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Sie nannten sie „The Abba“: Warum wurde „Waterloo“ 1974 ein solcher Hit?

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© Youtube, Carsten Feig

Sie nannten sie
„The Abba“

Von Tobias Rüther, Andrea Diener, Fridtjof Küchemann und Julia Bähr, 12. Mai 2016

My, my! Das jüngste Siegerlied des Eurovision Song Contest ist schon wieder vergessen, aber „Waterloo“ bleibt für immer in unseren Ohren: ein Pop-Dossier zu Ehren des größten Hits und der größten Band, die der ESC jemals hervorgebracht hat.

Es war der 6. April 1974, und in der Popmusik regierten Amerikaner – oder Engländer, die wie Amerikaner klingen wollten, oder umgekehrt. Der Rest der Welt war, jedenfalls von London, New York oder Los Angeles aus gesehen, Dunkelpop: eine Landschaft, in der Leute entweder mit komischen Akzenten versuchten, wie Engländer oder Amerikaner zu klingen – oder ihren europäischen Traditionen treu blieben und einen Sound fabrizierten, der in London, New York und Los Angeles oft einfach zu „Polka“ verkürzt wurde: Warum sich mit Details aus den Provinzen beschäftigen, wenn in der Zentrale eh jeder weiß, was gemeint ist? Polka, dieses Zeug halt, das nicht so ist wie die Musik, mit der wir die Charts regieren.

Also nannte die BBC Abba „The Abba“, als sie den Grand Prix Eurovision de la Chanson aus dem Seebad Brighton übertrug. In der deutschen Presse wurde das teils übernommen, aber es war mehr als ein Flüchtigkeitsfehler, die ganze Herablassung des Imperiums sprach ja daraus: Eine Band, die was werden wollte, konnte doch nur so tun, als sei sie eine The-Band! The, wie: The Beatles. Oder The Rolling Stones.

  • © dpa Da ahnten sie den Erfolg noch nicht: Pressefoto vom Tag des Grand Prix Eurovision de la Chanson 1974
  • © dpa / empics Im Siegestaumel: Beim zweiten Anlauf war Abba der Sieg geglückt, den sie mit „Ring, Ring“ im Vorjahr nicht geschafft hatten.
  • © Picture-Alliance Drei Tage später waren Abba weltweit bekannt, konnten aber noch einigermaßen unbehelligt zwischen Narzissen posieren.
  • © dpa / empics Nach dem Sieg blieben die Schweden noch für ein paar Tage in Brighton und ließen sich unter anderem beim Streicheln von Polizeipferden ablichten.
  • © Picture-Alliance Was mit „Waterloo“ begann, nahm später unglaubliche Ausmaße an: Abba wurde ein Weltkonzern, der alle möglichen Produkte herstellte.
  • © Picture-Alliance Die Mutter aller ESC-Lieder: Auch bei den Feierlichkeiten zum fünfzigsten Geburtstag des Wettbewerbs in Kopenhagen tanzte man zu „Waterloo“.

„Hier ist die Gruppe The Abba: Born, Frieda, Anna und Benny.“ So stockend, wie der BBC-Kommentator David Vine die vier durchbuchstabierte und die beiden Männer der Band dabei auch noch verwechselte, glaubt man ihn vor sich zu sehen, an seinem Mikrofon: wie er zwischen den seltsamen Namen noch mal schnell in seinen Unterlagen nachblättert, wie diese blonden Wikinger nur noch mal heißen, was Vine aber dann wiederum echt ein bisschen zu egal war, um diese Namen doch noch richtig auszusprechen.

Dann gingen „Born, Frieda, Anna und Benny“ und wie sie alle heißen auf die Bühne und spielten einen Song, dessen Titel auch noch mit sprichwörtlich gewordener kontinentaler Demütigungsgeschichte spielte – mit Napoleons letzter Niederlage, 18. Juni 1815. Und drei Minuten später war in der Popmusik nichts mehr wie zuvor.

