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Bulgariens Revolutionsbarde : Auf dem Bluesweg in Richtung Demokratie

  • -Aktualisiert am

1989 wurde eines seiner Lieder zur Hymne der bulgarischen Demokratiebewegung. Noch heute singt er für den Wandel: Eine Begegnung mit dem Rockmusiker Vasko Krapkata in Sofia.

          In Bulgarien nennt man ihn Vasko Krapkata („Flicken-Vasko“), aber eigentlich heißt er Vasil Georgiev. Die Geschichte seiner Poduene Blues Band, auch bekannt als PBB, deckt sich mit Bulgariens krisenhafter Transformationsperiode seit dem Sturz des kommunistischen Regimes Ende 1989. Sein bekanntestes Lied „Kommunismut si otiva“ („Der Kommunismus geht“) wurde zu einer Hymne der bulgarischen Demokratiebewegung. Er hat es inzwischen auch im Europäischen Parlament in Brüssel gesungen. Mit zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug jammt die PBB bis heute: „Palen Playback“ („Volles Playback“) heißt ein neues Stück. Es ist ein ätzender Kommentar zur Falschheit in Politik und Popkultur.

          „Ich war sechs Jahre alt, als ich zum ersten Mal die Beatles hörte“, erzählt Vasko Krapkata in seinem mit Memorabilien der Rockgeschichte tapezierten Wohnzimmer in Sofias Vorort Dragalevtsi. Ein gigantisches Rundfester öffnet den Raum gen Süden, wo sich das große Vitoscha-Gebirge erhebt. Mit langem grauen, von einem Stirnband gefasstem Haar, dem Jimi-Hendrix-Sweatshirt und dreißig Jahre alten Flickenjeans verkörpert der 55 Jahre alte Musiker den ewig junggebliebenen Hipster. Seine Tante Stefka - sie trug als junges Mädchen kurze Röcke und bekam von der Miliz deswegen einen Stempel auf den Oberschenkel - erschloss dem kleinen Vasko die unbekannte Welt des Rock ’n’ Roll und der Motorräder. Ihr Freund Spiro brachte eines Tages ein Tonband mit. „Als ich die Beatles ,Oh Darling!‘ kreischen hörte, war mir, als sähe ich Außerirdische. Die Musik wurde mir zu einer Rettungsinsel“, sagt Krapkata.

          Der Text hatte fröhlich zu sein

          Wenn er heute mit seinem Tourbus den Grenzpunkt Kalotina zu Serbien gen Westeuropa passiert, erinnert er sich stets an ein Erlebnis aus der Kindheit in der Volksrepublik Bulgarien. „Als ich bei den Pionieren war, führten sie uns zur Grenze nach Jugoslawien und stellten uns dort in einer Reihe auf. ,Hier ist die Grenze zur schlechten Welt‘, sagten sie uns, ,von hier ab gibt es Drogen, Waffengeschäfte und Prostitution. Dort erwartet euch nichts Gutes. Wir bewachen diese Grenze, damit ihr nicht in die schlechte Welt geht. Solltet ihr euch dennoch entscheiden zu fliehen, werdet ihr zu Diversanten. Ihr müsst dann wissen, dass an dieser Grenze auf Fleisch geschossen wird.‘“ Es sei eine Gestalt in einem dicken Mantel erschienen, die Arme mit dicken Lumpen bandagiert, und in Richtung Grenzanlagen gegangen. „Vor unseren Augen hetzten sie einen Schäferhund auf den ,Diversanten‘. Ein solches Erlebnis hinterlässt einen bleibenden Eindruck auf ein Kind. Meine Antwort war die Musik, ich wurde ein musikalischer Diversant.“

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          Von Beruf Automechaniker, begann Vasil Georgiev in den achtziger Jahren seine musikalische Laufbahn als Schlagzeuger von Gruppen wie Start und Parallel 42 und stieß dabei, wie er sagt, auf die „kommunistische Mafia in der Musik“, das System der Kommissionen. „Vier Kommissionen hatte ein Lied zu durchlaufen, je eine für die Musik, den Text, das Arrangement und schließlich für die Interpretation.“ Der Text hatte fröhlich zu sein, durfte keinen Protest enthalten. „Immer dieselben Kommissare begutachteten die Lieder von immer den gleichen Leuten, es war ein geschlossener Kreis“, erinnert sich Vasko Krapkata und nippt an seinem Kaffee. Zwar habe es in Bulgarien seit den sechziger Jahren Bands wie Sturzite, FSB und Diana Express gegeben, doch die Kommissare achteten darauf, dass weder klassischer Blues noch Rock gespielt wurde, denn diese galten als amerikanisch und waren verboten. „Es ist erst dem Sänger Georgi Mintschew Ende der achtziger Jahre gelungen, ein tatsächliches Rockstück zu veröffentlichen“, sagt Krapkata.

