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Tom Petty-Konzert : Es fühlt sich gut an, ein König zu sein

Wer will dieses abgefahrene Zeug hören? Im Publikum sind wenige unter fünfzig Bild: dapd

Nach zwanzig Jahren ist Tom Petty wieder in Deutschland und spielt wuchtige Hiebe in Hamburg. Selten war die erregende Kraft von Rockmusik spürbarer.

          Tom Petty, der mit seinen Spaghettihaaren und dünnen Fingern immer noch etwas Otto-Waalkes-haftes an sich hat, stellt dem schon nach dem zweiten Lied vollständig euphorisierten Hamburger Publikum „a long list of songs“ in Aussicht, und das scheint hier, in der riesigen O2-World-Halle, niemanden zu schrecken. Das Verlangen danach war aber auch besonders groß; denn Tom Petty&The Heartbreakers hatten, aus welchen Gründen auch immer, zuletzt vor mehr als zwanzig Jahren in Deutschland und überhaupt in Europa gespielt, während einer Erfolgsphase, die hartgesottene Rockhörer misstrauisch stimmen musste: Mit den beiden von Jeff Lynne auf einen cremig-geschmeidigen, fast schon zu gefälligen Klang hin getrimmten Platten „Full Moon Fever“ (1989) und vor allem „Into The Great Wide Open“ (1991) war aus dem mundfaulen Florida-Rocker, der sich fünfzehn Jahre lang auf einem Platz in der zweiten Reihe, hinter Bob Dylan und Neil Young, eingerichtet hatte, plötzlich eine Art Hitparaden-König geworden, der den Rückenwind seines Promi-Feierabendprojekts mit den Traveling Wilburys schlau zu nutzen wusste.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Die Titel, welche diese Zeit abwarf, waren von einer solchen, sanft animierenden Entspanntheit, dass man die frühere, an den Byrds und den Rolling Stones gleichermaßen geschulte Aufsässigkeit und Unberechenbarkeit kaum vermisste; man konnte gar nicht anders als mitsummen und -wippen, ohne dabei das Gefühl zu haben, sonderlich aus sich herauszugehen.

          Punkband? Missverständnis

          Damit begnügte man sich in Hamburg nicht. Selten war die erregende Kraft von Rockmusik so spürbar wie an diesem Abend. Natürlich wird sie unter Live-Bedingungen ohnehin ungefilterter vermittelt, aber so etwas geht nicht von selbst; man muss schon, wenn es für zwei Stunden funktionieren soll, in denen man sich keine Sekunde langweilt, ordentlich Substanz mitbringen, zu der neben spielerischen Fähigkeiten eben auch diese „long list of songs“ gehört, an der sich Tom Petty&The Heartbreakers hart abarbeiteten.

          Es geht los mit einem Song von 1978, bevor Petty und die Seinen mit den von Jimmy Iovine glänzend transparent, nie zu hart produzierten Platten „Damn The Torpedoes“ und „Hard Promises“ das Missverständnis, sie wären eine Punkband, gerade aus dem Weg räumten: „Listen to Her Heart“ klang weniger anmutig; der massige Steve Ferrone, der vor nun auch schon bald zwanzig Jahren den Heartbreakers-Urschlagzeuger Stan Lynch abgelöst hatte, gab mit wuchtigen Hieben den Takt für den Rest des Abends vor.

          Sechs Rocker und ein Chef: Tom Petty
          Sechs Rocker und ein Chef: Tom Petty : Bild: action press

          Dann kommt „You Wreck Me“ aus der Rick-Rubin-Phase, die 1993 mit der später ebenfalls gespielten Single „Mary Jane’s Last Dance“ anbrach. Rubin, der Mann für alle Fälle, brachte dann „Wild Flowers“, „She’s The One“, das eigentlich ein Film-Soundtrack war, und „Echo“ auf den Weg, große, in jeder Hinsicht großzügig bemessene Platten von kristalliner Härte, die aber auch brüchigen Folk nicht verschmähten und eigentlich schon Pettys Eintritt in die qualitativ über jeden Zweifel erhabene Spätphase markierten. Benmont Tenchs Pianoläufe perlt jetzt wie einst, Mike Campbell zeigt erstmals die Wundergitarristen-Krallen, Ron Blair zupft so unauffällig wie gewissenhaft seine vier Basssaiten, während sich Scott Thurston, der andere Gitarrist, hinter einer Keyboard-Batterie verschanzt hält; und Tom Petty, der seine Rickenbacker schon wieder gegen ein anderes Gerät ausgetauscht hat, tänzelt ungelenk an der Rampe herum - sechs hochseriöse Rocker, von denen Petty, obwohl er nicht so gut Gitarre spielt wie Campbell, der absolute Chef ist, und zwar nicht nur, weil er das Repertoire, inzwischen wohl an die dreihundert Songs, so gut wie alleine geschrieben hat.

