03.07.2007 · Tori Amos spielt ihren Bösendorfer-Flügel mit so viel Inbrunst und drängender Leidenschaft, dass man bisweilen das Gefühl hat, einem intimen Akt beizuwohnen. Dazu singt sie ekstatisch, flüstert, haucht und schreit auch mal.
Von Lotta GörgenDiesmal war es also Isabel. In Nürnberg, wenige Tage zuvor, hatte das Konzert noch Santa eröffnet, berichteten zwei freundliche Tori-Amos-Fans in der Alten Oper. In Frankfurt machte Isabel mit der blonden Perücke den Anfang. Für ihr neues Album „American Doll Posse“ hat sich Tori Amos fünf Charaktere ausgedacht. „Jeder Typus verkörpert eine andere Seite innerhalb meiner musikalischen Persönlichkeit und ist auf eine der weiblichen Gottheiten des Olymp zurückzuführen“, hatte die Musikerin vorab erklärt.
Isabel, erklärt das Booklet, verkörpere Artemis, die Göttin der Jagd. Sie trägt ein champagnerfarbenes Seidenensemble mit Pumphosen und Stiefel mit Pfennigabsätzen, raucht und spielt den Flügel mit der Kippe in der Hand. Sie singt die Isabel-Stücke, beginnt mit „Yo, George“, einer Abrechnung mit George Bush, und lässt „Sweet Dreams“ und „Devils and Gods“ folgen.
Unverzichtbar: „T & Bö“
Wann immer es die Kompositionen zulassen, verfällt Isabel in große Gesten. Dann, es mögen etwa 20 Minuten vergangen sein, verschwindet die obskure Lady, vom Band ertönt „Professional Widow“, der House-Remix, mit dem Tori Amos 1996 überraschenderweise einen Club-Hit landete. Eine Frau mit roter Katja-Ebstein-Perücke betritt die Bühne, sie trägt ein grünes, paillettenbesetztes Hosenkleid und bewegt sich wie die Vortänzerin einer Ausdruckstanzgruppe. Sie singt die Tori-Lieder, darunter sämtliche Hits. Und sie spielt ihren Bösendorfer-Flügel mit so viel Inbrunst und drängender Leidenschaft, dass man bisweilen das Gefühl hat, einem intimen Akt beizuwohnen.
Gelegentlich spielt Tori Amos mit links den Flügel und mit rechts den Synthesizer, singt dazu ekstatisch, flüstert, haucht und schreit auch mal. All das ist so atemberaubend, dass man den Bombast-Rock-Sound, den die Band überflüssigerweise um das Tastenspiel wuchtet, über weite Strecken vergisst. Erst als die Band schließlich die Bühne verlässt und Amos die ersten Takte von „Silent All These Years“ anstimmt, fällt einem wieder ein, dass Intensität mit Lautstärke und Volumen nicht das Geringste zu tun hat. „T & Bö.“ steht jetzt als Lichtprojektion über der Bühne, Tori und Bösendorfer, alles andere ist im Grunde verzichtbar.
Entsprechend schade ist es, dass auf diverse Balladen das obligatorische Rock-Set folgt. In der ersten Reihe wuchtet ein Heavy-Metal-Freund, der auch schon in Nürnberg dabei gewesen sein soll, den Kopf vor und zurück, reckt den Arm mit Hardrockposen zur Bühne und ergreift einmal, als es sich glücklich ergibt, die Hand seiner Angebeteten auf der Bühne. Auf den Hinterkopf hat er sich „T & Bö“ färben lassen. Offenbar hat auch er eine multiple Persönlichkeit. Nach zweieinviertel Stunden zieht er aber friedlich von dannen.