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Tina Turner auf Tournee Sind Mädchen im Haus?

15.01.2009 ·  Sie tanzt, kreischt, räuchert, rockt und schmeichelt mit ihrer exzeptionellen Stimme, wechselt flink die Glitzerkostüme, zeigt die immer noch berückenden Beine - und nichts davon wirkt peinlich trotz ihrer fast siebzig Jahre: Tinas Turners erstes Europakonzert in Köln.

Von Oliver Jungen
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Im Anfang war die Hydraulik. Ein Freudscher Fiebertraum. Als sich der riesige rote Vorhang endlich öffnet, starren fünfzehntausend Menschen auf eine technizistische Erektion: Ein kleines, quadratisches Stück Bühnenboden reckt sich triumphal gen Himmel. Darauf steht sie und schwankt nicht, statuengleich, in Stöckelschuhen und ohne Geländer, die unverwüstliche Göttin des unverwüstlichen Rock-Pop-Blues. Dann fährt sie dröhnend („Steamy Window“) zu uns Verwüsteten hinab. Ganz hinab fährt sie, anders als so viele Messiasadepten. Schon im vierten Jahrhundert knallte man die Zwei-Naturen-Lehre der verdatterten Logik vor den Latz: gottgleich und doch ganz Mensch. Für Tina Turner gilt das in der popmodern verschärften Version: Göttin und doch ganz Frau.

Es war eine Männerwelt, in die Anna Mae Bullock 1939 in Nutbush, Tennessee, geboren wurde, just in dem Moment also, als diese Welt vollends den Verstand verlor. Es war eine Männerwelt, die es nicht wert war zu überleben und in die, längst überfällig, der radikale Feminismus mit Wucht hereinbrach. Und es war eine Männerwelt, mit der sich Anna Mae einließ, als sie sich, kaum erwachsen, mit Ike Turner verband, ihren Namen 1960 in Tina änderte und mit dem Rhythm-and-Blues-Musiker Songs wie „River Deep, Mountain High“ oder die ganz eigene Version des Creedance-Clearwater-Revival-Stücks „Proud Mary“ aufnahm, die zum Herausragendsten der sechziger Jahre überhaupt zählen. Die Geschichte endet traurig, man weiß es: Nach immer brutaleren Attacken durch den drogensüchtigen Ike trennte sich Tina 1978 von ihm – und ihre Karriere schien zu Ende. Sie zog nach London, lebte mehrere Jahre in Köln, dann in Zürich. Die großen Platten-Labels hatten den Altstar abgeschrieben, der es musikalisch ohne Mann an der Seite schaffen wollte.

Die immer noch berückenden Beine

Dreißig Jahre später steht Tina Turner in Köln auf der Bühne, dem ersten und natürlich ausverkauften Europa-Konzert auf ihrer überraschend noch einmal gestarteten Welttournee, und reißt das Publikum mit (die Bestuhlung hätte man mal einfach bleiben lassen können: zumindest im Innenraum saß niemand). Sie tanzt, kreischt, räuchert, rockt und schmeichelt mit ihrer exzeptionellen Stimme, die schlicht in Bestform ist, wechselt flink die Glitzerkostüme, erscheint mal in flatteriger Robe, mal im kurzgeschnittenen Kleid, die immer noch berückenden Beine zeigend, um die sich längst ein eigener Mythos gesponnen hat – und nichts davon (mit Ausnahme vielleicht des Mad-Max-Aufzugs bei „We Don’t Need Another Hero“) wirkt peinlich trotz ihrer fast siebzig Jahre. Mehrmals überlässt sie den anderen Musikern die Bühne, ihre Backgroundsängerin darf „Better Be Good To Me“ allein zu Ende bringen. Dass sie etwas weniger herumhopst als früher, ist allein der Würde des Alters geschuldet. Mit mangelnder Fitness jedenfalls hat es nichts zu tun: Bravourös tanzt die „Hottest Granny on Earth“ (so ein Fan-Plakat) über einen Laufsteg von gerade einmal einem Meter Breite, der sich hoch oben über die Zuschauer ausfährt.

Präsentiert wird eine perfekt choreographierte Multimediashow inklusive Schautanz, Diavorführung, Pyrotechnik und Abspann – alles von der Meisterin selbst komponiert. Letztlich aber will sie natürlich etwas demonstrieren. Nicht nur dem 2007 verstorbenen Ike oder all jenen, die sie unterschätzt haben, sondern sich selbst: „I’m the gypsy, the acid queen./ I’ll tear your soul apart.“ Nur so lässt sich die Inbrunst und Überzeugungskraft erklären, mit welchen diese Zigeunerkönigin ihre Texte herausschmettert.