          Wir mussten ins Studio schleichen

          Mit dem Sturz des kommunistischen Partei- und Staatschefs Todor Schiwkow im November 1989 begann für Bulgarien eine neue Zeit, geprägt von großen Demonstrationen der Union demokratischer Kräfte. „Ich war mit Trommel und Gitarre unten bei den Leuten, auf der Bühne standen populäre Musiker wie Lili Iwanowa, Kiril Maritschkow und Georgi Mintschew. Bei der großen Demo vor der Alexander-Newski-Kathedrale am 14. Dezember 1989 ging ich zu Georgi Mintschew. ,Hi Schoro, ich bin Vasko‘, sagte ich zu ihm. ,Ich habe ein Lied namens ,Kommunismut si otiva‘. Denkst du, es passt, wenn ich es hier jetzt singe?‘‘ „Klar, bitteschön“, habe Mintschew geantwortet. Da sang Vasko Krapkata es zum ersten Mal vor über hunderttausend Menschen:

          „Staatlich ist das Land

          Vergiftet ist das Feld

          Verschmutzt sind die Gewässer

          und versudelt die Seelen

          Geschnittene Haare

          Rasierte Bärte

          Stempel auf den Beinen

          aber die Zeiten ändern sich

          Der Kommunismus geht“

          Auf Zuspruch Georgi Mintschevs und mit der konspirativen Hilfe eines Tonregisseurs nahmen Krapkata und seine Band „Kommunismut si otiva“ im Tonstudio der staatlichen Plattengesellschaft Balkanton auf. „Die Berliner Mauer war zwar gefallen und Schiwkow gestürzt. Doch noch immer hatten in Bulgarien die Kommunisten das Sagen, auch bei Balkanton, dem staatlichen Plattenlabel. Wir mussten uns ins Studio schleichen, um unsere Musik aufzunehmen. Der Tonregisseur, der uns half, wäre um ein Haar aufgeflogen und entlassen worden.“

          Allein auf dem Bluesweg

          Die ersten freien Wahlen im Juni 1990 gewannen die zu Sozialisten gewandelten Kommunisten, Wahlmanipulation wurde vermutet. Zum Zeichen ihres Protests errichteten Demonstranten zwischen dem Staatspräsidium und dem Haus der Bulgarischen Kommunistischen Partei (BKP) ein Zeltlager, die „Stadt der Wahrheit“. Sie war die Szenerie für das erste richtige Konzert der Poduene Blues Band. Gezwungenermaßen hörten die Ex-Kommunisten im Haus der BKP die gegen sie gerichteten Lieder.

          Die letzte Strophe von „Kommunismut si otiva“ ist düster. „Diktatoren wechseln/ regieren erneut / die Lüge bleibt“, heißt es dort. Ahnte der Revolutionsbarde Krapkata, welche Verwerfungen Bulgariens Übergang vom totalitären Sozialismus zur freiheitlichen Marktwirtschaft mit sich bringen würde? „Es hat in unserem Leben Kataklysmen gegeben, persönliche und gesellschaftliche“, antwortet er. „Anfang dieses Jahrhunderts beschlossen einige Musiker meiner Band, fortan andere Musik zu machen. Sie ließen mich auf dem Bluesweg allein zurück. Ungefähr zu dieser Zeit war es auch, dass viele Bulgaren erkannten, nicht bereit zu sein für den Wettbewerb, der Demokratie heißt. Zu viele von ihnen warten, dass gebratene Tauben vom Himmel fallen. Auch wurde immer deutlicher, dass es zur Korruption keine Opposition gab. Dass es nicht leicht ist, im Kommunismus zu leben, wusste ich, dass es auch im Postkommunismus nicht leicht ist, musste ich nun erkennen.“

          Wie eine hängengebliebene Schallplatte

          Als im Sommer 2013 Demonstranten täglich durch die Straßen Sofias zogen, um den Rücktritt der sozialistisch geführten Regierung von Ministerpräsident Plamen Orescharski zu fordern, hat Vasko Krapkata auch ihnen seine zu Evergreens der außerparlamentarischen Opposition in Bulgarien gewordenen Lieder „Kommunismut si otiva“, „Bjurokrat“ („Bürokrat“) und „Den sled Den“ („Tag für Tag“) gesungen. Der Tatsache aber, dass Orescharski nach gut einem Jahr massiver außerparlamentarischer Opposition zurückgetreten ist und der frühere Leibwächter Todor Schiwkows, Bojko Borissow, zum zweiten Mal die Regierung übernommen hat, misst er keine besondere Bedeutung bei.

          „Regierungen kommen und gehen, die üblichen politischen Spielchen werden gespielt“, sagt Krapkata. Er selbst habe sich innerlich gelöst vom Hickhack des politischen Alltags. Es seien doch immer dieselben Themen, die wie eine hängengebliebene Schallplatte den öffentlichen Diskurs beherrschten. Das Versagen der politischen Elite beim Kampf gegen Korruption und Verbrechen, die durch massive Emigration verschärfte demographische Krise und Reformblockaden in so gut wie allen gesellschaftlichen Bereichen sind einige der ungelösten Probleme, die viele Bulgaren deprimieren und dazu führen, dass Bulgarien auf der aktuellen „Glücklichkeitsrangliste“ von Gallup International den 134. Rang von 158 Staaten einnimmt.

          Tag für Tag in Richtung Normalität

          Auch Vasko Krapkata hat den Blues, zugleich aber auch den unbeirrbaren Optimismus des aufständischen Rockers. „Bei den Protesten vor dem Parlament im letzten Herbst kam ein Mann und schenkte den Studenten ein weißes Klavier Royal, ein teures Instrument“, erzählt er. Diese Geste und die Tatsache, dass es in Bulgarien solche Leute gebe, seien ihm viel wichtiger als irgendwelche Rücktritte. „Fünf Minuten sind im Bulgarischen zehn Minuten. Für grundlegenden Wandel in Bulgarien braucht es nicht fünfundzwanzig, sondern fünfzig Jahre.“

          Die Mauer habe zwei Seiten gehabt, auf der einen Seite gab es Graffiti und tobte das Leben in den Straßen, auf der anderen Seite regierten Kalaschnikows. „Die entscheidende Frage ist, ob du bestimmen kannst, auf welcher Seite der Mauer du leben willst. Bulgarien, so glaube ich, schreitet Tag für Tag in Richtung Normalität. Das heutige gefällt mir viel besser als das frühere“, sagt er.

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