Profis und Laien - „Schill out“ in Rudolstadt. Hier begegneten sich 1788 erstmals Schiller und Goethe, der ja auch als Weltmusik-Wegbereiter verstanden werden kann: „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“ Über 200 Jahre später fördert die Globalisierung eine Gier nach Regionalismus, bei dem sich die verschiedenen Volksmusiken globalisieren: Ohne Crossover und Kreolisierung keine Weltmusik. Beim diesjährigen Tanzschwerpunkt „Männer- und Werbetänze“ üben Deutsche nach den englischen Kommandos von Ungarn, Norwegern oder Kretern. Bei Legényes, Krukedans und Malevisióti oder dem bajuwarischen Schuhplattler, dargeboten von einem schwulen Ensemble im Bayerntracht, wird Geschlechtertrennung auf dem Boden des Tanzzelts praktiziert, bevor abends die Leiber im Gewühl vor den Bühnen wieder zusammendrängen.

          Ein Höhepunkt ist die Verleihung des deutschen Weltmusikpreises RUTH. Assoziationen an „Roots“ sowie „Rudolstadt“ will die Jury wecken. Preisträger 2009 sind der Balafon-Künstler Aly Keïta und der Liedermacher Hans Söllner. Die „Ehren-RUTH“ für ein Lebenswerk wurde doppelt verliehen: An die Klezmer-Legende Alan Bern sowie an den Musikarchäologen und Plattenproduzenten Günter Gretz, der afrikanische Musik längst vor Peter Gabriel & Co. förderte.

          Ein irrer Hauch von Welt

          Für nächstes Jahr sind die Trompete als „Magisches Instrument“ und der Stepptanz als Tanz des Jahres angekündigt. Zum Jubiläum des 20. „tff“ wird es erstmals keinen Länderschwerpunkt geben. Da die Europäische Rundfunkunion, vielen nur durch die Produktion des European Song Contest bekannt, als Kooperationspartner ihr 31. Contemporary Folk Musik Festival in Rudolstadt ausrichten wird, lautet das Festivalmotto 2010 „Europa“.

          Söllner, der mit seiner derb-bajuwarisch-anarchischen musikalischen Lebensberatung und als kiffender Rastafari schon oft bei der Staatsmacht aneckte, wunderte sich zu Beginn seines Konzert, das zum Ausklang des Festivals stattfand, wie in Rudolstadt tagelang Zehntausende zusammenkommen, ohne dass Polizeipräsenz sichtbar wird. Rudolstadts Uhren gehen anders - über der Stadt liegt Anfang Juli „Ein irrer Hauch von Welt“, wie das MDR-Fernsehen seine Dokumentation dieses Wochenendes betitelt, die am 26. Juli ab 22.45 Uhr zu sehen sein wird.

          Quelle: FAZ.NET

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