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Kulturelle Aneignung : Die dürfen das doch nicht

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Darf sich eine Schwarze als Inderin inszenieren? Beyoncé im Video zum Song „Hymn for the Weekend“ Bild: Bestimage

Weiße Models mit Dreadlocks, Beyoncé im Sari – was gestern unverdächtig war, heißt heute kulturelle Aneignung und gilt als schwere moralische Verfehlung. Wem ist damit geholfen?

          Katy Perry hat es getan und Kendrick Lamar, Beyoncé tat es zusammen mit Chris Martin von Coldplay, und Taylor Swift hat sich ihrerseits bei Beyoncé bedient. Kulturelle Aneignung, „cultural appropriation“ lautet der Vorwurf, der seit einigen Jahren immer häufiger gegen Musiker, Entertainer, Künstler, Köche, Collegestudenten, Modeschöpfer, Schriftsteller erhoben wird, wenn diese sich bei den kulturellen Hervorbringungen anderer Kulturen bedienen. Bei Lamar waren es als Kung-Fu-Adepten verkleidete Tänzer, bei Perry „Cornrows“ genannte Zöpfe und ein Kimono, bei Beyoncé das „stereotype“ Indienbild in dem Musikvideo zu „Hymn for the Weekend“. Es kann aber auch Restaurantbetreiber treffen, die es wagen, andere Speisen anzubieten als die, die ihrer Hautfarbe entsprechen – sechzig Restaurants in Portland, Oregon, stehen deswegen auf einer Liste im Netz, die zum Boykott aufruft. Große politische Fragen verstecken sich hinter Debatten, ob man sein Kind noch als Indianer verkleiden darf und ob große Ohrringe an weißen Frauen beleidigend sind für schwarze Frauen.

          Wer spricht in einer Gesellschaft, wer muss zuhören, wer hat die Macht und das Geld, und wer darf immer nur zuschauen? In Amerika ist das Thema brandheiß. In einem Kommentar auf der Meinungsseite der „New York Times“ hat die Journalistin Bari Weiss die kulturelle Aneignung hochleben lassen und dafür wütenden Widerspruch geerntet, unter anderem von Glenn Greenwald, der die Kolumne zum Anlass für eine seitenlange Beschimpfung ihrer Person nahm.

          Musikvideo : Coldplay - „Hymn For The Weekend“

          Gehören Kulturen vor allem sich selbst? Muss man um Erlaubnis fragen, wenn man als weißer Mensch Yoga macht oder Burritos verkauft? Lieber erst mal nachschauen. Der Bereich des Akzeptablen verschiebt sich. Was vor zehn Jahren noch absurd geklungen hätte, ist heute normal; was gestern normal war, wird morgen als bösartig und achtlos gelten. Die Virulenz von Aufregerbegriffen wie „cultural appropriation“ oder „white privilege“ ist nicht denkbar ohne soziale Medien und Onlinemedien. Hier wird in Echtzeit kommentiert und reagiert, hier spielen andere Themen eine Rolle, andere Stimmen nehmen an der Debatte teil, hier bilden sich Resonanzräume von Gleichgesinnten.

          Bo Derek trug 1979 schon Cornrows. Heute werden weiße Stars dafür kritisiert.
          Bo Derek trug 1979 schon Cornrows. Heute werden weiße Stars dafür kritisiert. : Bild: Picture-Alliance

          Wenn im Jahr 2017 Katy Perry bei „Saturday Night Live“ auftritt und mit ihrem Popstarpo wackelt, dann liest der aufgeklärte Millennial am nächsten Tag in der „Huffington Post“, dass man nun endlich „über Katy Perry sprechen müsse“. Eine Königin der Aneignung sei die Sängerin, schamlos bediene sie sich bei schwulem Ballroom Dance, bei japanischen Geishas und schwarzer Kultur. Wie kann sie nur, die falsche Schlange! Vor zwanzig Jahren hätte man dasselbe von Madonna behaupten können, es aber positiv verstanden, als Ausdruck von Kreativität und Offenheit: Erstaunlich, wie die Frau und Mutter es immer wieder schafft, relevant zu bleiben, indem sie einen Einfluss nach dem anderen aufnimmt und daraus ein gut zu vermarktendes Album fabriziert und damit dann auf Welttournee geht! Und von David Bowie und seinen Verwandlungen will man gar nicht erst anfangen.

          Etwas hat sich offensichtlich verändert. Die harschen Kommentare zu Beyoncé, Perry und Co. kritisieren nicht, dass die Musik schlecht und die Videos dämlich seien, sie weisen auf moralische Verfehlungen hin und geben einer empörten, kopfschüttelnden Verwunderung darüber Ausdruck, dass jemand mit einem solchen Verhalten immer noch ungeschoren davonkommt. Das Ziel sind die Selbstkritik der Angesprochenen, die Einsicht und das öffentlich abgelegte Gelöbnis der Besserung. Katy Perry setzte sich nach dem Auftritt bei „Saturday Night Live“ auf die Couch des schwarzen Aktivisten Deray McKesson und erklärte in einem Podcast, dass sie einen Fehler gemacht habe und nun wisse, warum sie ihr Haar nicht auf diese Art tragen dürfe oder solle: „Und ich hörte zu, und ich lernte, und ich wusste nichts.“ Sie klang wie eine Fabrikantentochter beim Aufnahmegespräch der kommunistischen Partei.

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