21.04.2010 · Als der HipHop Hirn und Eleganz bekam: MC Guru war der Gründer von Gang Starr und Jazzmatazz. Nun ist einer der elegantesten Köpfe des Genres im Alter von 43 Jahren einem Krebsleiden erlegen.
Von Tobias RütherAm Montag hat der amerikanische Hip Hop einen seiner größten Erzähler verloren: Keith Edward Elam, der sich Guru nannte, was für „Gifted Unlimited Rhymes Universal“ steht. Er wurde nur dreiundvierzig Jahre alt. Und wenn man jetzt nochmal nachliest, wie früh seine Karriere begann, eher Mitte denn Ende der achtziger Jahre nämlich, als Guru Gang Starr gründete, dann erschrickt man kurz, wie jung dieser Rapper schon großartig war, stilsicher und souverän.
Gang Starr, sein Projekt mit dem New Yorker DJ Premier, hat der Popmusik einige der erstaunlichsten Platten der neunziger Jahre geschenkt. Und das wird Gurus Nachlass sein: „Step in the Arena“ von 1991, „Hard to Earn“ drei Jahre später und vor allem „Moment of Truth“ von 1998: Als das Jahrzehnt zu Ende ging, in dem Hip Hop sich einerseits zum globalen Wirtschaftsfaktor der Popindustrie entwickelte und andererseits in einem idiotischen Krieg zwischen Ostküste und Westküste fast selbst zerstörte, kam eine Platte heraus, die alles auf den Punkt brachte, zu dem Hip Hop imstande war: Reimeleganz. Beats, bei denen man sofort mitnicken und immer auch etwas grinsen musste, weil sie so geschmeidig durch die Gegend glitten. Klug eingewobene Samples, Humor sogar auch, eher selten im amerikanischen Rap.
Zwanzig perfekte Momente der Wahrheit
Und vor allem aber eine Gegenwartsbeschreibung, die Guru, der immer leicht heiser klang und eben älter als die zweiunddreißig Jahre, die er damals alt war, mit nüchterner Sorge über die Zustände in den neighborhoods um ihn herum vortrug wie Marvin Gaye dreißig Jahre vor ihm: „I've thinkin 'bout the situation for today's youth“, so beginnt „Robin Hood Theory“, eines der zwanzig beinah perfekten Stücke von „Moment of Truth“. Gang Starr machten HipHop für Leser und Kinogänger, und ihr Sound selbst war literarisch, szenisch, wie überhaupt in den neunziger Jahren die Musik, die in Clubs und auf Partys gespielt wurde, mehr und mehr zur Erzählung wurde - man muss nur an Massive Attack denken.
Das Beste aus beiden schwarzen Welten
Das war die eine Seite von Guru, der aus bürgerlichen Bostoner Verhältnissen kam; sein Vater war der erste schwarze Richter der Stadt, seine Mutter Bibliothekarin in leitender Funktion, ihre Kinder studierten. Die andere Seite von Guru widmete sich der Fusion von HipHop und Jazz. Ein halbes Dutzend Platten seines Projekts Jazzmatazz bezeugen das, für die er mit Musikern wie Herbie Hancock und Branford Marsalis zusammenarbeitete. Guru war nicht der einzige Künstler im HipHop, der davon träumte, diese beiden stärksten Stränge schwarzer Musik im zwanzigsten Jahrhundert zu verknüpfen.
Im gleichen Jahr, als die erste Platte von Jazzmatazz herauskam, 1991 also, erschien „The Low End Theory“ von A Tribe Called Quest, eine Reflektion darüber, wie HipHop sich zu Bebop verhält - wie ein Kreis, der sich schließt. Für ein paar Jahre wurde das intensiv ergründet, auf Platten, die in Bars und Flughafenlounges liefen und in den Wohnungen von Geschmacksmenschen auf der ganzen Welt. Ohne Guru wäre diese Fusionsmusik wohl nicht so erfolgreich gewesen. Manche sagen, ohne Guru hätte es sie gar nicht gegeben.
Brief vom Sterbebett an die Fans
Vom Sterbebett hat er noch einen Brief an seine Fans beschrieben, der jetzt veröffentlicht wurde. „Ich habe lange gegen den Krebs gekämpft und muss mich der Krankheit geschlagen geben“, schreibt Guru darin - und dass er nicht wünsche, dass sein ehemaliger Partner, „my Ex-DJ“ Premier, sich mit ihm schmücke, dass er seine Anwälte entsprechend instruiert habe. Die beiden sind seit sieben Jahren geschiedene Leute. Was auch immer die Gründe dafür waren - Guru deutet sie in seinem Brief nicht mal an, erwähnt nur, dass es Gründe gab: dass es seit 2003 keine Platten von Gang Starr mehr gab, war eine Tragödie für sich.
DJ Premier hatte, seit Guru vor Monaten kurzzeitig ins Koma gefallen war, über die Genesung seines einstigen Partners getwittert und auch jetzt dessen Tod vermeldet: „R.I.P my G.“ Mehr muss man dem nicht hinzufügen.
Ein paar Videos bei mir
Dieter Meyeer (egghat)
- 21.04.2010, 16:05 Uhr
Tobias Rüther Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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