16.07.2010 · Das Konzert von Sting in der Metropolitan Opera zeigt seine Schwäche fürs prätentiöse Konzept. Er bewegt sich weniger als Fischer-Dieskau, verströmt aber dennoch Bühnenpräsenz. Und inszeniert eine Opulenz, die manchmal des Guten zuviel ist.
Von Jordan Mejias, New YorkDas kommt also davon, wenn die Mutter, im Hauptberuf Friseuse, Klavier spielt und dem Klassikprogramm der BBC lauscht. Irgendwann muss der Sohn da einfach vor einem Sinfonieorchester stehen und zu singen anfangen. Vielleicht sogar in der Metropolitan Opera von New York. Gut, das Kind könnte auch rebellieren, zur Bassgitarre greifen, Rocker werden und eine Band namens The Police gründen. Sting hat beides getan. Erst war er Rocker, jetzt hat er seinen immer mehr zum Pop neigenden Rock mit den Mitteln der Sparte Klassik veredelt. War das nötig?
Falsche Frage, klar. Sting weiß, dass es sich für einen Rocker, egal welcher Subspezies, nicht gehört, von Purcell oder Schumann zu schwärmen. Er tut's dennoch. Und wenn ihn Mitrocker deswegen ins Gebet nehmen, vergleicht er sie mit den Taliban. Der Geist des Rock, wie Sting es noch unerschütterlich glauben will, heißt Freiheit, und folglich nimmt er sich die Freiheit, zu singen, wie und was er will - ob Jazz oder elisabethanische Lautenmusik, ob Country oder Kurt Weill oder Selbstgemachtes.
Für seine diesjährige Welttournee, die ihn nun für zwei Abende in ein Heiligtum der Hochkultur, die New Yorker Met, führte, hat er sich ein Sinfonieorchester gemietet. Der Mann will nicht nur Popstar sein, er will als Künstler ernst genommen werden, als Künstler mit ganz großem K. Was heutzutage, wo sich die Höhenunterschiede im Kulturbetrieb längst eingeebnet haben und kein Olymp mehr die globale Hügellandschaft überragt, ein überaus rückwärtsgewandtes Verlangen ist.
Melancholisches, Verhaltenes, Balladeskes
Es wird auch Stings Ruf festigen, eine Schwäche fürs prätentiöse Konzept zu haben. Schließlich kann ein vollmundiger Tourneetitel wie "Symphonicities" nur jemandem einfallen, der schon vor einem Vierteljahrhundert ein Album namens "Synchronicity" herausbrachte. Aber damit wäre nun wenig erklärt. Stings Drang zur hohen Kunst ist keine Pose.
Vor den beiden Konzerten in der Met war er in New York im viel intimeren Rahmen zu erleben, in einer Art Performance, die daraus bestand, dass er und seine Frau, die Schauspielerin Trudie Styler, aus Briefen von Robert Schumann und Clara Wieck lasen, umrahmt von Kammermusik der Zeit. Ganz so kompromisslos wollte er im Konzert seine Vorlieben nicht durchsetzen. Den Fans mutete er aber einen Abend zu, in dem die Hits zum Mitsingen dünn gesät waren. "Roxanne" wurde gleich in der ersten Viertelstunde abgehakt, und dann gab es immer seltener Gelegenheit, einen Lieblingssong mit Applaus zu begrüßen. Aufs Programm gesetzt hatte Sting indes manche Rarität aus eigener Produktion, manch Melancholisches, Verhaltenes, getragen Balladeskes.
Ein für die Met ungewöhnliches Volumen
Der Sound blieb freilich immer opulent, und das war oft des durchaus Gutgemachten zu viel. Hoch anzurechnen ist Sting, dass er nicht den Kollegen Paul McCartney oder Elvis Costello folgt und so der Gefahr erliegt, klassische Großformen zu banalisieren. Ihm reicht es, wenn seine Songs ins sinfonische Breitwandformat gebracht werden, von mit allen musikeklektischen Wassern gewaschenen Arrangeuren wie Vince Mendoza und Rob Mathes, die auch schon mal ein halbes Violinkonzert als Prae- und Postludium unterbringen oder einem Solocello zwischendurch erlauben, gefühlvoll zu träumen.
