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Unterwasserkonzert mit Karl Blau Der große Wassermann

13.03.2010 ·  Lo-Fi ist eine in den neunziger Jahren populär gewordenen Spielart, die das große Studio durch einfache Produktionsmittel ersetzt: Der Amerikaner Karl Blau ist als Songschreiber und Produzent einer der wenigen, die das auch live beherrschen.

Von Eric Pfeil
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Im ersten Moment könnte man Karl Blau, der eben noch Pfeife rauchend und mit skeptischem Blick an der Theke stand, für einen nicht sonderlich kommunikativen Menschen halten. Aber jetzt steht der Mann mit dem Biker-Bart auf der mit viel gutem Willen als Bühne zu bezeichnenden Tanzfläche des Kölner King Georg und plaudert. Er erzählt von den beiden Menschen, die sich beim Aneinandervorbeifahren auf der Rolltreppe ineinander verlieben; er hält eine flammende Lobrede auf den Plagiarismus, wettert gegen das Konzept des Copyright, berichtet von einer rätselhaften Eierexplosion, der all seine auf die Europatournee mitgenommenen Kleidungsstücke zum Opfer gefallen seien (und die sein groteskes Jeanshemd erklären könnte) - und er erzählt die Geschichte von der Selbstmörderbrücke in der Nähe seines Heimatortes, von der sich die Menschen stürzten, um von einem der riesigen Kraken im Wasser gefressen zu werden. Dann spielt er den Song zur Geschichte, er heißt „Deception Pass“ und klingt noch unheimlicher als die ihn einleitende Story.

Karl Blau ist einer jener Musiker, in die man sich beim Zuhören derart verliebt, dass man sie am liebsten mit nach Hause nehmen würde - um sich mehr seiner Geschichten anzuhören, und weil man ihm am liebsten ewig beim Musikmachen zuschauen möchte. Blau tritt allein auf, aber dank eines kleinen Geräts kann er sein eigenes Gitarrenspiel und seinen Gesang loopen und wird so zu seiner eigenen Begleitband, ein Prinzip, das er einige Male massiv ausreizt. Manchmal, wenn er souverän und doch mit viel kindlicher Freude Schicht auf Schicht türmt, ist es, als würde man dabei zusehen, wie langsam ein Haus in den Himmel wächst.

So kommt er auf Zuruf nach Memphis

Wer gern mit Etikettierungen hantiert, mag Blau als Lo-Fi-Musiker bezeichnen, als Vertreter jener in den Neunzigern äußerst populär gewordenen Musikspielart, die das große Studio durch einfache Produktionsmittel ersetzte und so mitunter völlig eigene Klangwelten entstehen ließ. Blau hat auf seinen vielen Veröffentlichungen das Lo-Fi-Konzept ins Heute getragen. Mehr noch: Dank der oben beschriebenen simplen Technik ist er einer der wenigen, der Lo-Fi-Sounds live produziert.

Karl Blau spielt bereits zum dritten Mal im King Georg, mittlerweile verbindet den Songschreiber, Produzenten und Tausendsassa aus Anacortes, Washington, eine Freundschaft mit dem Kölner Club, der für sein handverlesenes Programm nicht genug zu loben ist. Man könnte Karl Blau auch als experimentellen Singer/Songwriter bezeichnen: Seine Lieder haben etwas extrem Intuitives, aber nichts Beliebiges. Manchmal wird er völlig frei in seinen Songs, dann klingt es bisweilen, als würde Syd Barrett mit Animal Collective ein Unterwasserkonzert geben. Aber Blau kann auch anders: „Into The Nada“ ist einer der schönsten Songs, die Jonathan Richman nie geschrieben hat, und „Put Me Back“ ist ein großartiger Voodoo-Disco-Kracher. Höhepunkt des Konzerts aber ist Blaus Coverversion von Tom T. Halls „That's How I Got To Memphis“, das er auf Zuruf spielt.

Hoffentlich hört er nicht zu spielen auf

Irgendwann wünscht man sich, er möge gar nicht mehr aufhören. Das liegt auch daran, dass Blaus Musik so wunderbar in diesen kleinen Laden passt, der mit seinem roten Licht und der Holzvertäfelung aussieht, als hätte ihn David Lynch für eine Stangentanz-Szene geträumt. So wie Karl Blaus Musik immer ein wenig klingt, als habe man ein altes Tonbandgerät in ein Aquarium geworfen, hat man den Eindruck, hier mit Blau und vielleicht hundert Zuhörern ins All geschossen worden zu sein. Es könnte Schlimmeres geben.

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