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„The Good, the Bad and the Queen“ Wir waren mal Stars

30.01.2007 ·  Ihr redet nur von den Projekten: Nach der Britpop-Band „Blur“ und den virtuellen Hip-Hoppern von „Gorillaz“ hat Damon Albarn jetzt eine Band versammelt, die ohne Namen auskommt.

Von Klaus Ungerer
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Damon Albarn kämpft mit dem Startum, seit er ein Star ist, und dieser Daseinszustand plagt ihn – mindestens in England und zugehörigen Teilinseln – schon seit geraumer Zeit. Mit seiner Band „Blur“ geriet er Anfang der Neunziger in den Schnittpunkt zweier großer britischer Seelenumtriebe. Erstens: über Pop-Superstars verfügen zu müssen, so wie es die „Beatles“ waren, und somit sämtliche Nachwehen eines gewesenen Weltreichs zu lindern; zweitens aber die tägliche Folklore des Klassenbewusstseins zu befeuern, wie sie in Großbritannien zum guten Ton des Infotainments gehört wie hierzulande etwa die Beschäftigung mit der sogenannten deutschen Identität: „Blur“ wurden als Popstars verkauft, die sie von der Musik her nur bedingt waren; und sie gerieten als Vertreter eines als clever gedachten Bürgertums in jenen medialen Klassenzweikampf, der die Vorzeigeprolls von „Oasis“ als Gegenpart führte.

Ein Kracher für die Ewigkeit

Mit seinen Mitteln versuchte Damon Albarn, Schauspielstudent aus bildungsbürgerlichem Hause, dem Stargewese zu entkommen: Stets waren die Songs von „Blur“ den entscheidenden Tick zu clever, um wirklich mitreißen zu können, immer war Albarns Videopose eine distanzierte, ob er nun den desinteressierten Trainingsjackenjüngling gab, der eher zufällig vor das Mikrophon geraten war („Girls and Boys“), oder ob er mittels übertriebener und fehlgetimter Gesten jedes Pathos der Musik zu konterkarieren suchte wie in „The Universal“. Einmal rutschte „Blur“ ein richtiger Kracher heraus, der bis heute in Stadien und Computerspielen immer wieder gerne losledert, das ist „Song 2“, und „Song 2“ war eigentlich als Parodie auf den Grunge-Boom gedacht.

Spätestens seit diesem versehentlichen Überhit, einem der Stücke, die von den Neunzigern bleiben werden, hat Damon Albarn sich mit dem Monster der Berühmtheit abrangeln müssen, und er hat es natürlich auf die Weise getan, die einem jungen Bildungsbürger geziemt: eher weniger durch Suff, Randale und Gepöbel; eher weniger durch katastrophisches Hinabstrudeln in die endgültige Bedeutungslosigkeit wie bei „Oasis“.

Fluchtperspektiven

Nein, Damon Albarn machte dann bald Projekte. Und bekam solche Ideen, wie sie halt den Kulturmenschen überfallen: Er fing an, Einladungen von Tony Blair abzulehnen; Bob Geldof zu kritisieren; fing an, möglichst öffentlich das Musikbusiness total kritisch zu sehen – wozu ja auch nicht viel gehört. Immer neue Fluchten trat er an, nach Mali etwa mit Aufnahmegerät im Gepäck, womit ein Tonkünstler in fremden Straßen voll fremder Musik und Geräusche ja mächtig Inspiration aufzeichnen kann. Oder aber hinein in die Kulisse des Betriebs.

Mitsamt Comiczeichner Jamie Hewlett wurde Albarn eines Tages von einer Idee überkommen: Man müsse eine Band aus der Retorte heben, welche aus Zeichentrickfiguren bestünde. Die Musiker könnten dahinter verschwinden, und das böse Business und überhaupt diese total unauthentischen Zeiten wären demaskiert. Fertig waren die „Gorillaz“, fertig war der nächste krasse Welterfolg für Albarn, der natürlich trotzdem nicht müde wurde, sich als Gegenspieler der Industrie zu begreifen. Fertig war aber auch erstmals eine Musik, die ihre Distanziertheit in der Inszenierung gelassen hatte und dafür umso direkter, lockerer und tanzbarer rüberkam: Die „Gorillaz“ landeten diverse Hits, wie sie in Albarn schon immer gesteckt hatten und nie rausdurften, weil man ja schließlich intelligenter zu sein hat als der Rest.

Namen sind was für Jüngere

Wie es weitergeht, darf der interessierte Laie nun seit neuestem begutachten: Nach der Band, die nur im Zeichentrick existiert, erwartet uns die nächste Weltentziehungsmaßnahme des Stars: Damon Albarn hat drei Musiker aus verschiedenen Zusammenhängen von „The Clash“ bis Fela Kuti um sich gesammelt, ihr Album heißt „The Good, the Bad & the Queen“, und wer das Vergnügen eines Interviews hatte, bringt allemal eine Selbstauskunft mit heim: dass diese Band keinen Namen habe! Und auch keinen brauche; Namen seien bloß etwas für junge Leute.

Die Musik aber, die die vier Herren gemeinsam ausbaldowert haben, sie lässt erst so richtig den Schritt ins Rentenalter erahnen, da man zwar weiter gekonnt musizieren, vor allem aber sich vom Rummel abkehren möchte: Still und leise ist das eingespielt, alle Anklänge an geruhsamen Reggae, an Paul-Anka-Schmachter, an die späten „Beatles“ oder die noch späteren „Blur“ kommen fein, fast geisterhaft daher, eine wohlgearbeitete, ja gediegene Aura umhüllt die Gesangsparts, welche gemäß offizieller Lesart das multikulturelle Leben von West-London besingen, beim Hinhören aber vor allem kühle Brisen zum Inhalt haben, vor langer Zeit geschriebene Lieder oder eine Welt, die sich verändert habe.

Es ist immer Sonntag in West-London, und auf ein paar schattigen Parkbänken dort darf man sich zum Klange dieser Platte ein paar älter werdende Herren vorstellen, die vor sich hin summen, sie seien mal Stars gewesen; die jeden Tag fester daran glauben, „Sgt. Pepper“ sei für die „Beatles“ und den Pop ein Schritt nach vorne gewesen; und die in ihren Musikerköpfen immer neue Lieder entwerfen – Lieder, die gar nicht mehr vor Menschen gespielt werden sollen; Lieder, die leicht wie Gedanken sind; Lieder, die von früher handeln und genauso auch klingen.

The Good, the Bad and the Queen. EMI 306727

Quelle: F.A.Z.
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