07.10.2007 · Kanadas Popszene blüht: Nach „Arcade Fire“ oder den „Stars“ könnten jetzt die „New Pornographers“ für Aufsehen sorgen. In Berlin stellte die Band ihr großartiges neues Album „Challengers“ vor.
Von Christina HoffmannSteigt man die grauen Betontreppen hinab, schlägt einem feuchte Luft entgegen. Hätte das Rauchverbot den Berliner Mudd Club schon erfasst, es röche wohl leicht modrig in dem Kellergewölbe aus Backstein. Nicht im hippen Berlin-Mitte wähnt man sich, sondern in einem beliebigen Bandproberaum in der Provinz. Den „New Pornographers“ geht es wohl nicht anders: Die Musiker stolpern auf die Bühne, nehmen ihre Instrumente und fangen an zu spielen. So, als übten sie daheim für sich, und als gelte es nicht, ein Publikum zu begeistern. Und das ist keine zur Schau gestellte Indifferenz, wie bei Bands, deren Coolness die Show ist. Vielmehr verzichten die nicht unsympathischen „The New Pornographers“ heute einfach auf jede Performance.
Aber: Wer wollte bei der Probe einer verehrten Gruppe nicht schon mal Mäuschen spielen? Als unsichtbarer Besucher könnte man Hochstapler entzaubern, herausfinden, ob die Bandfamilie Himmel oder Hölle oder beides zugleich ist, oder gar Zeuge der Geburt des nächsten Hits werden. In ihrer Heimat haben sich „The New Pornographers“ als feste Popgröße etabliert. Hierzulande blieb bislang der große Erfolg aus. Ihr neues Album „Challengers“ könnte das ändern – mit höchst abwechslungsreicher Rockmusik voller Euphorie, Leidenschaft und Humor. Immer wenn der Zuckerguss des Überschwangs droht, ins Pathetische zu fließen, hilft ihnen der Witz aus der Patsche.
Die neuen Supergruppen
Auf ihren Instrumenten variieren
„The New Pornographers“ mit Leichtigkeit und großer musikalischer Kompetenz den Rock, setzen die Präfixe Indie-, Sixties-, Prog- oder auch mal American Folk- davor. Der zum Teil vierstimmige Gesang hält verliebt Händchen mit den eleganten Melodien. Wegen ihrer großen Besetzung zählen „The New Pornographers“ zu den neuen Supergruppen. Dieses schicke Etikett haftet derzeit vielen kandischen Bands an, wie den inbrünstigen „Stars“ oder der experimentellen „Broken Social Scene“, die auch in Europa große Konzertsäle füllen. Nun könnte „Challengers“ den Aufstieg auch der „New Pornographers“ in diese Oberliga besiegeln. Ob ihrer vielseitigen Arrangements durfte man mit einem Auftritt voller Inbrunst und Einfallsreichtum rechnen.
Musikalisch geht es mit Vollgas los. Ein treibendes Schlagzeug mit stakkatohaft geklimpertem Keyboard, viel Bass und E-Gitarre bestreiten „All the things that go to make Heaven and Earth“, ein Lied, das bald die Tanzflächen aller Indie-Diskos füllen wird. Indes, die „New Pornographers“ sehen heute nicht aus, als sei ihnen nach Disko zumute, vielmehr, als hätten sie sich schon einige Nächte um die Ohren geschlagen. Die Gruppe feiert dieses Jahr ihren zehnten Geburtstag. Eine Dekade Musikbusiness hinterlässt Spuren in den Gesichtern: Die fünf männlichen Musiker sind ein wenig in die Jahre gekommen, müde schauen sie aus. Nur die singende Keyboarderin Kathryn Calder ist eine junge Naturschönheit, ein ätherisches Wesen mit klaren Gebirgssee-Augen, wie direkt aus dem Eurythmie-Unterricht hergeweht.
Aufbruch ins Unbekannte
Die Lieder, die ihr den Vortritt lassen, erfrischen ungemein. Zum Beispiel das Titelstück des neuen Albums. Ein epischer Song, der das Aufbruchsgefühl beschreibt, wenn man jung ist und alles möglich scheint: „On the walls of the day / In the shade of the sun / We wrote down another vision of us / We were the challengers of the unknown.“ Nach ein paar Takten Lagerfeuergitarre summen der Frontmann Carl Newman, der Schlagzeuger und der zweite Keyboarder den Hintergrundchor. Die folkige Ballade wird von Akustikgitarre, Banjo und Bass getragen, über die anderen Instrumente streicheln die Musiker nur hie und da.
Das wohl bekannteste Bandmitglied spielt heute übrigens gar nicht mit: Neco Case. Die Alternative-Country-Sängerin ist mittlerweile mit ihren anderen Bandprojekten so erfolgreich, dass sich die Tourtermine häufig kreuzen. Fragt sich nur, wieso noch kein Bandmitglied, auch kein weibliches, gegen den laut schreienden, dummen Bandnamen protestiert hat. Man möchte Newman gern den „PorNO“-Aufkleber schenken, den könnte er über die niedlichen Jagdhundefotos auf seinem Gitarrengurt pappen.
Ein Königreich für ein Bier
Nach einer Weile spielt die Band nicht mehr nur routiniert ihr Set herunter, sondern kommuniziert zwischen den Songs sogar ein wenig mit dem Publikum und kokettiert mit ein paar Brocken Deutsch. Aber dies wird leider kein magischer Gig mehr, die Handbremse bleibt angezogen. Der Besuch auf einer Bandprobe ist eben normalerweise so spannend nicht: Die Luft ist schal, das Bier zimmerwarm, der Kellersound miserabel, die Bühnenshow schmal. Immerhin die Getränke waren an diesem Abend wohltemperiert.
Kanadas Popszene blüht: Nach „Arcade Fire“ oder den „Stars“ könnten jetzt die „New Pornographers“ für
Aufsehen sorgen. In Berlin stellte die Band ihr neues Album vor.