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Nachruf auf Tom Petty : Der letzte Dinosaurier war ein Herzensbrecher

Tom Petty (links) bei einem Konzert in Helsinki im Jahr 1987 Bild: dpa

Er kam aus der Tiefe des Südens und erneuerte die Rockmusik: Zum Tod des amerikanischen Sängers und Gitarristen Tom Petty.

          Auch jemandem, für den sich Rockmusik im Wesentlichen auf dem Plattenteller abspielt, bescherte die Live-Fassung des Peter-Green-Krachers „Oh Well“, den Tom Petty and the Heartbreakers erst relativ spät in ihr Repertoire aufgenommen hatten, einen der erregendsten Momente überhaupt (F.A.Z. vom 12. Juni 2012). Petty beginnt seinen murmelnden Gesang mit fast aufreizender Verzögerung, greift sich zwei Rumba-Rasseln und tanzt dann herum wie ein gichtkranker Schamane – man sieht, dass er, anders als vermutlich Mick Jagger, nie vor dem Spiegel geübt und sich auch das Tanzen nicht von Tina Turner hat beibringen lassen. Aus dem überlangen, mit einem gleichnishaft knappen Text versehenen Lied prügelt die Band unerhörte Wucht heraus und bringt dabei alles zum Ausdruck, worum es bei dieser Musik gehen mag: Aufsässigkeit und Wut, Minderwertigkeitskomplexe und Verzweiflung.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Tom Petty hat dafür viel Lob erhalten, doch am wichtigsten war für ihn, was ein anderer Südstaaten-Gigant, der im Frühjahr verstorbene Gregg Allman (F.A.Z. vom 28. Mai), darüber gesagt hat: Petty habe diesem in vielerlei Hinsicht anspruchsvollen Song „Gerechtigkeit“ widerfahren lassen. Das ist weniger eine Frage technischer Beherrschung, es kommt vielmehr auf den Geist und auf den Groove an.

          Beides stimmte bei Tom Petty und den Heartbreakers, wobei man sich hierzulande, wo sie selten auftraten, relativ spät eine Vorstellung davon machen konnte, was sie noch alles konnten. Erst die riesige „Live Anthology“ (2009) und die Europa-Tournee von 2012 zeigten sie als Meister auch des Blues, Country, Folk, Rhythm & Blues und Soul. Petty, durch zwanzig Studioplatten als der drittgrößte Singer/Songwriter Amerikas ausgewiesen, war auch ein Lordsiegelbewahrer, dem die großen Männer des Blues und des Jazz genauso nahe standen wie das, was aus den Hitfabriken Stax/Volt und Muscle Shoals kam.

          Dabei beginnt die Vorgeschichte mit einem Missverständnis: Als der aus Gainsville, Florida, stammende College-Student mit seiner alten Band Mudcrutch, die sich dem Folkrock nach Art der Byrds, Buffalo Springfield und Flying Burrito Brothers verschrieben hatte, bei einer Plattenfirma vorstellig wurde, winkte man dort ab: „too British“.

          Es war deshalb kein Wunder, dass Tom Petty and the Heartbreakers, wie er seine behutsam umformierte Band dann nannte, zuerst in Großbritannien und just zu einem Zeitpunkt reüssierten, als Rock nicht mehr zählte – mit dem Ergebnis, dass man sie dort für Punker hielt.

          Tatsächlich meisterten die ersten beiden Platten 1976/78 den Spagat zwischen flirrendem amerikanischem Folk und dem von den Rolling Stones etablierten, harten Rhythm & Rock auf bis dahin unerhörte Weise. Die mit dosierter Kraft gespielten, wie aus der Zeit gefallenen Singles „Breakdown“, „Anything That’s Rock’n’Roll“ und das später im „Schweigen der Lämmer“ eingesetzte „American Girl“ blieben in der auf die Bee Gees und allenfalls noch auf Springsteen abonnierten Heimat nahezu ohne Resonanz.

