Das Buch findet in der Popkultur wenig Freunde. Das zur Schrift fixierte Ereignis droht die Unmittelbarkeit des Erlebens zu zerstören und sich als ein unerwünschter Filter zu dem laut herausgeschrieenen Hier und Jetzt zu schieben, auf das Pop oft angelegt ist. Wo schon das Bekenntnis, keine Noten lesen zu können und zu wollen, Authentizitätsgewinn verspricht, da ist der Wille zu abgeschiedener Lesetätigkeit erst recht verdächtig. Von Joel Gibb, dem Frontmann, Texter und Komponisten von „The Hidden Cameras“, weiß man, daß er sich oft lange zurückzieht, um zu lesen, daß er sich etwa von Michel Foucaults Beschreibung des Panoptikums zum Bandnamen inspirieren ließ und von C. G. Jung das ideelle Konzept zu seinem neuen dritten Album, „Awoo“, lieh, einem langgezogenen Wolfsgeheul im Angesicht des Mondes.
Mit dem Buch im Rücken holt Gibb die häufig vertane Chance nach, eingeschliffene und zu sehr auf der Hand liegende Bezüge zu zerstören und das Songgeschehen in eine bewegliche Unbestimmtheit zu führen. Gibbs nimmt seine Naturbilder (und vor allem den Mond auf „Awoo“) nicht nur in ihrer symbolischen Bedeutung ernst und zeigt sich - ganz in der Domäne der physikalischen Geographie - auch an wechselseitigen Funktionszusammenhängen von Naturphänomenen interessiert, bevor er sie nach ihrer Wirkung auf die Gestimmtheit des einzelnen befragt. Personen zerlegt er in Details, Gegenstände kombiniert er mit Ideen und Ideen mit Ideen, bis jegliche Klarheit abhanden kommt.
Sie mußten sich nicht allein gelassen fühlen
Dieser Hang zum Unbestimmten und Unbegrenzten macht sich auf „Awoo“ bemerkbar als eine partielle Abkehr von der fröhlichen Emanzipationsrhetorik der Schwulenbewegung, von Texten über Eheverbot und Pinkelorgien, über Bremsspuren und Griffe in Unterhosen, die das kanadische Folkpop-Kollektiv zum Vorreiter dessen machten, was sich „Gay church music“ nannte: eine von dem Gospel inspirierte, von ausgelassenem Folk getragene und laszivem Pop grundierte Musik, die in ihrer Fröhlichkeit ansteckend wirkt und „The Hidden Cameras“ in ihrer kanadischen Heimat zur Kultband beförderte. In Frankfurt sind sie das eher nicht.
„Wo ist Francfort?“ fragte Gibb etwas irritiert ins Halbdunkel der Brotfabrik, und er mußte die knapp fünfzig Leute, die solidarisch einen Halbkreis um die Bühne gebildet hatten, erst einen Schritt näher heranbitten, um etwas Reibungshitze zu erzeugen angesichts der frostigen Betriebstemperatur des Konzertsaales, der auf einen größeren Fankreis eingestellt war. Gibb, ein schlanker, hochgewachsener Charismatiker, begann langsam. Die Augen halb geschlossen, die Mundwinkel verzerrt, fast unbewegt und in sich gekehrt, ließ er ähnlich gestrickte, weiche und intime Songs mit ähnlichen Akkordfolgen aufeinanderfolgen. Es lag nahe, den Abend herunterzuspielen und nicht die zügellose Orgie zu feiern, als die man die Auftritte der „Hidden Cameras“ kennt.
Es kam anders. Trotz des geringen Resonanzkörpers machte sich ein Wille zur Ausgelassenheit in dem gut funktionierenden, multikulturellen Ensemble bemerkbar. Die „Hidden Cameras“ nahmen Fahrt auf, ließen den Sound anschwellen, bespielten ihre Geigen, bis die Bogen zerrissen, und brachten ein ihnen bereitwillig entgegenkommendes Publikum zum Toben. Gibb hätte sich Frankfurt gern größer vorgestellt an diesem Abend, doch die frenetisch eingeforderten Zugaben wurden zu Hymnen auf eine Band, die sich nicht länger allein gelassen fühlen mußte.
Weitere Konzerte der „Hidden Cameras“ in Deutschland und Österreich:
Donnerstag, 12. Oktober: Uebel & Gefährlich, Hamburg
Mittwoch, 25. Oktober: schaubühne, Leipzig
Freitag, 27. Oktober: Atomic Café, München
Samstag, 28. Oktober: Rockhouse, Salzburg, A
Sonntag, 29. Oktober: WuK, Wien, A
Dienstag, 31. Oktober: Schocken, Stuttgart
Mi ttwoch, 1. November: Bad Bonn, Düdingen
Donnerstag, 2. November: E-Werk, Erlangen
Freitag, 3. November: Volksbühne, Berlin
Samstag, 4. November: Pauluskirche, Dortmund