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„The National“ Das Kuschelige ist hier nur Fassade

29.11.2007 ·  So klängen die Dire Straits, wenn sie cool wären: In Köln bot die amerikanische Band The National eine reife Leistung, mit Erwachsenen-Pop ohne Kompromisse.

Von Richard Kämmerlings
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Auch als Rockmusiker sollte man nicht zum Arbeitstier werden. „Jetzt kommt ein Lied über das tägliche Arbeiten“, sagt Matt Berninger, „und darüber, wohin es führt, das zu seinem einzigen Lebensinhalt zu machen.“ - „Shut up!“, unterbricht ihn da eine Frau aus dem Publikum, der offenbar schon der Gedanke an den nächsten Morgen schlechte Laune bereitet. Auch die eigenen Songs zu moderieren und die Texte lange zu erklären ist möglicherweise bereits Symptom einer déformation professionelle, jedenfalls bei Popmusikern, die zuerst der Unterhaltung, nicht der Belehrung verpflichtet sind. So ist Berninger über den Zwischenruf gar nicht böse, nach kurzem Stutzen gibt er der Frau recht: Und schließlich müsse „Shut up!“ auch nicht immer „Shut up!“ meinen, sondern manchmal auch etwas wie: „Du bist ein besonders liebenswertes Exemplar deiner Gattung.“

Und mit dieser Leseanweisung singt Berninger den Song „Racing Like a Pro“ vom neuen Album von The National aus Ohio, die Beschreibung eines Burn-out-Syndroms, das man eben nicht nur im Büro, sondern auch im Tourneealltag ausbilden kann. Im ausverkauften Kölner Prime Club stellt die Band, wohl als Gegenprogramm, eine fast schon wieder arrogante Unsicherheit und Schüchternheit zur Schau: Zwischen den Stücken machen sie lange Pausen, in denen die beiden Gitarristen ihre Instrumente stimmen, Bier geholt (und umständlich ins Glas geschenkt) wird oder irgendetwas anderes zu tun ist, und lässt so den Beifallpegel stets wieder auf den Nullpunkt fallen. Wüsste man nicht, dass man es hier mit gestandenen Musikern zu tun hat (die neue Platte „Boxer“ ist schon ihre vierte), könnte man glauben, man sehe einer Abiband beim Proben zu - jedenfalls bis zu den ersten, meist leisen Tönen, die ihre Beiläufigkeit aber rasch verlieren.

Indie-Gitarren wie stumpfe Sägen

Das um einen Pianisten und Geiger erweiterte Quintett entwickelt viele Stücke aus zarten Intros, dann setzt Berningers sonorer Bariton ein, führt eine Weile die Gitarren am Gängelband, bevor gegen Ende das Stück in einem entfesselten, an Sonic Youth gemahnenden Melodienlärm gipfelt und dann wieder in Ruhestellung zurückschwingt, zum Gitarrenstimmen und Konterbier. Geradezu idealtypisch demonstrierte dies das Auftaktstück „Start a War“, bei dem es natürlich auch nicht um Krieg, sondern ums Verlassenwerden geht.

„Mistaken for Strangers“, der zweite Song, offenbart eine andere Seite der Band, die ganz unüberhörbar, wie so viele gegenwärtig, in den Achtzigern der dunkleren Spielart popmusikalisch sozialisiert wurde: Ein sehr weit nach vorn gemischtes, raumgreifendes Schlagzeug, Indie-Gitarren wie stumpfe Sägen und darüber Berningers Sprechgesang, der Coolness und Wärme verbindet: etwas Nick Cave, etwas Tom Waits und auch, man muss es sagen, Mark Knopfler. Bei den ruhigeren Stücken klingen The National tatsächlich fast wie die späten Dire Straits. Oder andersherum: So ähnlich würden die Dire Straits heute klingen, wenn sie sich nicht seinerzeit von jeder Entwicklung der Popmusik abgekoppelt hätten. Einige The-National-Stücke drohen auch den Grenzverlauf zwischen Sentiment und Sentimentalität zu verletzen und retten sich allein durch ein weiteres Crescendo mit einem berserkerhaft die Violinsaiten schrammelnden Geiger. Dabei lasse man sich nicht täuschen: Manche auf den ersten Blick kitschige Textzeile gewinnt im Kontext an Gewicht und Hintersinn; das Kuschelige ist oft nur Fassade, wie in manchen Horrorfilmen Kinderspielzeuge ein grausames Eigenleben entfalten.

„We're half awake in a fake empire“

Reife ohne Spießigkeit - das ist in der Rockmusik nicht so leicht. The National machen Erwachsenen-Pop im besten Sinne, ihre Sujets sind Probleme und Lebenssituationen, in die man erst spät hinein- und nicht so rasch wieder herauswächst, die Zwänge von Beruf und Familie, zerbrechende Lebensentwürfe, das Leben in der Provinz, die prekäre Versuchung zum Rückzug und zur Resignation. „Stay out super late picking apples, making pies / put a little something in our lemonade and take it with us / we're half awake in a fake empire“, singt Berninger, während Klavier und Schlagzeug sich in verschiedenen Rhythmen duellieren und um die Vorherrschaft ringen. Für innere Kämpfe findet die Band so auch musikalischen Ausdruck, auf ein „secret meeting in the basement of my brain“ beruft man sich entschuldigend in einem anderen Song.

Im Verlauf des Abends geht der introvertierte Sänger immer öfter aus sich heraus, agiert mitunter wie der ihm auch physiognomisch ähnelnde Nationaltorhüter Jens Lehmann bei der Standpauke für nachlässige Mitspieler. Doch jeder Exzess in vorderster Linie scheint Berninger hinterher fast etwas peinlich zu sein; erst einmal gilt es dann wieder, Ruhe ins Spiel zu bringen. Zu den Zugaben kündigt Berninger „eine Stunde John-Fogerty-Cover“ an, Spaß scheint die Band trotz vieler trauriger und gegen Ende auch düsterer Songs zu haben. Tatsächlich folgen nun keineswegs bislang zurückgehaltene Hits, trotz massiver Forderungen aus dem Publikum, sondern eher Abseitiges. Allein ganz am Schluss zitiert eine kreischende Atonal-Session die auf einer EP veröffentlichte Live-Version von „Murder Me Rachel“. Danach verwandelt sich Berninger wieder in den netten, schüchternen Jungen aus der Nachbarschaft.

Quelle: F.A.Z., 29.11.2007, Nr. 278 / Seite 38
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