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„The Kooks“ und „We are Scientists“ : Freude, schöne Stundengötter

  • -Aktualisiert am

Selbst die Mischung der Bartmoden stimmt bei „We are Scientists” Bild: EMI Music

Wenn die Debüts von Gitarrenbands angekündigt werden, schmeißen die Plattenfirmen mit großen Worten und Vergleichen nur so um sich. Da hilft nur ein transatlantischer Crash-Test: „The Kooks“ und „We Are Scientists“ im Vergleich.

          Es ist nicht immer einfach, im Stakkato der monatlich auftauchenden, jeweils als epochal angekündigten britischen Gitarrenbands und des sie begleitenden Bezugsgrößen-Gewitters trocken zu bleiben, Haut und Haar und Hirn durch die Sinnenattacke zu retten. Dieser Tage, ach, dieser Minuten ist man beispielsweise gehalten, sich die britischen Neukometen von „The Kooks“ zu Gemüte zu führen. Wer ein solches hat und zudem erzene Gründlichkeit in sich verspürt, der kommt nicht umhin, noch vor der Inspektion der Musik das Begleitmaterial der Plattenfirma zur Kenntnis zu nehmen.

          Hier werden auf anderthalb Info-Seiten die folgenden Künstlernamen in einen aufgewühlt dahinfließenden Text fallengelassen: „Supergrass“, „Blur“ (die frühen), „The Kinks“, „The Thrills“, ,,The Subways“, David Bowie, Syd Barrett (die Locken), „The Police“, „Everly Brothers“, „The Strokes“, Beck, „Air“, „Mercury Rev“, „Phoenix“, „XTC“, „Velvet Underground“, Marvin Gaye, „The Clash“, Bobby Womack, Prince, Neil Young, Nick Drake, Chuck Berry, „The Coral“. In diesen fantastischen und vernichtenden Strudel der Bezüge also werden die „Kooks“ geworfen, vier blutjunge Burschen aus dem britischen Seebad Brighton. Sind sie da noch zu retten? Wie soll ein faires Urteil gefällt werden?

          Sie haben schon über hundert Songs. Wie befürchtet

          Wir haben uns für einer angemessenere Verortungsmethode entschieden: Einzig an Ebenbürtigen sollen „The Kooks“ gemessen werden, sollen sich zu bewähren haben im Direktvergleich mit einer der monatlich über den Sternenhimmel schießenden, jeweils epochalen Gitarrenbands amerikanischer Herkunft, etwa nun dem Trio „We Are Scientists“, welches ebenfalls sein Debütalbum „With Love And Squalor“ vorgelegt hat. Hier liegt die Latte hoch genug. Einiges an Explosivität, Schubkraft und Entschiedenheit wird vonnöten sein, unbeschadet hinüberzuhüpfen - hiervon später mehr.

          Während die „Kooks” in uniformer Haartracht auftreten
          Während die „Kooks” in uniformer Haartracht auftreten : Bild: EMI Music Ltd./Dodson

          Zunächst will der Hörplot von „Inside In/InsideOut“ wiedergegeben werdem, dem Album, welches die „Kooks“, man hat es beinahe schon befürchtet, aus ihren bereits vorhandenen über hundert Songs, wenn man die glauben will, herausdestilliert haben. Der Auftakt glückt dem Album. Gerne läßt man sich, durch den Frühling dahinspazierend, gleich zweimal überraschen. Erstens starten die Rock-Halbgötter der Stunde mit einer ruhigen Akustiknummer „Seaside“, die zwar keine neuen musikalischen Dimensionen aufreißt, doch immerhin eine mutige Eröffnung ist. Das zweite Stück ist dann der zweite Coup: Mit dem skalpellscharfen Kracher „See The World“ werden alle Empfangskanäle im Hörer weit aufgerissen.

          Ein bißchen viel. Und daher ein bißchen zu wenig

          In der Folge ist er erstens bemüht, das Glückserlebnis wiederholt zu finden. Zweitens die Anklänge einzuordnen, welche nun in bunter Folge auf seine Trommelfelle hupfen. Luftig-sommerliche Gitarrenakustik verschränkt sich mit Sechziger-Jahre-Melodien, die wiederum verschwistern sich mit den schroff angerissenen Saitenauskünften des New Wave, hineingebrockt werden nach Lust und Laune: Blues-Vorspiele, Hall-Gitarren-Reggae-Zwischenspiele, Handclap-Höhepunkte. Zusammengehalten wird die zweifellos knackige, melodiöse, frische Produktion von immergrünen Lamenti des Pop: Sie liebe ihn nicht. Er wolle sie zurück. Einen hübschen Petticoat trage sie fürwahr.

          Das alles ist ein bißchen viel. Und daher ist es ein bißchen zuwenig für den ganz großen Wurf. Wer nicht viel Zeit hat, die ganze Platte kennenzulernen - etwa weil er schon die nächsten paar epochalen Newcomerbands auf sich zukommen sieht - der braucht sie nur bei Song neun anzuwerfen. Und nach dem zehnten wieder zu stoppen. Da erlebt er dann mit „Naive“ ein Stück, das alles hat, was ein Stück so braucht - Mitsumm-/Mitwippzwang, Gänsehautschauer in der Märzsonne -, um dann heruntergebremst zu werden in eine Downtempo-Nummer „I Want You Back“, welche die Welt doch nicht ganz so dringend gebraucht hat.

          „We are Scientist“ aber haben eine Formel gefunden

          Wer aber zufällig ein wenig mehr Zeit übrig hat für die Segnungen der zeitgenössischen Popmusik, darf sich das Debüt von „We Are Scientists“ besorgen. Auch die haben sich durch die Popgeschichte gehört. Auch die haben den aktuellen Retroschwenk des Rock zur Kenntnis genommen. Sie sind aber den „Kooks“ den entscheidenden Schritt voraus: Sie haben den Ausprobiertrieb hinter sich gelassen, haben gründlich abgewogen und vieles verworfen, sie haben einen Zugriff entwickelt. Sie basteln an ihrer Formel, an ihrer Entschiedenheit, die im britischen Enzyklopädenrock der letzten Jahre so fehlt.

          „We Are Scientists“ wollen nicht alle dreißig Sekunden ein anderes Zitat vorweisen, ihre Musik riecht nicht nach Pomade und Kunsthochschulfluren, sie verbürgt Schweiß, Qualm, Spaß und Enge: Aus dem reichhaltigen Retro-Angebot hat die Rhythmussektion sich für simples, treibendes Disko-Uffta entschieden, drüber kreissägt die Gitarre, und keine Melodie, keine „Idee“ kann eine solche Hoheit über das Endprodukt Song haben, als daß die Singstimme nicht auch mal untergedruckert würde im wilden Treiben von „We Are Scientists“, deren Debüt sich am besten mit „Play“ und „Repeat“ erschließen läßt und die man von der ersten bis zur letzten getriebenen Sekunde als sie selber erkennt. Den jungen „Kooks“ wünschen wir von Herzen, daß man sie an diesen Punkt noch kommen läßt.

          The Kooks, Inside In/Inside Out, Virgin/EMI 94635072327

          We are Scientists, With Love And Squalor, Virgin/EMI 94635121827

          Quelle: F.A.Z., 25.03.2006, Nr. 72 / Seite 44

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