Home
http://www.faz.net/-gqz-766u4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 01.02.2013, 09:34 Uhr

Stoiber on Drums Ein getrommeltes Gedicht

Ein Schlagzeuger hat Edmund Stoibers Transrapid-Rede in Rhythmus verwandelt. Entstanden ist große Kunst: Der Song hätte das Zeug zur Hymne.

© Jonny König Ein Ausnahmeschlagzeuger: Jonny König übersetzt Stoibers Großstadtlyrik in Beats

Er nennt sich Jonny König und sitzt sehr konzentriert an seinem Schlagzeug. Dann erklingen Sprachfetzen von einem Tonband, und eine irre Performance beginnt. „Wenn Sie / Vom Hauptbahnhof in München / Mit zehn Minuten / Ohne dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen / Dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen“ - so geht das stakkatoartig weiter, während der Drummer die Silben kongenial in Anschläge auf seinem Instrument verwandelt.

Jan Wiele Folgen:

Handelt es sich um ein modernes Gedicht? Nein, es ist Edmund Stoibers legendäre Münchener Transrapid-Rede aus dem Jahr 2002, mit welcher der damalige bayerische Ministerpräsident die Segnung einer Magnetschwebebahn für die Stadt München ausmalen wollte und sich, wie viele meinten, dabei heillos verstrickte.

Doch weit gefehlt - nun wird wird dem Letzten klar, dass es sich dabei um veritable Großstadtlyrik handelt, voller Aposiopesen, also gezielt vorzeitig abgebrochener Verse. Der junge Schlagzeuger König, der ein Stipendium bei der Popakademie Baden-Württemberg hat und in diversen Bands spielt, nutzt sie als Readymade-Kunstwerk und übersetzt dieses auf  Snare, Hi-Hat und  Bass-Drum.

Aber nicht nur die rhythmische Versiertheit ist berückend: Als sich die Stoiber-Bandstimme an einer Stelle aufhängt und ständig wiederholt, mausert sich die Performance noch zu einem richtigen Song:  Zu der Hookline „Weil das ja klar ist“, die wohl mithilfe eines Vocoders zur Melodie mutiert, fallen Jonny Königs Kollegen dann mit Gitarre, Bass und Synthesizer ein und machen aus dem Gipfel rhetorischer Verunklarung leuchtende Popmusik.

Stoibers Rede hat bereits eine erstaunliche Netz-Karriere hinter sich: Sie wurde vielfach kabaretistisch eingesetzt; sogar eine Nudelfirma wollte einmal mit ihr werben, was Stoiber jedoch untersagte. Dies allerdings ist die bislang wohl lustigste und auch kunstvollste Adaption, die das Zeug zur Bayernhymne hätte. Und von Jonny König und seiner Band wünscht man sich nun weitere Beat-Projekte:  Alle die lyrischen Perlen eines Trapattoni, Sarkozy oder George Bush warten nur darauf, getrommelt und vertont zu werden.

Quelle: Faz.net

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Album der Woche Der große Wurf der Kleingeldprinzessin

Wenn sich jahrelange Arbeit auszahlt: Dota ist jetzt eine Band und ihr Album Keine Gefahr vereint Liedermachertum mit Elektro-Grooves auf wunderbare Weise. Mehr Von Jan Wiele

01.02.2016, 21:35 Uhr | Feuilleton
Eurovision Song Contest Schwule Ampelmännchen in Wien

Im Rahmen des Eurovision Song Contest Finales in Wien zeigt sich die Stadt offen für alle Partnerschaftsmodelle, auch im Straßenverkehr. Mehrere Fußgängerampeln in der österreichischen Hauptstadt zeigen in den kommenden Wochen gleichgeschlechtliche Paare. Mehr

01.02.2016, 13:45 Uhr | Gesellschaft
Fastnacht und Flüchtlinge An der Obergrenze

Söder ist Stoiber, Seehofer ist halb giftig, die Bayern sind fast schon Orientalen: Ein Besuch beim Heimatminister, mit ihm in der fränkischen Fastnacht – und ein Blick auf die Flüchtlinge auf dem Nürnberger Hauptbahnhof. Mehr Von Anna Prizkau

07.02.2016, 16:18 Uhr | Feuilleton
Eagles-Mitbegründer Glenn Frey ist tot

Glenn Frey, Gründungsmitglied der Kultband Eagles, ist im Alter von 67 Jahren gestorben. Zu den bekanntesten Liedern der Band gehörten neben Hotel California die Songs Take it Easy und Tequila Sunrise. Mehr

19.01.2016, 09:17 Uhr | Feuilleton
Besuch bei Putin  Wirtschaft erfreut über Seehofers Moskau-Reise

Horst Seehofers Reise zu Wladimir Putin sorgt für Kritik. Viele Unternehmer Bayerns unterstützen ihn jedoch – sie machen wegen der Sanktionen weniger Geschäfte in Russland. Mehr

03.02.2016, 11:23 Uhr | Wirtschaft
Glosse

Mythos Bochum

Von Andreas Rossmann

Eine Stadt in der Strukturkrise, ein unterfinanziertes Schauspielhaus, eine Kulturpolitik ohne Weitblick: Warum tut sich Johan Simons das an und wird Intendant in Bochum? Der Stadt freilich hätte nichts Besseres passieren können. Mehr 1