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Unheimliche Begegnung „Ihr habt nicht mehr viel Zeit“

10.06.2005 ·  Im Falle eines Schuldspruchs könnte Michael Jackson just in das Gefängnis eingewiesen werden, in dem Charles Manson einsitzt. Die beiden Extreme der Popkultur berühren sich im unendlichen Raum der Mutmaßungen und Mythen.

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Irgendwann wird der Richter den Angeklagten fragen, ob dieser noch etwas sagen will. Und der Angeklagte wird folgendes sagen:

"Wenn ihr mich ins Gefängnis steckt, bedeutet das gar nichts. Euer ganzes Verständnis und all eure Werte sind anders. Die Kinder, die euch mit Messern angreifen, das sind eure Kinder. Ihr habt sie erzogen, nicht ich. Ich habe nur versucht, ihnen auf die Beine zu helfen. Die meisten Leute auf der Ranch, die ihr the family nennt, waren Leute, die ihr nicht haben wolltet. So tat ich mein Bestes und nahm sie mit. Und ich sagte ihnen: ,Was ihr aus Liebe tut, ist nie falsch.' Es ist die Verantwortung, die ihr euren Kindern gegenüber habt, die ihr vernachlässigt. Und dann wollt ihr wieder und wieder mir die Schuld geben.

Ich kann euch nicht hassen, aber ich will euch etwas sagen: Ihr habt nicht mehr viel Zeit, bevor ihr euch alle selber umbringen werdet, denn ihr seid alle verrückt. Ich bin nur das, was in euch lebt. Die Musik spricht jeden Tag zu euch, aber ihr seid zu taub, zu stumm und zu blind, als daß ihr mit dem aufhören könntet, was ihr tut. Doch ihr verspottet alles und zeigt mit dem Finger darauf. Aber es ist in Ordnung. Ich kann vor diesem Gericht stehen und euch anlächeln, und ihr könnt alles mit mir tun. Aber ihr könnt nicht an mich herankommen, denn ich bestehe nur aus meiner Liebe. Ich habe mein Bestes getan, um in eurer Welt zurechtzukommen, und jetzt wollt ihr mich umbringen. Ich bin schon längst tot, ich bin mein ganzes Leben lang tot gewesen. Ich habe in dem Grab gelebt, das ihr geschaufelt habt."

Die beiden Extreme amerikanischer Popkultur

Diese Worte wurden gesprochen, als Michael Jackson das Leben, das ihm so etwas wie Normalität vielleicht ermöglicht hätte, schon nicht mehr führen konnte. Es war Charles Manson, der das alles sagte, vor einem kalifornischen Gericht zu Anfang des Jahres 1971 - jener Mann, der des siebenfachen Mordes, dem auch Roman Polanskis Ehefrau zum Opfer gefallen war, schuldig gesprochen wurde. Ein Priester, der sich um den Angeklagten einst gekümmert hatte, sagte aus: "Er hatte das Aussehen eines unschuldigen Chorknaben." Und Manson selbst behauptete: "Ich bin ein Kind geblieben und habe eurer Welt beim Erwachsenwerden zugesehen."

Dieses Kind war alles in einem: ein neuer Jack the Ripper, ein Hypnose-Rasputin, Satan persönlich. Charles Manson ist für viele die Verkörperung des Bösen, auf jeden Fall ein verhinderter und vielleicht auch deswegen, aber bestimmt aus vielen anderen Gründen auf grauenhafte Abwege gekommener Mensch, der sich als geistig minderbemittelt ausgab, aber mit einem verrückt-schlauen Schlußplädoyer aufwartete, dem man eine gewisse Evidenz nicht absprechen kann.

Der heute Siebzigjährige sitzt immer noch ein im Staatsgefängnis von Corcoran, Kalifornien, von dem das amerikanische Fernsehen nun aus einem anderen Grund Bilder zeigte: In diese Anstalt könnte, so die Spekulation, im Falle eines Schuldspruchs auch Michael Jackson eingewiesen werden. Zu einer persönlichen Begegnung werde es, wie es hieß, wahrscheinlich nicht kommen, weil Manson seine Zelle kaum verlassen dürfe. Das wäre auch nicht nötig: Die beiden Extreme amerikanischer Popkultur - wenn man Jackson als das positive bezeichnen darf - berühren sich schon jetzt im unendlichen Raum der Mutmaßungen und Mythen. Es wäre eine unheimlich-schlüssige Begegnung.

Quelle: edo, F.A.Z., 11.06.2005, Nr. 133 / Seite 29
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