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Van Morrison wird 70 : Ein Monument an Innerlichkeit und Expression

Bleibt in seiner eigenen Umlaufbahn: Van Morrison Bild: Sony Music

Der Belfast Cowboy reitet immer weiter in Richtung Mystik: Dem größten lebenden weißen Bluessänger Van Morrison zum siebzigsten Geburtstag.

          Als es vor zehn Jahren an dieser Stelle darum ging, ihm zum Sechzigsten zu gratulieren, hatte man noch seine bis dahin jüngste Platte „Magic Time“ im Ohr, die er sich quasi selbst zum Geburtstag geschenkt hatte und auf der er das ewige Wechselbad seiner Gefühle wieder einmal sehr bündig beschrieb. Irgendwann kam folgende Ankündigung: „Well I guess I’m going A.W.O.L. / Disconnect my telephone / Just like Greta Garbo / I want to be alone.“ Der keltische Meister wollte mal wieder allein sein mit sich und seiner schlechten Laune, „absent without official leave“, wie es das Kürzel besagt, allein und unerreichbar. Nanu, dachte man über das Lied „Just Like Greta“, wieso identifiziert er sich denn nun plötzlich mit der Göttlichen? Der Posten ist doch vergeben, die Greta Garbo des Rock ist immer noch sein Jahrgangsgenosse Neil Young.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Doch der Belfast Cowboy ritt und reitet ja immer weiter. Acht Alben, Liveplatten und Kompilationen mitgerechnet, hat er im vergangenen Jahrzehnt herausgebracht, eine Quote, die im Altherren-Rock nur von Neil Young übertroffen wird; Studioplatten hat er nur eine weniger als Bob Dylan.

          Soul-Blues-Jazz als Nummer Sicher

          Wenn ein Gigant runden Geburtstag feiert, macht man sich zwangsläufig Gedanken darüber, wie lange er noch produktiv sein kann. Bei Van Morrison hätte man sich, lange vor dem schönen, schwermütigen Greta-Garbo-Lied, vorstellen können, dass ein problematischer Künstler wie er früh verstummen und sich die Ochsentour aus Platte, Tournee, Platte, Tournee nicht mehr antun würde – vielleicht auch, weil ihm die Ideen ausgehen würden. Viele neue Ideen hatte er in jüngerer Zeit auch nicht mehr; ehrlich gesagt, er hatte schon ganz lange keine Idee mehr, jedenfalls keine, die ihn innerhalb seines gewaltigen, extrem persönlich geprägten Rock-Klangraums aus Blues, Soul, Jazz, Country und Gospel noch einmal in eine andere Umlaufbahn katapultiert hätte.

          Was er macht, ist aber anders zu beurteilen: als Entwicklung in kleinsten Schritten, die immer noch kleiner werden und natürlich, in seinem Alter, auch Rückschritte sind. Der Stil dieses kleinen, runden Mannes, der 1968 mit „Astral Weeks“ eine tatsächlich neuartige Fusion aus Folk, Jazz und Blues geschaffen hat, die seither als Monument von Innerlichkeit und Expression unerschütterlich fest, beständiger als Erz, vor allen geistigen Ohren steht – der Stil dieses Mannes war mit der von der Kritik unverdrossen sehr hoch gehandelten Platte „Veedon Fleece“ 1974 eigentlich schon vollendet.

          Seither sind Verfeinerung, Vertiefung seine Sache, im Studio und auf der Bühne. Zuletzt war dies in London zu erleben, wo er mit anderen Veteranen auch live bewies, dass er sein Werk vom Status einer Wiederaufbereitungsanlage ohne weiteres in ein work in progress überführen kann – wenn er gerade in Form ist. Die Uminterpretationen klassischen, zum Teil uralten Materials waren inmitten des reichlich wattierten, vor sich hin swingenden Soul-Blues-Jazz, auf den er seit seiner Karrierepause zwischen 1974 und 1977 wie auf eine Nummer Sicher setzt, schon fast kleine Überraschungen. Es gab nach seinem Sechzigsten noch andere: die wunderbare, aber auch nicht gerade fortschrittlich anmutende Country- und Rockabilly-Kollektion „Pay The Devil“ (2006) oder die Liveaufführung seines Opus magnum „Astral Weeks“ (2009).

          Überwiegend Selbstvergewisserung

          Man wird in dieser Zeit festgestellt haben, dass die Stimme inzwischen eine dunklere Färbung angenommen hat, mürber geworden ist und zuweilen ins Grunzen verfällt. Produzieren tut er seine Platten seit langem selbst, gediegen, allerdings meistens auch zu weich. Dadurch werden die Ecken und Kanten, die seine Kunst auch früher nur bedingt hatte, noch mehr geschliffen; stilistische oder überhaupt Konturen treten immer weiter in den Hintergrund.

          Wenn man dies nicht als Selbstzufrieden- oder -genügsamkeit abtun will, darf man es so verstehen, dass dieser größte noch lebende und wohl auch jemals gelebt habende weiße Bluessänger das Interesse an Variation und Experiment verloren hat – wenn er überhaupt je welches hatte – und sich ganz auf seinen Weg hin zu einer Erlösung konzentriert, die jenseits dessen liegt, was sich in Liedzeilen mitteilen lässt, und dann vollends den mystischen Charakter annimmt, auf den er von Anfang an aus war.

          Wenn einer, dann verkörpert er das Paradox, dass seine Musik gar nicht als Kommunikation angelegt, sondern überwiegend Selbstvergewisserung ist, obwohl sie solche Kommunikation selbst in ihrer nachlassenden Intensität noch in ganz eminentem Maße leistet. Persönlich ist kaum etwas über diesen Musiker bekannt. Zusammenhängendes gibt es nur aus der Feder von Johnny Rogan, der in seiner leider immer noch nicht ins Deutsche übersetzten Biographie „Van Morrison – No Surrender“ (2005) zum Teil Gespentisches zutage gefördert hat. Auch wenn ihm selbst vermutlich gar nicht danach zumute ist – wir feiern an diesem Montag George Ivan „Van“ Morrisons siebzigsten Geburtstag.

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