14.03.2010 · Hässlichkeit als Markenzeichen: Das Video „Enter The Ninja“ der südafrikanischen HipHop-Truppe „Die Antwoord“ hatte innerhalb weniger Tage mehr als zwei Millionen Zugriffe im Netz. Es geht um die Zustände in Südafrika, die nicht zum offiziellen Image des WM-Gastgebers passen.
Von Robert von LuciusKnapp drei Monate vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft erfährt nicht nur die politische Entwicklung im Süden Afrikas eine gesteigerte Aufmerksamkeit, sondern auch die Kultur. Viele Jugendliche der Internetgeneration sprechen seit vier, fünf Wochen von einer neuen künstlerischen Entwicklung am Kap. Es ist aber weder der Johannesburger William Kentridge mit seinem Doppelauftritt in New York an der Metropolitan Oper und am Museum of Modern Art, der ihre Aufmerksamkeit auf sich lenkt, noch Athol Fugard als einer der großen Bühnenautoren, dessen jüngstes Stück „The Train Driver“ in Kapstadt in einem neuen, nach ihm benannten Theater uraufgeführt wird.
Es ist die Kapstädter Hiphop-Rave-Gruppe „Die Antwoord“ (die Antwort). Sie scheint allem zu widersprechen, was man von Bühnenauftritten gewohnt ist. Hässlichkeit und Rätselhaftes sind ihre Markenzeichen. Damit hat sie so großen Erfolg wie seit langem kaum eine andere Band. Ihr Video „Enter The Ninja“ hatte innerhalb weniger Tage mehr als zwei Millionen Zugriffe auf Youtube, Blogs, Twitter. Jugendliche von Riga bis London tauschen sich darüber aus. Die südafrikanische Website der Gruppe, die erstmals zusammen im Februar vorigen Jahres auftrat, brach am ersten Tag von „Enter The Ninja“, zusammen.
Als hätte Dieter Bohlen den Duchgeknalltesten gesucht
Die Einschätzungen zu diesem Phänomen schwanken. Die Moderatoren des amerikanischen Internetsenders „The Young Turks“ vergleichen „Die Antwoord“ mit dem Erfolg des Rappers Eminem, finden aber auch, sie sei so schlecht, dass sie schon wieder gut sei. „Style Spion“ meint, die Rapper frästen ihren Weg unaufhaltsam durch die Blogosphäre. Eine Jugendwebsite schreibt, die Sänger ließen einen ratlos zurück und fragt, ob ein südafrikanischer Dieter Bohlen aus tausend Sonderschülern die Durchgeknalltesten ausgewählt habe. Manche stellen gar ernsthaft die Frage, ob es die Gruppe überhaupt gebe – der Frontmann Ninja lässt sich nur über eine verdeckte Internetanschrift befragen. In einem Video gibt der Sänger mit dem Künstlernamen Ninja – eigentlich heißt er Watkin Tudor Jones – vermeintlich Auskunft zu sich, der (mit ihm verheirateten) Sängerin Yo-Landi Vi$$er und dem stummen Dritten, DJ Hi-Tek (Justin DeNobrega). Dabei verschwimmt Fabel mit ein wenig Wirklichkeit. Wo die Grenzen sind, will Ninja nicht sagen, auch nicht, ob einige ernsthafte Sätze in seinem Mega-Hit „Enter the Ninja“ ernst gemeint seien; sie können durchaus als Warnung vor ungehemmtem Alkoholgenuss (Ninja trinkt nicht) und Sex gedeutet werden in der Welt der Kapvororte, die von Trunksucht und Rauschgift geprägt sind.
Kunstvoller Multi-Kuti-Mix mit Plüschtieren
Nicht nur der eingängig-einfache Rhythmus ihres Liedes „Enter The Ninja“, trashig und eher dem europäischen denn dem amerikanischen Rap nahe, erklärt den grenzüberschreitenden Erfolg, der die Kapstädter unvorbereitet traf. Jones trat schon unter vielen Namen auf, er sieht sich als ein Pionier des afrikaansen digitalen Untergrundes, doch niemand beachtete ihn ein Jahrzehnt lang. Nun buhlen offenbar einige der großen Plattenfirmen der Welt um einen Vertrag. Von April an, gesichert ist das nicht, will „Die Antwoord“ in Europa und Nordamerika auftreten.
Wer das Video mehrfach anschaut, bemerkt, wie kunstvoll, fast meisterlich das scheinbar Chaotische, Naive und Hässliche geformt ist. Übertreibungen, hintergründiger Humor, mehrere Sprachen und Kulturen verbinden sich zu künstlerischem Punk. Mit dem sonst eher von Farbigen (Coloureds) am Kap gesprochenen afrikaanse Slang, provokativen Gesten, den Tatoos einschließlich des Spruchs „ziemlich weise“ auf Ninjas Hals verschwimmen die Grenzen zwischen Ironie, Trivialem und Überheblichkeit. Anklänge an die Familienwerte der Unterschicht, aus der die drei Musiker angeblich kommen sollen, werden überhöht durch Plüschtiere, gestickte Wandteppiche und den aufgemalten Dolch auf der Brust. Mehrfach kommt ein in Kapstadt bekannter DJ ins Bild, der an der seltenen genetischen Krankheit Progeria leidet, bei der man rasch altert.
Zeigen, was in der wirklichen Unterschicht-Welt geschieht
Die Raver wollen das zeigen, was man schon in der wirklichen Welt, vor allem aber auf der Bühne zu meiden sucht. Das reiht sich ein in die Bemerkung von Jones, er bewundere den in Südafrika lebenden amerikanischen Fotografen Roger Ballen. Auch Ballen hatte sich dem Verformten, Misslichen in der weißen Unterschicht der Afrikaaner, der „armen Weißen“ auf dem Lande, zugewandt; so wurde er zwar als großer Künstler anerkannt, aber auch angefeindet. Das wird auch Ninja recht sein. Vor fünfundzwanzig Jahren hatten junge Afrikaaner um Johannes Kerkorrel (Kirchenorgel) mit Kunstnamen schon einmal rebelliert – konnten aber damals mit dem afrikaansen Sprechgesang nur ihre Altvorderen schockieren. Ninja und Die Antwort lassen sich dank des Internets nun nicht mehr eingrenzen.
Robert von Lucius Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.
Jüngste Beiträge