© SVT, YoutubeABBA Waterloo Eurovision 1974

„Waterloo“ ist ein Song, der wie wenige andere keine Gefangenen nimmt, der einfach direkt losgeht, ein Song, der in dieser Direktheit mehr mit „Dr. Rock“ von Motörhead oder mit den One-Two-Three-Four-Punkhits der Ramones zu tun hat als mit jenen Euro-Schlagern, die bis dahin den Grand Prix dominiert hatten. Mit diesem Sieg ließen Abba sie weit hinter sich. Ihr „Waterloo“ ist an Eingängigkeit schwerlich zu überbieten. Dass sie nicht in Langeweile umschlägt, ist drei einfachen Operationen zu verdanken, mit denen das Quartett sein Material aufhübscht – einer rhythmischen, einer in der Bassführung und einer in der Harmonik. Der Shuffle-Rhythmus lässt das Lied beweglicher, drängender wirken als die ungleich vertrauteren gleichmäßigen Viertel oder Achtel. Dass der Bass nicht stur die Grundtöne der Begleitakkorde spielt, sondern mit deren Terzen Linien bildet, rettet die Melodie. Und ein tonartenfremder Akkord – E-Dur in D-Dur – gibt zusätzliche Würze.

Gleich beim ersten gesungenen „Waterloo“ setzen Abba diesen Akkord ein – und an zwei weiteren Stellen in der Strophe. Ein eher ungewohnter Effekt in der Einheitsharmonik der Unterhaltungsmusik: Eigentlich findet sich auf der zweiten Stufe mit E-Moll die im Jazz hochgeschätzte Moll-Parallele der Subdominante. Deren kleine Terz G gehört zur Tonleiter, die für den Dur-Klang verwandte große Terz G# indes kommt in D-Dur nicht einmal vor. Allerdings steht E-Dur in einem interessanten Verhältnis zu D-Dur: Es ist die Dominante der Dominante. Der auf der fünften Stufe einer Tonart gebildete Akkord, die Dominante, steht in einer beliebten Spannung zur Grundtonart – mit der Tendenz, zum Grundakkord zurückzuführen, regelrecht zu fallen. Bildet man auf der fünften Stufe abermals eine fünfte Stufe, landet man eine Sekunde über der Oktave der Grundtonart, sozusagen auf der zweiten Stufe, allerdings in Dur, mit der Tendenz, auf die Dominante zurückzufallen, die wiederum auf die Tonika zurückfällt – ein doppelter Salto.

© F.A.Z. Harmonielehre: Abbas kleine Tricks gegen die Langeweile

Damit stehen Abba in einer großen Tradition: Viele der berühmten Jazz-Standards sind versteckte Schnulzen, die meisten alten Lieder von Tom Waits sind notdürftig mit ein bisschen Totengräberduft umnebelte Songs zum Steinerweichen: ein bisschen an den Akkorden geschraubt, am Rhythmus, am Tempo, an der Instrumentierung, und schon scheint aus der oft ebenso schlichten wie ergreifenden Substanz eines Stücks das Schlichte gewichen, ohne das Ergreifende zu opfern.

Der Sieg der Schweden fiel dennoch nicht einhellig aus. England und Italien zum Beispiel gaben „Waterloo“ damals in Brighton keinen einzigen Punkt. Dabei besangen die Schweden eine Niederlage, die aber aus englischer Sicht doch ein Sieg war. Was aber sagt es uns, wenn Abba – der Dirigent trat damals übrigens in voller Napoleon-Montur vors Orchester – mit folgenden Zeilen eröffnen: „My my / At Waterloo Napoleon did surrender / Oh yeah /And I have met my destiny in quite a similar way”?



Was ist in diesem Waterloo, diesem Dorf 15 Kilometer südlich von Brüssel, eigentlich passiert, dass sein Name bis heute als Synonym für eine vollständige Niederlage gilt? Angezettelt hat die Sache bekanntermaßen Napoleon Bonaparte, der sich auf der Verbannungsinsel Elba unausgelastet fühlte und sein Comeback plante. Im Jahr 1815 packte er tausend Mann auf ein paar Schiffe und machte sich auf dem Weg nach Paris. Da sich ihm unterwegs immer mehr königliche Truppen anschlossen, die schon länger unzufrieden mit dem regierenden Ludwig XVIII waren, lief die Sache zunächst einmal gut an. Ab Lyon beschloss er, wieder der Kaiser der Franzosen zu sein. In Paris angekommen, blieb dem König nur die Flucht.

Leider aber waren die übrigen europäischen Mächte ganz und gar nicht einverstanden mit dem Personalwechsel an Frankreichs Spitze, weil sie sich an ein paar sehr unangenehme Angriffskriege erinnerten, die Napoleon in der Vergangenheit gegen sie geführt hatte. Auf dem Wiener Kongress wollte niemand mit ihm reden, ganz im Gegenteil, man verbündete sich gegen ihn: Engländer und Preußen, Österreicher und Russen. Drei Monate lang wurde allseits aufgerüstet, dann kam es zur Schlacht.

