Home
http://www.faz.net/-gsd-72ura
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Van Morrison in Düsseldorf Wir stehen betroffen, alle Herzen offen

 ·  Unerschütterlich vertraut Van Morrison auf die Schablonen, die ihm der Rhythm & Blues, Soul, Rock, Folk und Jazz bereithalten. Und doch ist es bewegend, den Leibhaftigen zu hören.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)
© Schoepal, Edgar Unterhaltung ist eine ernste Sache, da ist Konzentration gefragt: Das weiß Van Morrison seit bald fünfzig Jahren

Ehrlich gesagt, war man ohne große Erwartungen nach Düsseldorf gefahren. Wieso sollte man sich die gepflegte Langeweile, die Van Morrison auf seinem neuen, demnächst herauskommenden Album verbreitet, auch noch live antun? Irgend so ein Gemisch aus Blues, Jazz, Soul, Folk und Gospel würde es schon wieder sein, dachte man, und dass die Philipshalle neuerdings Mitsubishi Electric Halle heißt, steigerte die Vorfreude auch nicht unbedingt, passte aber insofern ins Bild, als Van Morrison sich, wenn man richtig hört, nun zum ersten Mal dazu herablässt, auf den Zeitgeist zu reagieren und auf der neuen Platte allen Ernstes „If in Money We Trust“ zu singen.

Auch wenn es bei dieser Stimme egal ist, was sie singt - man will so etwas doch lieber nicht hören von jemandem, dessen Musik eine einzige unzeitgemäße Betrachtung und deswegen eben auch zeitlos gut ist. Das ist „Born To Sing“ als Ganzes natürlich trotzdem wieder geworden, Morrisons erstes Studioalbum nach viereinhalb Jahren. Auch wenn man das unnötige, die Magie seiner ersten Warner-Platte von 1968 beschädigende Album „Astral Weeks: Live at the Hollywood Bowl“ mitrechnet, ist dies die längste Sendepause überhaupt; selbst sein Jazz-Folk-Kammerspiel „Veedon Fleece“ (1974), mit dem er den gewaltigen Fluss seiner frühen Arbeiten langsam, wie ersterbend, versiegen ließ und das Kritikern heute als eines seiner besten Alben gilt, hielt nicht so lange vor.

Aufreizend lustlos, mürrisch sowieso

“No Plan B“: Der Untertitel der neuen Platte, mit der er seine Zusammenarbeit mit dem Jazz-Label Blue Note erneuert, weist ihn als Zwangscharakter aus - was sollte dieser Mann jemals anderes tun als zu singen? Freilich nicht einfach bloß so zu singen, sondern seinen Körper zum finessenreichen Hallraum menschlicher Empfindungen zu machen, wie dies außer ihm und mit dieser Konstanz, man könnte auch sagen: Halsstarrigkeit kaum einem anderen gelungen ist.

Die Alternativlosigkeit gilt auch stilistisch: Unerschütterlich vertraut Van Morrison auf die Schablonen, die ihm der Rhythm & Blues, Soul, Rock, Folk und Jazz entweder bereithalten beziehungsweise die er dann ja selbst daraus geformt hat, um in sie etwas sehr Persönliches einzupassen. Die Vertrautheit der immer gleichen Muster, die, bei allem Respekt, absolute Überraschungsfreiheit zumindest der vergangenen fünfundzwanzig Jahre macht ihn so anschlussfähig.

So auch in Düsseldorf. Ein kleiner dicker Mann betritt, das Alt-Saxophon schon um den Hals, die Bühne; dem wartenden Septett aus Mitmusikern ist auch von weitem die Konzentration, wenn nicht Anspannung an den Gesichtern abzulesen - der Meister ist bekannt dafür, dass er Patzer nicht schätzt -, und los geht’s mit „Brown Eyed Girl“, das von allen stürmisch erkannt wird, aber trotzdem nicht so richtig in Fahrt kommt. Morrison wirkt, wie so oft am Anfang von Konzerten, fast aufreizend lustlos, mürrisch sowieso; vielleicht liegt es auch am Notenblatt, auf das er beim Blasen die ganze Zeit starrt, dabei müsste er das Lied eigentlich kennen, denn es ist sein erster Solohit aus dem Jahr 1967.

