Tocotronic gibt es jetzt seit zwanzig Jahren. Es fing an mit Cordhosen und Trainingsjacken und süßen Punkliedern wie „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“, die schnell zu Slogans wurden. Dann wurde es immer opulenter und kunstfertiger: Die neue, zehnte Platte „Wie wir leben wollen“ kommt jetzt mit 99 Thesen zum Thema daher. Die optimale technische Umsetzung der Musik einerseits und ihre künstlerische Bedeutsamkeit andererseits scheint für Sie immer zentraler geworden zu sein. Das ist ein weiter Weg vom Cordhosenpunk zu den Arrangements von heute. Wie kam es dazu?
Jan Müller: Eigentlich waren wir daran immer schon interessiert. Natürlich auch mit einem gehörigen Maß Faulheit am Anfang. Wir hatten bei unserer ersten Single schon Aufnahmen im Studio angefertigt, uns dann aber entschieden, mit einem Cassettenrecorder aufzunehmen, weil dieser trashige Sound uns als Band mehr entsprach.
Rick McPhail: Es ist auch eine Frage der Logistik, weil zwei von uns in Berlin und zwei in Hamburg wohnen. Wir können nicht mehr einfach in den Probenraum gehen.
Dirk von Lowtzow: Man kann es nicht so linear beschreiben, dass sich das professionalisiert hätte. Es ging uns immer darum, den adäquaten Zugang zu finden zum Material.
Dann waren diese Cordhosenaufnahmen schon bewusste Entscheidungen? Und gar nicht so authentisch, so lebensgefühlig, wie es damals immer hieß, sondern eine Stilfrage?
Lowtzow: Ja, weil wir eben immer gleichzeitig eine Rock- und eine Popband waren. Wir haben uns für Rockstilmittel interessiert, aber auch für Sophistication, für Image. Komischerweise konnten wir uns zwischen diesen Polen nie so richtig entscheiden. So kam auch die Mischung der ersten Platte „Digital ist besser“ zustande, die zwar eindeutig von amerikanischem Grunge beeinflusst war, unser Outfit war eher so eine Popuniform, wie bei Human League in den achtziger Jahren.
Müller: Aber in blöd. (Alle lachen.)
Es war blöd als Entscheidung?
Müller: Genau.
Und dann tragen Milliarden plötzlich auch Cordhosen und Trainingsjacken und singen „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“.
Müller: So viele waren es dann doch nicht. Es spielt auch immer der Zufall eine Rolle. Bei den Aufnahmen für die erste Single war ein Mikro kaputt, wir mussten einen Kopfhörer nehmen. Bei den Klamotten war es genauso.
Lowtzow: Der konzeptuelle Ansatz hat uns einfach immer Spaß gemacht. Man braucht das gar nicht so hoch zu hängen.
Müller: Wo andere geschwitzt haben im Probenraum, haben wir eher beisammen gesessen und geredet. Schwätzen statt schwitzen, so kann man es sagen.
Aber man hat schon das Gefühl, dass die Frage, wer oder was Tocotronic ist, immer wichtiger wurde bei Ihnen.
Lowtzow: Ach, das würde ich so auch nicht sagen. Schon als wir uns kennenlernten, lief das auf einer Metaebene ab: Was ist das für eine Band? Macht die Musik über Rockmusik? Da hat man sich eben auch schon wahnsinnige Gedanken über das Cover gemacht: Was hat man da an? Wie soll dieser Schriftzug aussehen? Man hat so ein Branding betrieben, bevor man selbst gebrandet wird.
Müller: Wenn man älter wird, werden die Einflüsse mehr, deshalb scheint es vielleicht komplizierter zu werden. Aber wenn man sich neue Lieder wie „Ich möchte nüchtern bleiben“ oder „Im Keller“ anhört, ist das doch eigentlich auch ganz klein und einfach, oder?
Das Gefühl von Künstlichkeit bleibt aber. Ein bisschen habe ich bei Ihnen den Eindruck, dass Sie nicht im Reinen damit sind, eine Band zu sein, und davon nicht loskommen, dass und vor allem wie andere auf diese Band schauen.
Müller: Das kann ich nur unterstreichen. Ich finde den Zustand absurd, auf einer Bühne zu stehen und angeguckt zu werden. Ich komme mir da schon vor wie ein Affe im Zoo. Aber das finde ich auch eigentlich ganz richtig so, alles andere würde mir nicht entsprechen.
Aber ist das nicht anstrengend?
Müller: Andere Tätigkeiten sind viel anstrengender.
