31.10.2005 · Sie sind zurück, die Super-Lolitas aus Moskau, die nie singen, sondern gellend durch den Sturm schreien wie Blausäure-Schlümpfe. Früher waren sie die Gruppe mit dem Kuß, jetzt sind Tatu nur zwei Mädchen, die den Pop suchen.
Von Joachim HentschelEin ulkiges Gefühl, wenn man mitten zwischen gewaltigen Blendlichtern steht, nachts auf einer Straße, die auf so unglaubwürdige Art regennaß ist, daß nur ein Wasserwerfer aus Hollywood dahinterstecken kann. Wenn man dann den fauchenden Lärm eines herannahenden Monstertrucks hört, hinschaut, plötzlich einen rasenden Schmerz im Brustkorb spürt, die eigenen Knochen knacken hört, im letzten Moment ins Führerhäuschen guckt und sich noch denkt: Wie lustig, ich bin eben von Hanni und Nanni überfahren worden!
Ganz genau, Tatu sind zurück, die Super-Lolitas aus Moskau, die nie singen, sondern gellend durch den Sturm schreien wie Blausäure-Schlümpfe. Tatu, die vor drei Jahren - mit 17, mitten im sexuellen Stimmbruch - die lesbische Liebe als Spezialeffekt vorgespielt haben, so verzweifelt und geheimnisarm, daß man sie schelmisch dafür tadeln durfte, anstatt sich alarmiert zu fühlen. Thelma und Louise als Terminator-Roboter, aber minderjährig. Und mit Sex! Trotzdem auch für Kinder! Der Gruppenname ist angeblich die trickreiche Abkürzung einer Sentenz, die aus dem Russischen übersetzt „Ein Mädchen liebt das andere“ heißt - weshalb sie sich genaugenommen t.A.T.u. schreiben.
Gerade noch rechtzeitig vor dem Vergessen
Sie sind also wieder da, wie Hänsel und Gretel den Klauen des bösen Moskauer Kinderpsychologen entflohen, der ihre Bilder und ihre Musik an gierige, falsche Leute verkauft hat. Sie haben sich in den drei Jahren möglicherweise in jeder Beziehung umorientiert, wie man im Showgeschäft halt generalstabsmäßig erwachsen wird, und sie kommen gerade noch rechtzeitig, bevor alle sie vergessen haben. Woran man sich erinnert: an den bedeutsamen, ikonischen Moment, den Tatu der Pop-Welt geschenkt haben. Es ist Tatus Variante von Edvards Munchs „Der Schrei“, und sie heißt: „Der Kuß“.
Es war in ihrem ersten Video „All the Things She Said“, das im Winter 2002 auf Sendung ging. In moosgrün-fahlem Licht gedreht, Schulmädchenreport im Frauengefängnis: Die zwei Teenager, die rothaarige Lena Katina, die schwarzhaarige Julia Wolkowa, in weißen Uniformblusen und kleinen Röckchen, rüttelten am Maschendrahtzaun, vor dem sich eine entgeisterte Menge versammelt hatte. Schwerer Regen fiel, die Haare tropften, die Blusen klebten an den Körpern. Und dann, im ratternden Donner der Discomusik-Maschinen: der Kuß. Mit offenen Lippen und geschlossenen Augen. Die Blicke der Schaulustigen wurden gleich dazwischengeschnitten, und am Ende des Videos kam die Pointe aus alten Zoowitzen: Natürlich waren Tatu und ihre unschuldige Liebe auf der Seite des Zaunes, der in die Freiheit führte.
Tja, Freunde, es ist ein Kampf
Man muß alles andere vergessen, um sich besser auf den Kuß konzentrieren zu können. An der gräßlichen Musik kann es jedenfalls nicht gelegen haben, daß sich vom ersten Tatu-Album „200 Km/H in the Wrong Lane“ bald fünf Millionen Stück verkauften: ein Trampelelefanten-Werkzeughallen-Tanzrock, der an verwirrteste Trends der achtziger Jahre erinnerte und zu dem die armen Mädchen in Eurovisionsenglisch dazuquietschen mußten.
Nein, der Kuß verkaufte die Platten. Der Kuß, den sich der Kinderpsychologe Iwan Schapowalow ausgedacht hatte, der die Ex-Kinderstars Lena und Julia aus 500 Bewerberinnen ausgewählt hatte. Ein hochinteressanter Kuß. Zum einen ein leicht ekliges Geschenk an die Dirty Old Men, für die es im Pop-Fernsehen sonst nicht viel zu glotzen gibt. Andererseits ein Kuß, der nie so aussah wie der typische Pornokuß für die Kamera: Tatu traten ja als treues Pärchen auf, da war nichts Ausschweifendes, wenig Lolita-Schwüles, kaum Ostblock-Sex-Mythos, kein Geheimnis. Für Fotos posierten sie in Unterwäsche und Kampfstiefeln, als wollten sie sagen: Tja, Freunde, es ist ein Kampf.
Lena wollte nicht mehr geküßt werden
„Wir singen über Teenager“, erläuterte Lena Katina in einem Interview. Und viele der russischen Parlamentarier und britischen Rundfunkräte, die gelangweilt gegen Tatu protestieren mußten, fragten sich sicher: Sind die Kinder jetzt wieder die unbekannten Wesen? Haben wir uns zu sehr auf unsere eigene Unwilligkeit konzentriert, erwachsen zu werden? Sind wir dabei von einem völlig überholten Teenager-Bild ausgegangen? Und passieren in Jugendzimmern Sachen, von denen wir nicht mal träumen? Svengali-Iwan mag ein geldgieriger Schurke sein, aber er ist nun mal Psychologe.
