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Veröffentlicht: 03.03.2014, 21:01 Uhr

Gespräch mit Diedrich Diederichsen Ohne Theorie ist es doch langweilig

Was ist Pop-Musik? Diedrich Diederichsen hat zu dieser Frage ein hochtheoretisches Buch geschrieben, das für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. Doch hat der Autor damit auch den richtigen Sound getroffen?

© Pein, Andreas Pop von der Theorie, nicht von der Euphorie her beschreiben: Diedrich Diederichsen

Diedrich Diederichsen hat eine Grundsatzschrift über Pop-Musik geschrieben: Auf fast fünfhundert Seiten beschreibt er sie darin als ständig optimierbares Format kapitalistischer Kulturindustrie einerseits, andererseits als Objekt der Wünsche und des Begehrens, der Frustrationen und Träume der Leute, die sie hören. Das macht sie so einzigartig wie anfällig. Diederichsen misstraut der Pop-Musik daher immer ungefähr so sehr, wie er sie liebt. Er schreibt: „Pop-Musik ist immer so gut wie die Fragen, die zu stellen sie ermöglicht.“ Also zum Beispiel: Wer macht die Pop-Musik - der, der sie spielt, oder der, der sie hört? Ist sie revolutionär? Oder die Einladung, sich den Verhältnissen anzupassen? Ist sie Kunst? Oder hohl? Und sind ihre besten Jahre längst vorbei? Die Antworten geben Diederichsen dann weniger Madonna oder Elvis, sondern Adorno und andere Theoretiker. Diederichsen, geboren 1957, lange Chefredakteur des Magazins „Spex“, ist Kunstprofessor in Wien und lebt in Berlin, wo wir uns zum Gespräch treffen. „Über Pop-Musik“ ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Sie haben versucht, eine Ästhetik der Pop-Musik zu schreiben.

Diederichsen: Das haben schon einige Leute zu mir gesagt. Es klingt ganz plausibel. Aber ich habe mir das nicht so vorgenommen. Meine ursprüngliche Idee war: Es gibt ungefähr sieben legitime Herangehensweisen an die Pop-Musik. Und von dort aus wollte ich, der Reihe nach, beschreiben, was Pop-Musik von anderen Künsten unterscheidet. Eine Perspektive wäre etwa literarisch-textbezogen, eine semiotisch, und eine wäre auch ästhetisch gewesen. Aber mir leuchtet ein, dass man auch die Gesamtheit dieser Perspektiven die Ästhetik der Pop-Musik nennen könnte.

Sie behaupten, Pop-Musik ist nicht nur eine Kunstform aus eigenem Recht, Sie gehen noch einen Schritt weiter: Als Kunstform ist sie auch noch besonders besonders.

Das war ein Gedanke: die Pop-Musik zu verteidigen. Das, was sie von anderen Kunstformen unterscheidet, macht sie auch verteidigenswert. Und zugleich zu einem Fall von Kulturindustrie. Genauso, wie ich sie als spezielle Kunst beschreibe, beschreibe ich sie auch als eine spezielle Form von Kulturindustrie. Sie ist gegen die früheren Stadien von Massenkultur und Kulturindustrie entstanden: als Verwirklichung einer Kritik daran, aber auch als Verbesserung im Sinne der Interessen der Industrie.

Hören Sie Musik beim Schreiben?

Ich höre immer Musik beim Schreiben, egal über was ich schreibe. Aber ich hab’ nicht unbedingt die Musik gehört, um die es im Buch geht. Ich habe private Regeln, die bestimmen, was ich in welcher Reihenfolge höre. Das läuft parallel. Und es ist dazu da, überrascht in die beim Arbeiten erst unbeachtete Musik zu geraten, um das, was man tun muss, eine Weile zu vergessen.

James Brown performing at the Jazzhouse Montmartre, Copenhagen, Denmark, September 1982. © culture-images/Lebrecht Vergrößern James Brown

Ich frage, weil es in Ihrem Buch selten um Musik an sich geht. Einmal schreiben Sie über einen Song der Incredible String Band, „Job’s Tears“, der Ihnen plötzlich im Kopf herumspukt, weil Ihnen ein Wort begegnet, das Sie aus seinem Text kennen. Da wandert Musik einmal ins Buch hinein.

Das war ein Beispiel für das Phänomen der einem nachgehenden Melodie: Sie transportiert unbemerkt die Sätze, die sie trägt, bis man an einer Stelle aufmerkt und einen bestimmten Satz denkt, der nichts mit der vorher gelaufenen Bewusstseinstätigkeit zu tun hat. Obwohl ich dem Eigenwert von Melodien im Buch nicht so viel Raum gebe, eher im Gegenteil. Das Lied war in meinem Kopf gelandet aufgrund eines bedingten Reflexes, der auf ein seltenes Wort reagierte, das ich dachte und zuerst in diesem Lied zur Kenntnis genommen hatte.

Man hat den Eindruck, Sie konzentrieren sich so auf die Arbeit an der Theorie, dass Musik zwar immer ein bisschen rein darf, aber dann gleich wieder gehen muss, weil sie eher ablenkt.

Kann sein. Ist aber nicht didaktisch oder strategisch gemeint. Mich interessiert einfach nicht, zum hundertsten Mal das Material selbst zu beschreiben. Das habe ich schon so oft gemacht, das haben andere schon so oft gemacht. Ich habe mir das nicht verboten, aber es war viel interessanter, einen Gedanken weiterzuverfolgen als einen Song.

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