Der Mann an sich

Nicht nur bei dem großartigen „Private Dancer“, der Verletzlichkeits-Ballade „Be Tender With Me, Baby“, in der es sehr konkret um den Mann an sich geht, oder dem ziemlich offen autobiographischen „What’s Love Got To Do With It?“ („It’s physical, only logical“), sondern selbst bei den obigen Zeilen aus Pete Townshends „Tommy“-Oper hat man plötzlich das Gefühl, statt Rockmusicalgeschwurbels ein Statement zu hören: Geröhrter Feminismus ist das, an sich selbst exemplifiziert, eine wuchtige Überschreitung des Bühnenabkommens ins Biographische. Ob Frauen im Publikum sind, möchte Tina Turner dann auch wissen, denn: „Nichts ist besser als weibliche Unterstützung“. Und ja, da sind Frauen.

Mächtig wummert es durch die Halle: „I’m just using my female attraction / on a typical male, on a typical male.“ Was haben sie sich darüber die Köpfe zerbrochen, die ersten Gender-Denker: Für typisch männlich, wenngleich natürlich nicht angeboren, hielt Simone de Beauvoir 1949 eine geschmeidige Beweglichkeit. Nach der Definition des Anthropologen F. J. J. Buytendijk von 1953 ist es aber vielmehr die eckige, rauhe, abgehackte, aggressive und abrupte Dynamik, die den anerzogenen Mannescharakter ausmacht. Damit aber hat er exakt Tina Turners Stil beschrieben. „I like it rough“, betont sie auch in Köln wieder. Und das geht in Ordnung, sind wir längst doch im Postfeminismus angekommen, wo alle Bipolarität sich spielerisch auflöst. Da kann man sogar einen Al Green-Song hochskalieren zum Versöhnungsmanifest der Geschlechter: „Let’s Stay Together!“

Zwei Verbeugungen

Auch die Männer – von geschmeidig-beweglich bis brummig-skeptisch – werden umarmt an diesem Abend: Frauenpower zwar, aber weitherzige, „addicted to love“. Kokett hat sich die Dame ja auch wieder ihre nicht zu verachtende Blumengirlande umgehängt, vier hübsche, hervorragende Tänzerinnen, ihre „Flowers“, die appetitlich in Bikinis herumwirbeln. So generös kann sich Tina – oder neuerdings „Tina!“ – geben, weil sie den Krieg zwar gewonnen hat, ihn aber überhaupt nicht wollte. Ihre musikalisch besten Jahre, das würde sie kaum bestreiten, waren nun einmal die mit Ike.

Durch welche Energie sich „River Deep, Mountain High“ oder „Proud Mary“ von den Achtziger-Mainstream-Soulnummern voller Saxophonsoli unterscheiden, war für jeden zu hören. Vor allem das plumpe, aber fatalerweise mordsbeliebte „Simply the Best“ drückte kurz vor Schluss den Blues-Appeal kurzzeitig auf irdisches bis unterirdisches Maß herunter. Sehr viel Effekthascherei wurde auch betrieben, um die James-Bond-Hymne „Golden Eye“ durch eine Art nachgespielten Vorspann zu inszenieren. Gleichwohl fehlt dem Stück die Seele, was im Soul nun besonders auffällt.

Doch schon die erste, exzessive Zugabe, „Nutbush City Limits“ von 1973, jagte den Puls wieder herauf: Die Grenzen ihrer Heimatstadt hat sie gesprengt, keine Frage. Nach fünfzig Jahren auf dem Olymp gibt es wohl nur noch wenige Götter, die Tina Turner das Wasser reichen können. Zwei musikalische Verbeugungen machte sie in Köln, eine in Richtung Beatles („Help!“) und eine in Richtung Rolling Stones („Jumpin’ Jack Flash“/„It’s Only Rock and Roll“). Rechtgläubig also ist sie auch noch.

Weitere Konzerte in Deutschland:

18.1. Köln
19.1. Köln
26.1. Berlin
27.1. Berlin
30.1. Hamburg
31.1. Hamburg
3.2. Hamburg
4.2. Hannover
19.2. Mannheim
20.2. Mannheim
23.2. München
24.2. München
27.2. München
28.2. München

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