Im August 2003 spielten Britney Spears und Madonna bei den MTV Video Music Awards in New York den Kuß nach. Drei Monate zuvor hatten Tatu beim Eurovisions-Grand-Prix in Riga den Kuß weggelassen, nachdem sie ihn monatelang mit Blaulicht angekündigt hatten. Im September 2005, als die reformierten Tatu in London bei einer Gay-Night ihr neues Lied sangen, versuchte Julia, Lena zu küssen. Lena wollte nicht.
„Das ist kein Image. Das ist unser Leben“
Ein Interview mit Tatu macht man eigentlich nur, um mal zu sehen, wie die zwei so sind. Die Kontroversenroutine haben sie viel zu oft absolviert, aufschlußreiche Antworten geben sie nie, und uninteressante Antworten geben sie erst, wenn sie vorher länger auf russisch miteinander diskutiert haben. Es ist bekannt, daß Wolkowa und Katina ihre Karriere mit derselben Energie verfolgen wie chinesische Kampfschwimmerinnen, die für Olympia trainieren - jede Frage wird mit einer exzellenten Kombination aus Abwehr und komplettem Desinteresse begrüßt, als sei man der böse Kaufhausdetektiv: Wolkowa schaut den Interviewer an, als habe sie eben ein schweres Nervenleiden bei ihm diagnostiziert, Katina liegt müde im Sofa.
Also: Die meisten Leute interessieren sich bei euch nur . . . Katina: „Für die Lesben-Sache.“ Nein, das meinen wir nicht, sie interessieren sich für euer Privatleben. Wolkowa: „Wir kennen uns seit zehn Jahren. Wie war die Frage?“ War das rückblickend eine gute Idee mit dem Image? Wolkowa: „Das ist kein Image. Das ist unser Leben. Wir haben Gefühle.“ Katina: „Wir küssen uns wie Schwestern, nicht wie Lesben.“ Wolkowa: „Wir küssen uns, wenn wir wollen. Wenn nicht, dann nicht.“
Warum sie langweilig geworden sind
Ganz abgesehen davon, daß selbst in liberalen Haushalten derartige Schwesternküsse eine Krise auslösen würden: Hier läuft poptheoretisch natürlich einiges schief. Der Witz bei Tatu war doch gerade die Eindeutigkeit, das völlig Überdrehte, Überdeutliche, die Monstertruck-Knutscherei, bei der die Frage nach den privaten Verhältnissen höchstens für Leser-Tip-Spiele in der Jugendpresse gut war. Seit sie sich vom glücksbringenden Dämon Schapowalow getrennt haben (Katina: „Iwan ist einer, der seinen Platz in der Welt noch nicht gefunden hat“), versuchen Tatu, ein spielerisches, mehrdeutiges Element in ihr Image zu bringen: wahre Biographien auf der einen Seite, die Geburt von Wolkowas Sohn, Katinas ernsthaftes Psychologiestudium; auf der anderen Seite, in Musik und Videos, gehen die Andeutungen weiter. Auf einem Lied der neuen Platte „Dangerous And Moving“ werden die Zeilen „He loves me“ und „She loves me“ so oft lustig durcheinander gesungen, daß man jede Orientierung verliert.
Iwan Schapowalow betreute zwischendurch, mit ähnlicher Subtilität wie früher, eine Sängerin namens Nato, die er als tschetschenische Selbstmordattentäterin verkleidete, mit Debütkonzert am 11. September. Seine zwei Tatu-Mädchen dagegen haben unter neuer Leitung in Los Angeles produziert, ließen sich in einem niedlich absurden Anfall von Klassikrock-Pflege eine Baßlinie von Sting spielen, der das allerdings per Datenübertragung besorgte, ohne die Sängerinnen je zu treffen. Und dann ist da noch das neue Video „All About Us“. Wer verstehen will, warum die neuen Tatu so viel langweiliger, nichtssagender und vor allem unpoppiger sind als die alten, muß sich das ansehen.
Die mit dem Hirn an der Wand
Den Kuß-Song „All the Things She Said“ hört man kurz im Autoradio, bevor die zwei im Film vor einer Kneipe parken, Wodka kippen und sich schwesterlich zerstreiten. Schlagzeilen von früher werden eingeblendet („Tatu - sind sie oder sind sie nicht?“), dann beginnt die RTL2-Spielhandlung: Julia läßt sich von einem zweifelhaften Mann mit nach Hause nehmen, der aufdringlich wird. Ein Anruf, Lena jagt zu Hilfe, mit dem Sportwagen durch die dunkle Stadt, während Julia das Problem selbst erledigt: Sie findet eine Pistole, schießt dem Aggressor in den Kopf, Gehirnmasse fliegt nach hinten. Am Ende die Wiedervereinigung des Frauenpaares. Und wieder ein Grund für die Sender, das Video nicht zu spielen. Leider kein so guter wie beim letzten Mal.
Tatu waren die Gruppe mit dem Kuß. Jetzt sind sie die mit dem Hirn an der Wand.