28.10.2004 · Sie singen so engelsgleich glockenrein, fiedeln, zupfen und flöten, daß es eine wahre Pracht ist: Die irische Familienband „The Corrs“ ist auf Deutschland-Tournee. Eine der schönen Schwestern fehlte - aus gutem Grund.
Von Michael KöhlerSie singen so engelsgleich glockenrein, fiedeln, zupfen und flöten, daß es eine wahre Pracht ist. Dabei fließt die beschwingt-heitere, zwischen Dur und Moll ständig wechselnde Tonart der Musik über die Seelen der Zuhörer wie Gebirgswasser über Steine im Flußbett: sanft, perlend, erfrischend, vor allem aber vorhersehbar.
Knappe zwei Stunden schmeichelt die aus dem irischen Dundalk stammende Formation "The Corrs" mit dieser Mixtur den in erstaunlich geringer Anzahl erschienenen Fans - knappe 4000 Besucher sollen es sich laut Veranstalter in der Frankfurter Festhalle bequem gemacht haben. Als die Formation vor vier Jahren zum ersten Mal im Rhein-Main-Gebiet in gleicher Spielstätte gastierte, prangte schon vor Konzertbeginn an der geschlossenen Abendkasse das Horrorwörtchen für notorische Zuspätkommer: Ausverkauft!
Die Hexe und die Göttin
Fast zu schön, um wahr zu sein: "The Corrs" sind keine gecastete Girl-Group mit Quotenbeau vom Reißbrett - auch wenn das auf den ersten Blick so wirken mag -, sondern können wie ihre Kollegen und Landsleute von der Kelly Family auf echte Familienbande verweisen. Blendend schauen die todschicken Corr-Schwestern Andrea und Sharon aus: die eine als schwarzhaarige keltische Hexe singend und auch Flöte spielend, die andere eine nordisch-blonde Göttin an der Violine und als zweite Stimme brillierend.
Auch der Schwiegermutterkandidat an Gitarre und Keyboards, Bruder Jim Corr, steht in vorderster Bühnenreihe, wie die arg gelichteten hinteren Ränge über zwei gigantische, rechts und links unter der Hallendecke angebrachte Digitalschirme hautnah mitverfolgen können. Die Vierte im Bunde, die burschikose Schlagzeugerin Caroline, ließ sich schon vor dem Start der Europatournee entschuldigen, da sie seit wenigen Wochen Mutterfreuden genießt.
Barfuß auf der Bühne
Publikumsliebling Andrea tänzelt im figurbetonten pechschwarzen Flatterkleid barfuß über die Bühne wie einst Eurovision-Song-Contest-Gewinnerin Sandie Shaw, schwingt im Rhythmus lasziv die Hüften, gibt die unnahbare Schönheit mit dunkelumrandetem Hildegard-Knef-Blick und einem Hauch zuviel Rouge auf den Wangen. Doch der allem Anschein nach von Fleetwood Macs Stevie Nicks nicht nur optisch geliehene Liebreiz - immerhin wagt sich der Familienclan ans geheiligte "Dreams" der angloamerikanischen Popveteranen - verpufft in schnöder Mittelmäßigkeit, trotz glasklar intonierter Noten der Begleitband und eines für Festhallen-Verhältnisse einigermaßen ordentlichen Klangbilds.
Die mittlerweile selbst über den Atlantik geschwappte Erfolgswoge des einst im Umfeld der legendären Commitments gestarteten Ensembles fordert mit zunehmendem Ruhm und Bekanntheitsgrad ihren Preis: Zwar mixen sich clever und überaus geschickt Ingredienzen aus irischer Folklore, internationalem Pop und einer Prise Rock zu einem massenkompatiblen Naschwerk, das garantiert jedem mundet, der für Süßigkeiten dieser Art zugänglich ist. Doch der wohlausgewogene, wie perfekt maßgeschneiderte Keltenpop gerät im Verlauf des zügig ohne viele Zwischenansagen abgespulten Gastspiels von mal zu mal glatter und gewöhnlicher.
Melancholisches gelingt nur sentimental, Poppiges wirkt allzu banal. Selbst Sharons Fiddle fungiert bei den doch sehr am amerikanischen Mainstream-Pop ausgerichteten Songs der beiden letzten Alben allzu oft nur als nette Verzierung am Rande. Das ist dann oft nur noch Format-Radio-Material mit hymnischen Endlos-Refrains, wo nicht mehr allzuviel von den musikalischen Wurzeln der Anfangstage zu spüren ist. Dabei vermögen Corrs-Klassiker wie "Only When I Sleep" und "Forgiven Not Forgotten" das Auditorium noch immer am meisten zu begeistern.