Auch da lief es zunächst einmal prima für den Franzosen. Napoleon hatte insgesamt 120.000 erfahrene Soldaten und 25.000 Pferde hinter sich. Zunächst sollte es den Preußen unter dem 73 Jahre alten Feldmarschall vom Blücher an den Kragen gehen, möglichst bevor die Alliierten ihre Truppen vereinigen konnten. Am 16. Juni traf man im belgischen Ligny aufeinander, 60.000 Franzosen und 80.000 Preußen. Für die Preußen lief es ganz und gar nicht gut, und Blücher überlebte nur, weil er unter seinem abgeschossenen Pferd begraben wurde und dadurch unentdeckt blieb. Man zog sich also zurück, und die Franzosen ließen es gut sein, um sich als nächstes die Engländer unter Wellington vorzuknöpfen.

Zwei Tage später trafen etwa gleich viele Engländer und Franzosen aufeinander, jeweils knapp 70.000. Die Franzosen hatten eine ganze Menge Kanonen mehr, sie nutzten ihnen nur nichts, denn es hatte die ganze Nacht geregnet und der Boden war ein einziges Schlammfeld, in dem die Artillerie kaum vorankam. Gegen elf Uhr ging es los, und im Folgenden spielten mehrere Bauernhöfe, einige Hügel und eine Stechpalmenhecke eine Rolle dabei, die französische Armee aufzureiben. Nur mit Mühe hielten die Engländer die Stellung, und von Wellington ist der Satz überliefert: „Ich wollte, es wäre Nacht, oder die Preußen kämen.“ Und dann passierte, womit keiner mehr so richtig gerechnet hatte: Die Preußen kamen tatsächlich. Gegen Nachmittag kleckerte die besiegte, aber keineswegs geschlagene Armee brigadenweise ein, um den Engländern zur Hilfe zu kommen. Der französische General Cambronne brüllte daraufhin entweder „Die alte Garde stirbt, aber sie ergibt sich nicht!“ oder „Scheiße!“ („Merde!“), da streiten sich bis heute die Gelehrten. Sachlich richtig und die Situation korrekt erfassend wäre beides.

Welche Fehler machte Napoleon letztendlich? Er besiegte die Preußen zu halbherzig, unterschätze die Briten, gab den Angriffsbefehl zu spät und überschätzte sich selbst maßlos.



Irgendwo hatte wohl auch der in „Waterloo“ Angesprochene noch ein paar Preußen in der Hinterhand, um die Herrschaft über die Geliebte zu erlangen. Das Lied erzählt die Geschichte eines lyrischen Ichs, das sich trotz aller Widerstände der Liebe hingeben muss: „I tried to hold you back, but you were stronger“. Allerdings muss man sich fragen, warum dieser Widerstand so heftig ausfällt – ist es das Gefühl, nicht mehr Herr im eigenen Haus, Herr über die eigenen Gefühle zu sein? So schlimm wie für Napoleon scheint die Niederlage jedoch nicht auszufallen: „I feel like I win when I lose“, singt Abba, und „knowing my fate is to be with you“. So wird die Niederlage in einen Sieg, ja gar zum Schicksalswollen umgedeutet.

Das wäre Napoleon wohl kaum eingefallen, als er auf Beschluss der verbündeten Sieger nach St. Helena (eine deutlich weiter entfernte Insel als Elba diesmal, man lernt ja aus seinen Fehlern) verschifft wird und dort in seinem Anwesen die Illusion eines Hofstaates aufrechterhält, während er seine Memoiren verfasst. Eventuell ist die Analogie nicht allzu eng geführt. Auch wenn in den Zeilen „The history book on the shelf / Is always repeating itself“ eindeutig auf die Anwesenheit eines geschichtlichen Nachschlagewerkes verwiesen wird. Übrigens nahmen Abba auch eine deutsche Version von „Waterloo“ auf, die sogar von Gefangenschaft spricht – aber mit dem denkbar hinreißendsten schwedischen Akzent, der eine solche ganz und gar erstrebenswert klingen lässt.