Auch das neue Material macht etwas her

“Only a Dream“ von „Down The Road“, einem dieser praktisch untergegangenen, weil in ihrer Qualität wohl zu selbstverständlichen jüngeren Van-Morrison-Alben, rumpelt ganz gemütlich vor sich hin, Morrison dreht dem Publikum nun schon den Rücken zu, um auf seinen Kontrabassisten einzureden - man wüsste gern, was; der Biograph Johnny Rogan erzählt, Morrison habe zu Them-Zeiten manchmal eine Woche lang kein Sterbenswörtchen gesprochen -, und leitet dann, immer noch ohne erkennbare Regung, umstandslos über zu „Baby Please Don’t Go“, einer nun wirklich uralten Them-Nummer vom Herbst 1964, da war Morrison neunzehn, aus der Feder von Big Joe Williams.

Morrison kommt in Fahrt und zieht die Band mit. „Here Comes the Night“, ebenfalls aus Them-Tagen, hat noch viel von der alten Aufsässigkeit, auch wenn sie Morrison heute komisch zu Gesicht steht, der Doppelschlag „Early in the Morning“ / „Rock Me, Baby“ groovt dann so selbstverständlich dahin, dass Morrison seinen Posaunisten mit einer Handbewegung, in der seine ganze Pedanterie zum Ausdruck kommt, anweisen muss, das Solo zu spielen.

Und die neue Platte, auf die wahrscheinlich auch die übrigen Anwesenden nicht alle brennen, von der man aber nun doch ganz gern eine Kostprobe hätte, sonst wird das hier ja die allerreinste Oldie-Show? Morrison lenkt ein, kündigt „Open the Door (To Your Heart)“ an und zwängt sich dann an seinen Musikern vorbei umständlich hinters Keyboard, um das Ensemble nun in jene so unaufdringliche wie unwiderstehliche Wucht hineinzuklimpern, die für den Rest des anderthalbstündigen Abends nicht mehr aus dem Saal weichen wird. Na bitte, denkt man, live macht auch das neue Material etwas her, und vielleicht braucht man für die Platte, wie so oft bei Van Morrison, einfach Geduld, bis man hinter ihre geschmackvollen Subtilitäten gekommen ist.

Unterhaltung ist eine ernste Sache

Dann wird es verrückt: „I Can’t Stop Loving You“, der alte Don-Gibson-Heuler, mit dem sich Ray Charles noch einmal in eine andere Umlaufbahn schoss - hat Morrison das nötig? Er hat, und wir haben es auch. So inbrünstig wie Uncle Ray bekommt Van the man es am Ende nicht hin, aber bei ihm hat es mehr Swing, schließlich ist er mit seiner neuen Platte wieder „Close Enough for Jazz“ und überhaupt „Born to Sing“, wie die nächsten Stücke davon heißen, auch sie live erheblich triftiger.

Nicht alles ist zwingend. Im Latino-Duett mit seiner Tochter Shana, die das Vorprogramm bestritt, glänzt eher diese. Morrison putzt sich dabei die Nase, aber wahrscheinlich nicht vor Rührung, er lässt sich jedenfalls keine anmerken und lacht, wie jeder ganz große Künstler, auch nur ganz selten. Aber Unterhaltung ist eine ernste Sache, zumindest, wenn sie so gut ist wie diese.

Zum Ende hin passiert etwas, worauf man nicht zu hoffen gewagt hatte: Aus seinem nur noch mit dem Dylanschen zu vergleichenden Song-Katalog wählt er „Ballerina“ aus (von „Astral Weeks“), vielleicht sein allerbestes Lied. So dermaßen zum Glühen wie damals im New Yorker Studio mit den Jazz-Fachmännern bringt er es nicht mehr, und doch ist es bewegend, dieses Stück, das den Blues und den Soul so transzendiert wie kein anderes von ihm, nun vom Leibhaftigen zu hören.

Der Rhythm & Blues gewordene Sex (oder umgekehrt) von „Gloria“, damals bei Them eine aufregende pubertär-verschwitzte Sache und auch heute noch funktionierend, fällt dagegen, wie der medleyhaft angeschlossene Klassiker „Who Do You Love“, geradezu ab, und das will etwas heißen. Ein kleiner, dicker und, wir vergaßen: großer Mann verlässt dann die Bühne.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Geklonter Murks

Von Joachim Müller-Jung

Die Studie des Gen-Forschers Shoukhrat Mitalipov zeugt von erheblichen Schlampereien. Aufgedeckt wurden sie auf einer Gutachterseite im Internet. Hatte Luzifer seine Hände im Spiel? Mehr