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Tocotronics „Electric Guitar“ : Ich gebe dir alles, und alles ist wahr

Bild: Youtube/TocotronicVEVO

Das Musikvideo, schon oft totgesagt, blüht wie nie zuvor. Jüngstes Beispiel: Tocotronics „Electric Guitar“. Warum würdigt man diese vielschichtige Kunstform nicht gebührend?

          „In the garage / I feel safe / No one cares about my ways“. Das Bild des einsamen Außenseiters, der nur allein in der Garage, wenn kein anderer guckt, unter Postern seiner verehrten Rockstars richtig aufblüht und waghalsige Luftgitarrenwettbewerbe mit sich selbst abhält, hat die amerikanische Band Weezer 1994 zu einem ironischen und trotzdem rührenden Rocksong verarbeitet.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn die deutsche Rockband Tocotronic nun in ihrer neuen Single „Electric Guitar“ dieses Bild wieder aufgreift, klingt das stellenweise fast wie eine Übersetzung: „In meinem Zimmer unter dem Garten / Fühl ich mich sicher, ich kann’s euch verraten / Ich schnalle dich um, nehme dich in die Hände / Und schicke den Sound zwischen die Wände“.

          Aus der amerikanischen Garage wird hier ein deutsches Souterrain: „Teenage Riot im Reihenhaus“. Die Erinnerung an den unverstandenen Jugendlichen, der sich am Ende durch die Hintertür herausschleicht, weil er alles nicht mehr aushält, ist notwendig bitter, wirkt durch die Liedform aber auch schon wieder irgendwie nostalgisch: eine gemischte Empfindung.

          Die Wohn-Hölle des Jugendzimmers

          Noch mal etwas ganz anderes wird aus diesen Ideen, wenn zu Musik und Text noch ein Video kommt. Im konkreten Fall von Tocotronic ist das ein Kurzfilm von Maximilian Wiedenhofer, und die Teenager-Figur wird gespielt von der Schauspielerin Jasna Fritzi Bauer. Sie spielt im Grunde das, wofür sie schon oft gebucht wurde: eine einzelgängerische, latent aggressive Göre, aber sie macht es noch immer (auch wenn sie nun auf die dreißig zugeht) unglaublich gut. Man möchte in diesem Video dauernd auf Pause drücken, um sich die liebevoll detailliert ausgestattete Wohn-Höhle oder auch Hölle des Jugendzimmers ganz genau anzuschauen, der blitzhaft wechselnden Stimmung zwischen tagträumerischer Euphorie und tiefer Verzweiflung nachzuspüren.

          Musikvideo : Tocotronic - „Hey Du“

          Die noch größere Außenseiterfigur in diesem Kurzfilm, ein geheimnisvoll fremder junger Mensch, dessen Erscheinung zwischen Jesus, Maria und Marilyn Manson changiert (gespielt von Maximilian Scheller), spukt außerdem noch durch drei weitere Tocotronic-Videos zum bald erscheinenden Album „Die Unendlichkeit“ – eine Konzept-Idee, in der ein ganzes Verweisuniversum zu stecken scheint.

          Es reicht von Nicolas Roegs und David Bowies „Mann, der zur Erde fiel“ zu Musikvideos der achtziger Jahre von Nik Kershaw und A-Ha, von Zombiefilmen George A. Romeros über die „Vorstadtkrokodile“ bis hin zu Prekariats-Dokus auf RTL.

          Musikvideo : Nik Kershaw - „Wouldn’t It Be Good“

          Musikvideo : a-ha - „Take On Me“

          Sicher, die Gruppe Tocotronic unter Wiedenhofers Filmregie ist ein besonderes Beispiel für solche Dichte und Tiefe, aber doch eines, das pars pro toto für eine überreiche, internationale Kultur solcher multimedialer Gesamtkunstwerke steht.

          Im Internetzeitalter noch immer wichtig

          Diese wirkt umso erstaunlicher, bedenkt man, wie oft das Musikvideo schon totgesagt oder als reines Marketinginstrument geschmäht wurde. Ein solches ist es freilich auch in den künstlerisch hochwertigsten Fällen, aber man darf sich dennoch wundern, dass diese insgesamt nicht ein bisschen mehr gewürdigt werden, das heißt: kritisiert und interpretiert, aber vielleicht auch prämiert.

          Die weiterhin jährlich, wenn auch unter weniger Aufmerksamkeit als früher verliehenen MTV Video Music Awards bleiben stark auf den Mainstream fixiert. Die Budgets für Musikvideos betragen heute oft nur noch einen Bruchteil von früher – und dennoch betonen viele, wie wichtig diese Videos auch in einem veränderten Musikmarkt der Internetzeit sind.

          Musikvideo : Beyoncé - „Hold Up“

          Künstlerisch interessant ist gerade, wie auch Independent-Produktionen aus wenig Geld und geringen Mitteln Großes machen. Die Formen sind dabei ganz verschieden: Ob alte Stop-Motion-Technik, Scherenschnittkunst, Knetfiguren oder auch minimalistische Lyric-Videos, die auf geschickte Weise die Sprache zum Kunstgegenstand machen – es gibt jeden Tag neue Musikfilme dieser Art zu bewundern.

          Das ist nicht der Normalfall

          Sie machen sich nicht von selbst, sie machen viel Arbeit, von der Idee zum Produkt ist es oft ein langer Weg. Initiativen wie die „Berlin Music Video Awards“ möchten dafür Aufmerksamkeit schaffen. Wer hat von ihnen schon gehört? Welches Kurzfilm-Festival etwa berücksichtigt auch Musikvideos?

          Seit es immerhin eine Einigung zwischen den großen Video-Portalen im Internet und der Gema gibt, wenn auch vielleicht noch keine gute, darf man sogar hoffen, dass irgendwann Musikvideos nicht nur als Werbung für Aufmerksamkeit dienen, sondern auch an sich für die Künstler lukrativ werden. Davon allerdings sei man, abgesehen von einigen weltweit bekannten mit vielen Millionen Klicks, noch weit entfernt, so hört man aus der Musikbranche.

          Eine künstlerische Zusammenarbeit wie bei den Tocotronic-Videos mit einem derartigen idealistischen Einsatz vieler Beteiligter sei freilich nicht der Normalfall, sagt Regisseur Maximilian Wiedenhofer im Gespräch mit dieser Zeitung. Im Abspann von „Electric Guitar“ werden sie alle aufgeführt. Das macht gleichzeitig darauf aufmerksam, dass sehr viele Musikvideos mit deutlich weniger Beteiligten und Mitteln zustande kommen. Man darf dankbar dafür sein, dass es so ist, und sich an ihnen erfreuen.

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