© YoutubeAbba - Die deutsche Version von Waterloo

Nach dem Grand Prix konnte man lesen, dass Abba „keinen Dauererfolg“ haben würden (so die „Deutsche Zeitung“ am 12. April 1974) – oder dass „Schlechtes zu sagen nicht recht möglich“ sei, wie die „Welt“ am 2. Dezember 1974 schrieb. Das Gute klang dann so: „Das showfreudige Doppelpärchen aus Schweden lieferte flotte Banalkost mit Unmengen aufgenähtem, aufgestanzten und aufgedrucktem Flitter- und Glitzerkram.“

Das war die Oberflächenkritik. Die andere zielte unter die Gürtellinie. Dem amerikanischen Magazin „Phonograph Record“, schreibt der englische Popkritiker Bob Stanley in seinem Standardwerk „Yeah Yeah Yeah“, sei zu Abba erst mal nur Pornographie eingefallen, typisch Schweden halt: „Belly to Belly, butt to butt, Sweden sends us Rock‘n’Roll smut“, hat das Magazin damals gedichtet. Was man mit „Nabel an Nabel, Po an Po, Schweden schenkt uns Rock’n’Roll auf Schmuddelniveau“ übersetzen könnte. Der andere schwedische Reflex, erklärt Stanley, sei Ingmar Bergman gewesen, Regisseur düsterer Meisterwerke über Liebe und Tod – aber so weit seien Abba 1974 ja noch nicht gewesen: Ihre „Szenen einer Ehe“ kamen erst sechs Jahre später, mit „The Winner Takes It All“, als Agnetha und Björn kein Paar mehr waren und ihren Trennungsschmerz in bittersüße Melodien verwandelten. Melodien, die heute wahrscheinlich jeder, den man auf der Straße anhält, nachpfeifen könnte.

© Picture-Alliance Die schwedische Pop Gruppe ABBA. Von links nach rechts: Benny Andersson; Anni-Frid Lyngstad; Agnetha Fältskog und Björn Ulvaeus. Eurovision Songcontest 1974 in Brighton, Großbritannien

Hinterher ist man immer schlauer, schon klar. Fast vierhundert Millionen verkaufte Tonträger später weiß man natürlich, was man am 6. April 1974 in Brighton nur ahnen konnte: dass hier eine der größten Bands des 20. Jahrhunderts eingeschlagen war. Es folgten also Hit um Hit, ein Wahnsinnshype, vor allem in Australien – und noch zwei Jahrzehnte nach dem letzten gemeinsamen Album eine zweite Abbamania, ausgelöst durch ein Musical und einen Film namens „Mamma Mia!“. Als die vier jetzt im Januar dieses Jahres bei einer Restaurant-Eröffnung in Stockholm zusammenkamen, keimten die Hoffnungen sofort wieder auf, wie jedes Mal, wenn das passiert: dass Abba wieder gemeinsam auftreten könnten.

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Trotzdem kann man bis heute amtliche Rockfans in einen anaphylaktischen Schock stoßen, wenn man ihnen erklärt, dass man „Dancing Queen“ (von 1977) für den besten Song aller Zeiten hält. Bis heute ist die Norm, an der man Erfolg oder Qualität oder meinetwegen Kunstgehalt von Popmusik misst, geprägt von den sechziger Jahren, von den Mustern, die damals ausgebildet wurden: englische und amerikanische Bands, die schwarze Bluesakkorde in weiße Sounds verwandelten. Abbas Musik kannte als einziges Maß den Song, der in immer neuen Formaten leuchten konnte. Deshalb klingen so viele Songs von Abba („Chiquitita“, „Fernando“, „Lay All Your Love On Me“) wie Esperanto zum Mittanzen, wie ein einziger, großer Chor, der niemanden ausschließt, wie eine Utopie.

Das macht es unmöglich, Abba ein einziges Genre zuzuweisen: „Voulez-Vous“ ist ungefähr so viel Disco wie „Money Money Money“ ein Broadway-Musical, also einerseits natürlich schon, dabei andererseits so überformt von vielen anderen Einflüssen, die nur die vier so in dieser bestimmten Weise kombinieren konnten. Abba waren immer ihr eigenes Genre. Das einzig Authentische an ihrer Musik ist, dass sie von ihnen stammt. Alles andere stand immer zu Disposition. Und das war der wahre Impact ihres Einschlags: Am 6. April 1974 wurden musikalische Grenzen gesprengt, die bis dahin gegolten hatten. Das Blues-Schema zum Beispiel. Die Hierarchie zwischen den Stimmen. Eine ganze Weltverteilung kollabierte. Die Beatles oder die Stones, das war bislang ihre Kardinalfrage gewesen.

Die Antwort lautet, seit dieser Nacht von Brighton: Abba.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 12.05.2016 11:19 Uhr