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          Petty wechselte vom kleinen Shelter-Label zu MCA und legte 1979 mit „Damn The Torpedoes“ das Album vor, das damals wohl am gültigsten definierte, was Rock noch bedeuten mochte. Dank Jimmy Iovines Produktion war der Klang transparenter; man ließ die Rickenbacker-Gitarren sechs- und zwölfsaitig schwirren, und Petty lebte sich zwischen finsterem Gemurmel und schneidenden Hochtönen auch gesanglich voll aus. „Refugee“, „Here Comes My Girl“ und das wunderbare „Louisiana Rain“ wurden jene nicht mehr für möglich gehaltenen Klassiker, mit denen Petty sein Spektrum zwischen Außenseitertum, Liebeseuphorie und Angst zum Klingen brachte. In jener nachklassischen Zeit, als der Rock’n’Roll noch ein Verfallsdatum kannte, waren Tom Petty und seine Band dessen letzte wahre Helden, ein Ruf, den sie mit dem gleichfalls kompromisslosen „Hard Promises“ (1981) festigten. Wie andere Musiker geriet Petty mit dem neuen Jahrzehnt in eine Krise, die allerdings keine schöpferische war. Seine Platten enthielten immer noch zwingendes, allenfalls leicht geglättetes Material, das wegen seiner altmodischen Rifflastigkeit nur weniger gut ankam. Trotzdem behauptete er sich mit den Seinen als eine der durchschlagskräftigen Live-Bands, mit der sich selbst Dylan abgab.

          Tom Petty wurde auch deswegen groß, weil er technisch mindestens ebenbürtige Mitspieler hatte, allen voran den unfassbaren Gitarristen Mike Campbell und den findigen Organisten Benmont Tench. Dass derart eigenständige Leute ihm trotz mancher Pause so lange zu Diensten waren, bedeutet etwas; der Preis dafür ist zu erahnen aus Peter Bogdanovichs Film-Porträt „Runnin’ Down A Dream“ (F.A.Z. vom 9. Juli 2008): Bemerkenswert sachlich, ohne jedes Kumpel-Getue äußern sich die Getreuen hier über den Anführer.

          Tod einer Legende : „Into The Great Wide Open“ von Tom Petty And The Heartbreakers

          Nach dem Altherren-Projekt der Traveling Wilburys trat Petty um 1990 in seine kommerziell einträglichste Phase ein. Jeff Lynne hatte ihm für „Full Moon Fever“ und „Into The Great Wide Open“ ein geschmeidiges, absolut radiotaugliches Korsett verpasst, das seiner Karriere neuen Schub verlieh, die Band allerdings auf Distanz nötigte.

          Mit Anfang vierzig trat Petty dann in seine künstlerisch hochwertige Spätphase ein. Während er sich auf den Konzertbühnen mit originellen, handwerklich über jeden Zweifel erhabenen Fremdkompositionen als Traditionalist ersten Ranges präsentierte, erreichte er, zunächst ohne die Heartbreakers, dann wieder mit ihnen, noch einmal ein anderes spielerisches Niveau, zu dem auch der Produzent Rick Rubin beitrug, der wie wenige andere in der Lage ist, aus seinen Künstlern deren Quintessentielles herauszuholen. „Wildflowers“ (1994) und „Echo“ (1999), später noch die wie eine amerikanische Landstraße bluesig mäandrierende Platte „Mojo“ (2010) waren schon vom Umfang her gewaltige Rock-Relikte, auf denen Petty sein Bestes gab. Die kristalline Härte eines Songs wie „Honey Bee“ oder der unnachahmliche Groove von „Swingin’“, mit dem Petty tief in die Benny-Goodman-Ära eintaucht, gehören zum Zwingendsten nicht nur seines Katalogs. Endgültig traten die Spielkunst und die Vielseitigkeit Tom Pettys und der Heartbreakers auf der Live-Anthologie hervor. Neben viel vertraut Deftigem finden sich hier Improvisationen, die sich bis in den Jazz vorwagen. Eine an sich volkstümliche Eigenkomposition wie „Melinda“ wird ohne alle Erdenschwere überführt in eine Phantasie, die auch von Duke Ellington stammen könnte – so etwas bekamen sonst nur noch die Allman Brothers hin, deren Südstaaten-Rock Petty und seine Band erneuert haben.

          Tod einer Legende : „I Won’t Back Down“ von Tom Petty And The Heartbreakers

          Bei Gelegenheit der laufenden Rolling-Stones-Tournee dachte man, der Rock’n’Roll kenne nun endgültig kein Alter mehr. Auch Tom Petty wirkte mit seiner dürren Figur, den Spaghetti-Haaren und dem breiten Grinsen im allerdings immer schon erschreckend fahlen Gesicht lange jugendlich; aber er muss vor der Zeit gealtert sein. Einst wurde er auf seinem Anwesen in Malibu gefragt, ob er surfe. „Das geht nicht“, antwortete er und zeigte auf sein bandagiertes Knie, das er sich auf der Bühne ruiniert hatte. Dass auch sein Herz nicht mehr das stabilste war, ist nun traurige Gewissheit: Am Montag ist Thomas Earl „Tom“ Petty, dieser nie schwächelnde Rock’n’Roll-Saurier, sechsundsechzigjährig in Santa Monica gestorben.

          Tod einer Legende : Tom Petty: „Free Fallin’“

          Quelle: F.A.Z.

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