Lowtzow: Mir geht das ähnlich wie Jan. Ich habe das Konzept der Identität nie so richtig verstanden. Ich kann auch nichts damit anfangen, dass Kunst und Leben als Mittel gegen Entfremdung zusammenfallen sollen, dass Leben so eine Art Kunst sein soll. Im Gegenteil, ich finde das totalitaristisch. Es gibt Momente, wo man Tocotronic ist, aber es gibt eben genauso viele Momente, wenn nicht gar mehr, wo man überhaupt nicht Tocotronic ist. Diese Ideologie ist mittlerweile in die gesamte Gesellschaft eingesickert. Dass es keine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit gibt, wird ja heute von jedem Bankangestellten verlangt - dass der bitte kreativ zu sein hat und bitte alles immer lustig zugehen muss. Jeder ärmste Schlucker und Hartz IV-Empfänger muss sich beweisen, dass er kreativ tätig ist.
Müller: Aber wir sind sehr im Reinen damit, eine Band zu sein. Bei uns hat nie die Besetzung gewechselt, es ist sogar jemand dazugekommen.
Waren die drei anderen eine Gang, als Sie dazukamen, Rick?
McPhail: Ja. Eine Gang oder Pseudofirma oder so was, eine fake band, eine Clique für sich. Ich fühle mich aber eh immer ein bisschen zwischen den Stühlen, weil ich ja ein Ausländer in diesem Land bin.
Müller: Bei uns bleibt er natürlich der ewige Neue. (Alle lachen)
Mal angenommen, Sie alle würden sich heute zum ersten Mal treffen - würden Sie dann wieder eine Band zusammen gründen?
Müller: Heute? In unserem jetzigen Alter?
Ja.
Müller: Hui hui hui hui.
Lowtzow: Naja, würde man da überhaupt noch Bands gründen?
Müller: Damals sind wir eine Band geworden, weil das einfach eine tolle Ausdrucksform ist, die etwas Körperliches und auch Intellektuelles hat - aber die einzige Möglichkeit wäre es nicht gewesen.
Lowtzow: Es ist einfach ein unglaublicher Glücksfall und Einschnitt im Leben von uns gewesen. Wir sind sehr bestimmt von dieser Konstellation und vom gegenseitigen Lektorat und Einfluss, auch von der Freundschaft und Liebe, die man sich entgegenbringt.
Mit Bands wie Ihnen, den Sternen oder Blumfeld ist ein Klima entstanden, das es vorher nicht gab. Nicht nur, dass auf deutsch gesungen wurde: Da ist Außenseitertum erfolgreich und modisch geworden. Man kann das Phänomen heute auch bei einer Sängerin wie Cat Power beobachten, die wie Sie aus der Subkultur kam, aber ein Superstar ist und mit Karl Lagerfeld arbeitet.
Lowtzow: Cat Power hat ziemlich zeitgleich mit uns angefangen. (Der Schlagzeuger Arne Zank kommt rein und setzt sich dazu.) Wir sind im Gegensatz zu ihr aber keine Superstars geworden. Das schützt einen auch. Wir können relativ unbehelligt ein Privatleben führen. Und Karl Lagerfeld hat uns nicht angefragt bislang.
Müller: Bei dem kulturellen Hintergrund in unserem Land ist die Zahl an Leuten begrenzt, die man erreichen kann, wenn man keinen Schlager macht, wie früher Tony Marshall oder die Popbands jetzt, die Schlager machen, was dann als Rock missverstanden wird. Irgendwann ist das Ende der Fahnenstange erreicht.
Lowtzow. Aber gäbe es das Publikum nicht, das zu uns kommt: So groß wäre die innere Notwendigkeit nicht, eine Band zu haben.
Habt Sie eigentlich mal ausgerechnet, wie oft Sie einen Ihrer Hits wie „Drüben auf dem Hügel“ gespielt haben, Probenraum inklusive?
Lowtzow: Das ist ein bisschen unser „Like a Hurricane“, ähnlich naiv und gleich schön. Und man kann es komischerweise immer wieder spielen. (Alle lachen.)
Aber was hält die Lust, so ein Lied so oft zu spielen, denn aufrecht?
Müller: Das ist ja das Tolle an elektrischer verstärkter Musik: Es bereitet einem körperliches Glück. Und wenn man die Stücke nicht mehr hören kann, was ja tatsächlich passiert, haben wir Gottseidank inzwischen einen reichen Fundus, aus dem wir schöpfen können.
Ich muss fairerweise auch Arne Zank fragen, ob er glaubt, dass Sie heute noch mal gemeinsam eine Band gründen würden.
Lowtzow: Pass mal bloß auf!
Müller: Never ever!
Arne: Das ist sehr spekulativ. Wie man aufeinandergeprallt ist, war schon sehr intensiv. Und von Anfang an war bemerkbar, dass man da was ganz Spezielles und sehr Beglückendes macht. Aber wenn ich gewusst hätte, dass ich zwanzig Jahre lang immer diese Trommel herumtragen muss, dann hätte ich mir vielleicht die Triangel ausgesucht. Oder eine Rassel.
Haben Sie Heimweh nach den alten Zeiten?
Müller: Gar nicht.