          „I Won’t Back Down“ ist dann schon aus der Lynn-Kommerz-Abteilung, die Petty noch weidlich ausschlachten wird; alles andere wäre auch unhöflich gewesen. Das Publikum, in dem wenige unter fünfzig und viele über sechzig sein dürften, will dieses Zeug nun mal hören. Und Petty gibt es ihm, mit ausreichend Druck, ohne die seinerzeit im Studio künstlich hergesellte Leichtigkeit, zuweilen leicht gehetzt: „Free Fallin’“, „Learning to Fly“, dazu mit „Yer so Bad“ und „Running Down a Dream“ die beiden besten Titel aus jener Zeit.

          Mit verschwörerischem Gesang

          Petty ist aus Prinzip Singer/Songwriter, aber wer sich zur Vorbereitung die aus sieben Platten bestehende „Live Anthology“ noch einmal angehört hatte, musste darauf gefasst sein, wie gut er auch mit den Stücken anderer Leute umzugehen weiß. Es kam dann nämlich „Oh Well“, eine eher obskure, neunminütige Peter-Green-Komposition aus der nicht mehr ganz so jungfräulichen Fleetwood-Mac-Phase - das Gewalttätigste, das es an diesem Abend zu hören gab, und übertraf selbst noch den ebenfalls gespielten, vorzüglichen Rocksong „Should Have Known Better“ vom jüngsten „Mojo“-Album.

          Verzögert setzt Petty mit verschwörerischen Gesang ein, dann greift er sich zwei Rumba-Rasseln und tanzt gebückt wie ein Schamane, während die Band eine Wucht entfaltet, in der nie die instrumentelle Präzision verloren geht, die aber frei ist von der Wichtigtuerei der stilistisch nicht unähnlichen Band Wilco. Tom Petty&The Heartbreakers wissen eben, dass Rockmusik kein Jazz ist und selbst in ihrer perfekten Darbietung auf gewisse dreckige Stellen angewiesen ist.

          Die gab es auch in „It’s Good to Be King“ und „Good Enough“, zwei von diesen ausgefeilten, lässig mäandrierenden Bluestiteln, die dann oft in einem von Petty mit energischen Armbewegungen kommandierten Gitarren-Exorzismus enden. Schließlich, das musste ja kommen, noch zwei der bekanntesten Lieder aus der Frühzeit: „Refugee“ und „American Girl“, letzteres vom allerersten Album, das Jonathan Demme dann wirkungsvoll im „Schweigen der Lämmer“ als etwas vermeintlich Unbekümmert-Uramerikanisches einsetzt, unter dem aber schon die Untiefen lauern, wie man sie im Süden kennt.

          Wer die ernsten Gesichter aus Peter Bogdanovichs Dokumentation „Running Down A Dream“ noch vor Augen hatte, den rührte die Herzlichkeit geradezu, mit der Petty seine Gruppe, die es mit ihm bestimmt nicht immer leicht hatte, irgendwann vorstellte. Es war, als fiele von diesen starken, den Beifall gelassen-dankbar annehmenden Musikerpersönlichkeiten ein gewisser Druck ab, der sich in bald vierzig Jahren sicherlich immer mal wieder angesammelt hat.

          Man wird es nach diesem denkwürdigen Konzert sagen dürfen: Tom Petty ist jetzt, im Alter von einundsechzig Jahren, einfach der Allergrößte. Köln (25. Juni) und Mannheim (30.) können sich auf etwas gefasst machen.

          Quelle: F.A.Z.

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