Bombastisch durfte "Russians" aufbranden, Stings Friedenslied aus Zeiten des Kalten Krieges, das Prokofjew und Mussorgski zitiert und jetzt so tut, als ginge gleich der Vorhang über "Boris Godunow" hoch. Steven Mercurio, der Dirigent, der zwar vorschriftsmäßig im Frack erschien, sich darin aber mit der Inbrunst eines Zirkusdirektors austobte, und die kaum weniger wichtigen Tontechniker drehten dafür das Royal Philharmonic Concert Orchestra, die Unterhaltungsabteilung des tiefseriösen Royal Philharmonic Orchestra, zu einem Volumen auf, das zumindest in der Met ungewöhnlich war.
Sting hätte das alles nicht gebraucht
Bedenklich war trotzdem nicht so sehr die Lautstärke als der neue Hochglanz von Songs, die eher minimalistisch angelegt sind. Von "Englishman in New York" bis zum "I Hung My Head", dem Song, den sich einst Johnny Cash geschnappt hat, wird Stings musikalische Grundnahrung nun mit einer reichhaltigen Soße serviert. Zum Glück ist es keine Einheitssoße - im Gegenteil, sie wird immer wieder neu abgeschmeckt und raffiniert gewürzt, aber das charakteristische Aroma verdeckt sie doch. Erst nach der Pause, wenn es richtig melodramatisch wird, wenn in "Moon Over Bourbon Street" sich Flötengeflatter, Theremingejaule und dissonante Kontrapunktik zu einer artifiziell filmischen Atmosphäre verdichten und in "Tomorrow We'll See" die Geschichte eines transsexuellen Prostituierten durch kompakte, elegischen Akkorde schimmert, stellt sich überhaupt nicht mehr die Frage, ob Form und Inhalt zueinanderfinden. Da machen Song und Orchesteropulenz gemeinsame Sache.
Sonst hätte so viel Luxus gar nicht sein müssen. Ist ja toll, dass Jo Lawry, die fabelhafte Backup-Sängerin, den Star mit immer wieder anders gewundenen Vokalgirlanden versorgt und Branford Marsalis mit seinem Sopransaxophon durch ein paar Songs wandert, als schaute er zwischen zwei Terminen zufällig vorbei. Sting hätte das alles nicht gebraucht. So wie er ohne choreographische Mithilfe die Bühne beherrscht, wäre er auch ohne Superorchestrierungen blendend über die Runden gekommen. Das bestätigt er mit jedem Ton, jedem Blick, jeder sparsamen Geste, kurz, mit seiner Bühnenpräsenz, die er so lässig wie genau abgemessen verströmt.
Erst gegen Ende erlaubt er sich rockige Ausgelassenheit
Auch nach zweieinhalb Stunden ist seine robuste, unverwechselbar angerauhte Stimme noch fast frei von Kratzern, und wie er "When We Dance" ins Falsett befördert, das hat einfach was, nennen wir es: Stil. Dass er inzwischen achtundfünfzig Jahre alt ist, vergisst er selbst nicht zu erwähnen und scheint es zugleich in Skinny Jeans und einer hauteng geschneiderten Jacke zu widerlegen.
Aber es war wohl nicht die Met, die ihn dazu verführt hat, streckenweise das Dekorum eines klassischen Recitals zu wahren und damit auch das sonntäglich gekleidete Publikum anzustecken, das jeden Song beklatscht und nicht daran denkt, in den Gängen zu tanzen. Ein Fischer-Dieskau hat sich auf dem Konzertpodium manchmal mehr bewegt, als Sting es sich auf der New Yorker Opernbühne gestattet.
In perfekt ausbalancierter Nonchalance geraten seine Hüften allenfalls andeutungsweise in Bewegung, und dazu passt auch, dass er Mundharmonika und Gitarre, die ihm dienstbare Geister darreichen, geradezu huldvoll entgegennimmt. Erst gegen Ende und vor allem auch in "She's Too Good For Me", seiner ersten Zugabe, erlaubt er sich und dem Publikum ein bisschen rockige Ausgelassenheit; aber auch das wird kein Rausschmeißer. A cappella schickt er seine Fans nach Hause. Auch Rock soll eine heilige Kunst sein.