Zank: Nee. Da gibt es zwar schon Nostalgie oder eine Freude darüber, was man da alles verzapft hat. Man hat aber ja dazugelernt, mit Plattenfirmen umzugehen zum Beispiel, und auch miteinander. Früher war man auch aufgeregter und alles stressiger. Also nein.
Lowtzow: Ich habe jetzt bei einem Theaterstück von Thomas Ebermann mitgemacht, wo wirklich die gesamte Hamburger Schule vereint war, bis hin zum musikalischen Direktor Ted Gaier von den Goldenen Zitronen.
Diese Hamburger Schule ist als „Diskurspop“ etikettiert worden, Musik mit Fußnoten sozusagen, politisch engagiert, aber kompliziert. Tocotronic war in diesen Zusammenhang die authentische Generationsband, Sie sind vom Publikum wie von der Kritik umarmt worden. Wie sind Sie damit umgegangen?
Lowtzow: Das hat uns schon belastet, weil wir uns immer als Freaks oder Außenseiter wahrgenommen haben. Natürlich fand da eine große Vereinnahmung statt.
Müller: Aber damit muss man dann auch leben. Alles andere wäre larmoyant. Kurt Cobain von Nirvana ist vermutlich daran zugrunde gegangen. Aber man kann darauf ja reagieren, wenn man merkt, die Sachen sprechen die Leute anders an, als man das sich wünscht.
Lowtzow: Texte, Klamotten, die Ästhetik - das war bis zu einem bestimmten Punkt Avantgarde, und dann wurde das sehr schnell vereinnahmt vom Mainstream, und da ist man halt gezwungen, sich umzuziehen.
Also hat es Sie schon genervt?
Lowtzow: Nee, nicht genervt.
Zank: Es gab auf Konzerten schon einen Umgang, der gestört hat.
Müller: Wo es so schunkelig wurde.
Zank: Da sind Leute auch bei ruhigen Songs von der Bühne ins Publikum gesprungen.
Müller: Wir haben ein bisschen Lehrgeld bezahlt. Nach diesem Glück, zusammen spielen zu können und damit auch noch Erfolg zu haben, ist es auch normal, dass eine etwas ernüchternde Phase kommt. Wo man sich was überlegen muss. Das ist ja auch gut so, sonst würde man sich immer wiederholen.
Das Publikum hat aber Erwartungen an eine Band wie Tocotronic, eine bestimmte Vorstellung von der Performance, es möchte mitsingen. Kommen Sie dem nach? Ist Popstar für Sie ein Beruf geworden?
Müller: Ich verbringe gern meine acht Stunden am Tag damit, für die Band zu arbeiten. Ich finde es nur schwierig, wenn es zur Dienstleistung verkommt.
Lowtzow: Wenn es zur Profession wird, kann man zumindest auch sagen: Jetzt habe ich mal frei. Es gibt ja diese Boheme-Auffassung vom Künstler, da hätte man nie frei. Weil man in dieser blöden Scheißbohemevorstellung immer jeden Tag Künstler sein muss.
Müller: Es ist ja auch nicht so, als hätte ich einen normalen Bürojob.
McPhail: Das Schöne an einer Band ist, dass du immer noch du selbst sein kannst. Man arbeitet nicht für eine Firma. Es gibt keine Regeln. Ich könnte jetzt totalen Blödsinn reden. Was sollen die anderen machen?
1993 lernen sich die Studenten Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank in Hamburg kennen. Gitarre, Bass, Schlagzeug und Zeilen wie „Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk“ – noch vor ihrer ersten Platte sind Tocotronic die Band der Stunde und die jüngsten Mitglieder der „Hamburger Schule“ deutschsprachiger Popmusik.
1994 erscheint „Digital ist besser“, danach folgen in kürzester Zeit drei weitere Platten. 1996 soll die Band den „Comet“ des Musiksenders Viva bekommen, in der Kategorie „Jung, deutsch und auf dem Weg nach oben“. Tocotronic lehnen ab.
Seit den späten Neunzigern lässt sich die Band mehr Zeit für ihre Alben.Mit dem Einstieg des amerikanischen Gitarristen Rick McPhail wird die Musik komplexer; die Slogans hören nicht auf: „Pure Vernunft darf niemals siegen“ heißt eine Platte von 2005.
2010 taucht die Band als „Monotronic“ in den „Lustigen Taschenbüchern“ auf.
Dirk von Lowtzow singt auch bei Phantom/Ghost und arbeitet für die Zeitschrift „Texte zur Kunst“, Jan Müller spielt Bass bei Das Bierbeben. Im Januar bringen Tocotronic bei Universal ihre zehnte Platte „Wie wir leben wollen“ heraus, mit „99 Thesen“ dazu, etwa: „Als Mythos, aber ohne Pracht“, „Frei“, „Alt“ und „Als Monchichis“.
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